Medien : Der Chef vom Dienst

Aus der bayerischen Provinz schaffte es Claus Strunz in Rekordzeit an die Spitze der „Bild am Sonntag“

Ulrike Simon

Dicht gedrängt sitzen drei Dutzend Springer-Auszubildende im Raum. Die Luft ist weitgehend frei von Sauerstoff. Seit einer Stunde plaudert Claus Strunz aus dem Nähkästchen, wie es ums Zeitungsgeschäft bestellt ist und was ein Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ so alles macht. Diesen Monat wird er 39. Es wirkt nicht anbiedernd, wie er über Internet und iPods redet und Beispiele aus der Lebenswelt dieser Anfang-Zwanzigjährigen wählt. Plötzlich hält Strunz inne. Es scheint, als befürchte er, gleich onkelhaft zu wirken. Er sagt: „Viele Leute vertrödeln viel zu viel Zeit damit, an ihren Schwächen zu arbeiten, und am Ende, wenn sie die Schwächen ausgeglichen haben, sind sie bestenfalls so gut wie andere – Mittelmaß eben. Konzentrieren Sie sich lieber auf Ihre Stärken. So können Sie der Beste werden, und dann kommt auch der nächste Karriereschritt.“

Claus Strunz ist seit knapp fünf Jahren Chefredakteur der „BamS“, die jede Woche von zwei Millionen Menschen gekauft wird. Es waren schon einmal mehr, aber anders als früher misst sich bei Springer der Erfolg nicht mehr an der Auflage, sondern am Erlös. Und davon erwirtschaftet „BamS“ dank Preiserhöhungen und Anzeigenzuwächsen mehr denn je. In den vergangenen Wochen machte das Blatt wegen Oskar Lafontaine von sich reden. Der Streit begann, als der Links-Politiker öffentlich sagte, das Blatt lüge. Er habe den teuren Flug mit einem Privatjet nicht zur Bedingung gemacht, um zum Interview mit „BamS“-Lesern aus seinem Feriendomizil nach Deutschland eingeflogen zu werden.

Claus Strunz lebt in Hamburg mit seiner Frau und der acht Wochen alten Philippa Henriette – kurz: Pippa. Daneben hat er noch seine alte Wohnung in Prenzlauer Berg. Jeden Montag moderiert er bei N 24 die Talkshow „Was erlauben Strunz“. Diese Woche fetzte er sich mit Michel Friedman und einem Politiker zudem jeden Abend in der Sendung „Countdown“. Politik ist das Metier des 1.-FC-Nürnberg- und Westernhagen-Fans Strunz.

Ob in Berlin oder Hamburg, sei es in den Rollen als Journalist, Chef, Blattmacher, Moderator, Talkgast oder Redner: Vom privaten Strunz unterscheidet er sich nie.

Dienstag, 11 Uhr 30, Blattkritik bei „BamS“. Unaufgeregt und konstruktiv geht es zu. Zwischen Terminen im Stundentakt telefoniert er, verschickt die nächste SMS, albert herum, futtert Gummibärchen, liest Unterlagen und nutzt fürs Gespräch die Gelegenheit zum Spaziergang. Nie ist er genervt, selten nervös, immer optimistisch – und preußisch diszipliniert.

Wer in Strunz nur den sympathischen jungen Mann von nebenan sieht, unterschätzt ihn. Was er tut, ist kalkuliert, was er erfährt, wird analysiert. Kein Schritt ist unbedacht, alle Konsequenzen sind durchgespielt. Selbstkritisch geht er noch mal alles durch. Sein analytisches Denken sichert ihm jene Unabhängigkeit, die bei Springer mehr auffällt als anderswo.

Alle großen Springer-Blätter druckten Auszüge der Biografie von Friede Springer – „BamS“ nicht. Mit einer Unterschriftenliste wehrten sich die Chefredakteure gegen eine Übernahme Springers durch die WAZ- Gruppe – Strunz unterschrieb nicht. Stattdessen verfasste er Kommentare, warum der Kanzler beim Nein zum Irakkrieg Recht hatte oder warum George W. Bush besser nicht erneut US-Präsident würde. Früher und schärfer als andere prangerte er Bushs Vorgehen in New Orleans an. Dank Strunz hat der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner immer Beispiele parat, falls mal wieder jemand behauptet, bei Springer gehe es nicht liberal zu.

Über das Verhältnis zwischen „Bild“- Chefredakteur Kai Diekmann und Strunz heißt es, die beiden seien sich in herzlicher Rivalität zugetan. Gern wird von jenem Fest erzählt, bei dem sie beim Rodeo um die Wette ritten. Es ging darum, wen es länger im Sattel hält. Gewonnen hat Strunz.

