Medien : Der Blick zurück

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IM RADIO

Tom Peuckert verrät,

was Sie nicht verpassen sollten

Einerseits leben wir in einer Welt, die sich ganz der Gegenwart verschrieben hat. Wer heute nicht genießt, kann morgen schon tot sein. Andererseits verbringen die meisten von uns viel Zeit damit, in ihrer persönlichen Vergangenheit abzuhängen. Die Seele in nostalgischen Phantasien zu baden. Man muß das Leben zwar vorwärts leben, hat der große Philosoph Kierkegaard geschrieben, aber es lässt sich nur rückwärts begreifen. Das Kulturradio ist im Bunde mit unserer Sehnsucht nach der verlorenen Zeit. Überblickt man das tägliche Programm, dann scheint es selbst von dieser Sehnsucht infiziert. Beinahe täglich öffnen sich die Archive, die Toten fangen wieder zu reden an, das Gewesene wird in aller Ausführlichkeit noch einmal erzählt.

Unter den Zeitreisen, die uns das Kulturradio anbietet, findet sich ein Trip in die frühe Populärkultur der DDR. Vor genau dreißig Jahren hatte im Stadttheater von Halle ein Stück seine Uraufführung, dass einen berühmten Stoff für die Gegenwart adaptierte. „Die neuen Leiden des jungen W.“ hieß der dramatische Wurf des Autors Ulrich Plenzdorf, der wie einst Goethes „Werther“ zum Kultstück der Jugend avancieren sollte. Weil hier ein junger DDR-Bewohner rebellisch dachte und sich aus allen Irrungen und Wirrungen seiner unreifen Seele durch Selbstmord erlöste, fühlte sich die Obrigkeit aufs Äußerste provoziert. Die Sache artete aus in einen regelrechten Kulturkampf mit jenen, die wenigstens auf dem Theater ihre 68er-Revolte haben wollten. Tobias Barth erinnert mit seinem Feature an das legendäre historische Scharmützel (Radio Kultur, 18. Mai, 9 Uhr 05, UKW 92,4 MHz).

Schon ein paar Jahrzehnte früher verließ Maria Frise, geborene von Lösch, ihre schlesische Heimat. Auf der Flucht vor den russischen Truppen verlor sie das Land ihrer Kindheit. Kein Weg führte später dorthin zurück. In Sibylle Tannins schönem Feature „Das Schloß oder Die Magie des Erinnerns“ öffnet Maria Frise das Schatzkästlein ihrer Erinnerungen. Wie man in einer halbfeudalen Gutsbesitzergesellschaft des deutschen Ostens lebte, welche Regeln und Normen galten, was man über sich und die Welt gedacht hat (Radio Kultur, 19. Mai, 14 Uhr).

Zurück an die Schwelle des vorletzten Jahrhunderts führt uns Ilona Jeismanns musikalisches Hörstück „An der schönen blauen Donau“. Kaleidoskopische Reminiszenzen an eine Epoche, die im Wiener Walzer ihren getanzten Mythos fand. Schnitzlersche Seelenanalyse, Traumarbeit im Geiste Freuds. Das Zeitbild einer bürgerlichen Kultur am Vorabend großer Katastrophen (Radio Kultur, 20. Mai, 14 Uhr).

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