Medien : Der bewegte Mensch

Was aus dem Fernsehen in 50 Jahren geworden ist: Droge der Alleingelassenen, Schule der Nation, Spielplatz der Geschichte. Mit dem Fernsehen und für das Fernsehen wird gelebt, nachgeahmt, inszeniert – und es wird ihm nicht widerstanden

Hellmuth Karasek

Am 4. Juli 1954, an einem, wenn ich mich recht erinnere, heißen Sommertag, stieg ich aus dem Nachmittagslicht in das verräucherte Dunkel einer Kneipe an einer Ausfallstraße in Tübingen. Die Vorhänge waren zugezogen, die Stühle in eine Richtung gedreht, die Besucher, ausschließlich Männer, starrten auf eine kleine, graue, schlierige Scheibe, auf der im griesligen Licht Männer zu erkennen waren, die Fußball spielten: Deutsche in der Schweiz, die sich gerade für das abrackerten, was man später das „Wunder von Bern“ nennen sollte. Deutschland war, „wir“ waren Weltmeister. Und das Fernsehen war dabei.

Das heißt: Eigentlich ist das geflunkert, denn die Weltmeisterschaft von 1954, das war eigentlich noch ein Vor-Fernseh-Ereignis, eines des Radios, mit Zimmermann, der „Tor, Tor, Tor“ schrie, als das 3 : 2 fiel. Aber von da an war das Fernsehen dabei, und es begleitete die Fußball-Einigung Europas in den Cup-Wettbewerben, und es machte das Schaufenster in den Westen für unsere damaligen „Brüder und Schwestern“ so attraktiv (nur in Dresden, im „Tal der Ahnungslosen“, blühte mit Dynamo Dresden ein internationaler Verein). Man sah WM und EM und das „Tor des Monats“ und wie Uli Hoeneß einen Elfmeter verschoss. Und überhaupt sah man Tore in Rückblende und später die Abseitslinie. Und es war das Fernsehen, das den männlichen Teil der Nation zu Fußball-Experten heranbildete, soweit es die Kerle noch nicht waren, jedenfalls.

Fußball und Fernsehen, das ist ohne Zweifel eine starke Liaison seit dieser Zeit. Und sie zeichnete auch die Graben- und Quotenkriege der „Privaten“ und „Öffentlichen“ am stärksten aus. Und wenn seit der Kirch-Pleite und Kirch-Abwicklung ein Krachen durchs ökonomische Gebälk zieht, dann hängt das mit dieser engen Verbindung zwischen Ball und bewegtem Bild zusammen. Da wollte unser populistischer Kanzler Schröder, der erste Kanzler, der Deutschland zur Telekratie (sprich: Fernsehherrschaft) umzuformen sucht, sogar Subventionen fließen lassen, damit „ran“ bleibt und wir via Bildschirm Fußball satt bekommen, als Grundversorgung.

Es bleibt dabei: Die Rückblende, mit der ein Tor, ein Foul, ein Abseits beliebig oft wiederholt werden kann, so lange bis auch der letzte Zuschauer der Meinung des Kommentators ist, diese Rückblende ist eine der großen Errungenschaften des Fernsehens.

1952, und hier muss man sagen: leider, auch nur in Schwarz-Weiß sah man die Krönung Elisabeths II. im Fernsehen. Das Ereignis fand vorwiegend in den Einkaufsstraßen der Städte statt – dort, wo sich vor Elektroläden (das Wort Medium war noch ein Fremdwort und vorwiegend für die Assistentin des Hellsehers im Varieté vorbehalten) Trauben von Menschen drängten, um nostalgisch im modernsten Medium zu schwärmen.

Ein Instrument der Nostalgie ist das Fernsehen geblieben und immer neu geworden. Pantoffel-Kino, etwas für Alte, Ältere, daheim Sitzende, daheim Sitzen-Gebliebene, die in neuen Bildern sahen, wie es „früher“ war und was vom „Früher“ noch lebendig ist: die Volksmusik, die Egerländer und Oberkrainer und Schürzenjäger.

Diese Zuschauer, ob alt oder jung, Oma und die Enkelchen eben, nannte man „Couch potatoes“, weil sie später vor dem Bildschirm saßen und Chips und Eiscreme und Knabbernüsse in sich hineinschoben und dabei für das neue Heim-Kino bald erdickten. Allerdings war das Fernsehen schnell auch ein Medium für alte Filme und bescherte dem Kino-Freak eine volkshochschulreife Renaissance der Stummfilme, der Screwball-Komödien, der frühen Hitchcocks und späten Fords, von Charlie Chaplin, Buster Keaton, den Marx-Brothers. Vor allem, als die Dritten Programme aufkamen, wurden sie zum Programmkino der Nation.

