Medien : Der Blasse

„Tagesthemen“: Tom Buhrow weckte Erwartungen – erfüllt hat er sie noch nicht

Bernd Gäbler

Manche Einsicht kommt jäh: Grönemeyer kann nicht tanzen; Axel Schulz kann nicht boxen. Und nach einer kompletten Woche „Tagesthemen“ verdichtet sich der Eindruck: Tom Buhrow ist nicht geistreich. Öffentlichkeit und Zuschauer begrüßten ihn freundlich, als er am 1.September den herausgehobenen Job bei der ARD begann. Presse und Quoten waren gut. Zuvor kam Tom Buhrow aus Paris oder Washington ins Haus, wirkte dabei stets gut gelaunt, wach, vorurteilsfrei und präzise. Er formulierte auf den Punkt. Hinzu kam, dass dem verdienten Ulrich Wickert der Ruhestand gegönnt wurde.

Seitdem ist genügend Probezeit vergangen. Der Haupteindruck ist allerdings, dass die im Wechsel mit Buhrow moderierende Anne Will noch einmal gehörig aufgedreht hat. Sie gewann den Deutschen Fernsehpreis, ziert Illustrierten-Titelbilder, lässt sich via „Bild“-Zeitung für Hollywood empfehlen, was sie selbstredend sofort bescheiden abwehrt. Tom Buhrow dagegen hat sich vertraglich bescheinigen lassen, dass er die Nr. 1 ist. Etwas übereifrig begann er schon am 1. September. Auch seine Bemerkungen zum Start, Ulrich Wickert und Fritz Pleitgen seien seine Vorbilder und die „Tagesthemen“- Redaktion das Größte, konnte man noch als pflichtschuldige Loyalität verbuchen.

Jetzt aber moderiert er auch so. Nichts ist schrecklich, kaum etwas fehlerhaft – aber auch ganz wenig wirkt eigen. Zum Dienstantritt darf man den braven Anstaltssoldaten geben, für den Dienst selber reicht das nicht aus. Tom Buhrow nimmt den Raum nicht ein. Er klebt hinter dem Studiotisch wie festgetackert, hebt sich kaum ab von der Studiodekoration. Er bleibt blass. Anzüge und Krawatten sind schick, da gibt es nichts zu meckern. Er lächelt jungenhaft freundlich, das ist okay. Mal bewegt er den Kopf zu sehr entlang der Teleprompter-Zeilen, mal gibt es einen kleinen Versprecher – lässliche Sünden. Stets betont er richtig, strengt sich aber vor allem an, immer ganz einfache Sätze zu sagen: „Wohin steuert die CDU?“, „Investivlohn ist das Schlagwort im politischen Berlin“, „Morgen läuft der Film bundesweit in den Kinos an“, „In Amman hat US-Präsident Bush den irakischen Regierungschef al Maliki getroffen“, „Am dritten Tag des Papstbesuchs sorgte sein Besuch in der blauen Moschee für Aufsehen“. Tom Buhrow agiert eigenschaftslos als sei er nicht „Anchor“, sondern Notar der Ereignisse. Er reiht Thema an Thema, interessante Verbindungen sind seine Sache nicht. Sein größter Fehler ist, dass er penibel darauf achtet, keine Fehler zu machen, immer schön in der Mitte zu schwimmen. Auch das ist eine Form von Populismus. In einer Woche gab es ein einziges Wortspiel – am Freitag zum Thema Rauchen, keine Überraschung, keine ungewöhnliche Perspektive, nichts zum Nachdenken.

Sicher ist der Vergleich mit dem souverän agierenden Claus Kleber vom „heute-journal“ ungerecht. Der hatte schon am ersten Tag der Papstreise einen flotten Grundkurs über das frühe Christentum auf dem Gebiet der heutigen Türkei vorgelegt, sich eine populäre Überleitung vom Mannesmann-Prozess zur „Rente mit 67“ ausdrücklich verkniffen, oder einfach locker formuliert: „letzter Tag im November, aber Frühling auf dem Arbeitsmarkt“. Buhrow muss nicht so sein. Er kann gerne anders sein. Aber eigene Ecken und Kanten oder persönliche Prägung darf er allmählich schon zeigen. Wir wollen mehr sehen als glatte Fassade.

Natürlich geht es nicht um Selbstdarstellung, sondern um verständliche Vermittlung. Aber was erklärt Buhrow? Für ihn ist alles Komplizierte „heikel“. Sein Lieblingswort. Es gilt für die Papstreise, die „diplomatische Mission“ des Bundesaußenministers ebenso wie für die Lage im Libanon. Die Türkei steht gleich zwei „heiklen Herausforderungen“ gegenüber. Er muss kein Welt-Erklärer sein, aber er würde uns mehr bedeuten, wenn er mal Bedeutendes sagen oder fragen würde.

Vielleicht gibt es da auch redaktionelle Schwächen. Im Laufe der vergangenen Woche strahlte das ZDF ein Interview mit US-Außenministerin Condoleezza Rice aus, und Claus Kleber befragte ihren deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier. Tom Buhrow durfte derweil mit Christian Wulff überraschungsfrei den CDU-Parteitag nachbereiten, den UN-Beauftragten Tom Koenigs in Kabul befragen und sich mit dem Unternehmer Dr. Patrick Adenauer begnügen. Am liebsten sind der Redaktion offenbar abgesprochene zwei bis drei Fragen an die eigenen Korrespondenten vor Ort in Brüssel, Riga oder Beirut. Dann wurde am Freitag der frisch aus der Türkei zurückgekehrte Papstbegleiter, Kurienkardinal Kasper, zugeschaltet – und prompt fragt Buhrow wie ein Fußballreporter: „Wie war die Stimmung an Bord?“

So schafft man es in der guten Riege der abendlichen Tagesaufbereiter von Claus Kleber, Anne Will, Peter Kloeppel, Marietta Slomka bis zu Susanne Kronzucker nicht nach ganz vorne. Zwar bescheinigte der ARD-Vorsitzende Thomas Gruber jüngst noch einmal, Tom Buhrow gehöre zu den „hausgemachten Talenten mit Starqualität“, aber dafür müsste Tom Buhrow sich selbst allmählich von der Leine lassen. Noch ist er kein Erzähler des Tages, sondern ein kontrastarmer Buchhalter des gerade Gewesenen.

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