Dass Vati am Wochenende der Familie gehört, war ein Gewerkschafts-Slogan der 50er Jahre. Die Ladenschlusskämpfe, die deswegen ausgetragen wurden, die Kriege zwischen Kaufhäusern und Gewerkschaften, beben heute nach, wenn es der Regierung als „kühne Reform“ vorschwebt, am Samstag die Läden bis acht Uhr abends offen zu lassen. Der Samstagabend, an dem Vati der Familie gehört und Mutti auch, war und ist der Abend der großen Familiensendung. Lou van Burg mit seinem liebenswürdig-schmierigen „Goldenen Schuss“ hat sich hier mit dem Charme eines Butterfahrt- und Heizdecken-Entertainers abgestrampelt. Und die Linie von Peter Frankenfeld über Hans-Joachim Kulenkampff bis Rudi Carrell war so etwas wie eine Geschichte deutscher sittlicher Emanzipation, ein Stück Sittengeschichte – die am Samstag, wie die vorübergehende Gottschalk-Krise mit der „Luder“-Besetzung bewies, in unser Zuhause bringen will, was auf der Speisekarte des China-Restaurants „Glück für die ganze Familie“ heißt.

Ach ja, seufzen da Singles, Heranwachsende und im Alter Vereinsamte, die sich das Fernsehen bis zum Abwinken wie eine Droge reinziehen: Schön wär’s! Schön wär’s!

Das Fernsehen war auch die politische Schule der Nation. Wenn ich denke, welche wohligen und schrecklichen Schauder uns über den sonntäglichen Rücken gingen, wenn Werner Höfer fünf Journalisten aus sechs Ländern (oder war es umgekehrt?) um sich versammelte und ihnen auf Deutsch zuprostete, dann weiß ich, wie wir via Bildschirm Europäer, ja Transatlantiker wurden.

Und dann die „Tagesschau“! Eine eiserne Benimm-Regel für diese sakrosankte Zeit, in der zu Hause die Polit-Messe zelebriert wurde, war: Rufe niemals, aber wirklich niemals und nie! nie! jemanden zwischen acht und Viertel nach acht an: Wenn Raschel-Köpcke unter würdigem Toupet spricht. Oder Dagmar Berghoff (die in Sabine Christiansen erstaunlicherweise eine optisch neutrale Wiedergängerin gefunden hat) bewies, dass auch Frauen Ernstes vom Teleprompter ablesen dürfen.

Aber ganz im Ernst. Dass das Fernsehen unser Leben ist, ob wir es nun sehen oder nicht, wird deutlich, wenn man die so gescholtene „Glotze“ als politisches Machtinstrument betrachtet. Zwar wurde hierzulande kein Präsident durch das Fernsehen gestürzt – wie Nixon nach Watergate durch die Übertragung der Kongress-Hearings. Zwar wurde hier auch kein Krieg durch Fernsehbilder beendet, die die Nation kriegsmüde machten – wie in den USA der Vietnamkrieg durch die Ausstrahlung der schrecklichen, für die Amerikaner deprimierenden Bilder der Tet-Offensive des Vietcong. Aber dennoch glaube ich, dass zum Beispiel die „Spiegel“-Affäre vor 40 Jahren zum öffentlichen Ärgernis wurde, nachdem sie ihren Zündstoff (die Verhaftung Augsteins, der Polizei-Zugriff auf das „Spiegel“-Büro) in der „Tagesschau“ optisch angesteckt hatte.

Auch jetzt, mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz, wird wieder konturenscharf klar, wie hierbei, bei der Abstimmung, Politik fürs Fernsehen und mittels des Fernsehens betrieben wurde; Wowereits eingeübter Rechtsbruch wie Kochs schlecht gespielte Entrüstung.

Das Fernsehen zeigte nicht nur Geschichte. Es spielte sie, inszenierte sie, bewegte sie. Dabei können wir an die Prügelperser in Berlin denken, deren TV-Szenen die 68er Revolution beflügelte. Oder gar an die Bilder aus der deutschen Botschaft in Prag, der Auswanderer-Züge aus der DDR und die Bilder von den Montagsdemonstrationen in Leipzig. Solche Bilder animieren zur Nachahmung. Solchen Bildern kann kein Regime widerstehen.

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