Ein Chefredakteur eines Konkurrenzverlags findet es „lustig, wie ,Bild‘ Dieter Bohlen hochschreibt, während ,BamS‘ die kritischen Bohlen-Geschichten macht, und wie groß im Gegensatz zu ,Bild‘ die Sympathie von ,BamS‘ zu Jürgen Klinsmann ist“. Auch bei den Auszubildenden kommt die Rede auf den Bundestrainer. Strunz sagt: „Wir bei ,BamS‘ finden Menschen toll, die wie Klinsmann mit modernen Methoden versuchen, alte Strukturen aufzubrechen. Ich persönlich bewundere seinen Mut zu Reformen in diesem verzopften DFB.“

Klinsmanns Berater Roland Eitel sagt: „,Bild‘ und ,BamS‘ unterscheiden sich aus unserer Sicht erheblich. Allein schon, weil ,BamS‘ reflektierter und magaziniger ist als die tagesaktuelle ,Bild‘. Ich denke, Strunz und Klinsmann ähneln sich insofern, als beide angetreten sind, um frischen Wind reinzubringen.“ Bei der Nationalmannschaft sei es so, „dass die im Sport üblichen alten Weißt-du-noch-Schweißkameradschaften nicht mehr so richtig funktionieren“. Viele Journalisten würden ihre Gesprächspartner und Informanten von früher vermissen. „Entsprechend haben sie mit diesem neuen Umfeld und den modernen Ansichten eines Klinsmann Probleme.“ Strunz hat damit kein Problem.

Claus Strunz ist als Einzelkind in Bayreuth aufgewachsen. Als Junge durfte er manchmal mit seinem Vater zu Kunden und beobachtete, wie er von jedem Persönliches wusste und so seine Waren individuell anpreisen konnte. Das Talent hat er sich abgeschaut. Anders als seine Eltern wurde er nicht Verkäufer, sondern Journalist.

„Seine Antriebsfeder ist zu zeigen, dass er besser ist“, sagt Uwe Zimmer, Strunz’ früherer Chef bei der „Abendzeitung“. Schon mit 16 holte Strunz beim „Nordbayerischen Kurier“ am Wochenende die Fußballergebnisse der Kreisklasse ein. Unter Zimmer wurde er „der jüngste Chef vom Dienst, den die ,Abendzeitung‘ je hatte“. Strunz übernahm immer die Spätschicht von 15 Uhr bis Mitternacht. Vormittags studierte er. Mit 27 wurde er Ressortleiter. Zimmer sagt: „Strunz ist sehr ehrgeizig, weiß genau, was er will, aber auch, was er kann. Und das will er beweisen, wobei er nie fordert, ohne in Vorleistung zu gehen.“ Zimmer sagt auch, er freue sich, „dass sich bestimmte Charaktereigenschaften bei ihm nicht geändert haben“. Regelmäßig ruft Strunz ihn an, sei es spätabends. Enge, persönliche Kontakte sind Strunz wichtig.

Und doch: Das Emotionale liegt ihm nicht. Das merke man der „BamS“ an, kritisieren die einen. Andere erkennen in seiner Rationalität und Analysefähigkeit das Erfolgsgeheimnis. „Strunz wusste schon, wie die Zeitungsseite aussehen muss, während andere noch über die prinzipielle Schwierigkeit des Themas debattierten“, erinnern sich die einen. „Strunz hat sein Hirn frei von Gerümpel“, sagt Johann Michael Möller, Vizechef der „Welt“. Von 1998 bis 2000 waren die beiden Kollegen.

Für ein Intellektuellenblatt scheint der schmale Mann mit der Brille zu sehr in boulevardesken Kriterien zu denken. Seiner Arbeit im Boulevardjournalismus hingegen scheint sein Wertesystem aus Moral, Anstand und Fairness zu widersprechen. Was ihn wirklich fuchst, ist, wenn ihm Unehrlichkeit vorgeworfen wird. Deshalb wehrt er sich so rigoros öffentlich wie juristisch gegen Lafontaines Vorwurf zu lügen.

„BamS“ gehe ähnlich fahrlässig mit Menschen um wie „Bild“, meinen viele. Strunz wirkt aufrichtig, wenn er sagt, er wolle eine nicht nur unterhaltsame, sondern ehrliche, faire Boulevardzeitung und versuche, diese Werte vorzuleben.

Philosophisches Parlieren, Fachchinesisch und Phrasen langweilen ihn. Deshalb mag er den Boulevard, deshalb denkt er sich bei seiner Talkshow jede Woche etwas Spielerisches aus. Damit lockt er seine Gäste aus der Reserve, zwingt sie zu Spontanität. Meistens funktioniert es. Wenn nicht, sagt das auch viel über die Gäste aus.

An jenem Dienstag ist er neben weiteren Chefredakteuren Gast bei Kerner. Die Aufzeichnung läuft seit 20 Minuten, da zupft Strunz sein Sakko zurecht, sagt noch, warum ihn das Krisengerede hier nervt, und hält sich fortan zurück. Zwischen 30 und 40 Beiträge liefern die anderen Gäste, Strunz 15. Jeder lebte seine individuellen Eitelkeiten aus. Strunz saß da, wie üblich ohne Krawatte, aber mit maßgeschneidertem Hemd, die linke Manschette mit den Initialen etwas weiter genäht als rechts, damit die Uhr darunter Platz findet.

Ein Kollege erzählt, wie anstrengend es sein kann, wenn Journalisten selbst bei Partys nicht aufhören, am laufenden Band brillante Redebeiträge produzieren zu wollen. Mit Strunz könne man auch mal beim Bier über schöne Frauen reden. Wenn er dann nicht schon auf der Tanzfläche zugange ist.

Claus Strunz wechselte 1998 von der „Abendzeitung“ zu Springer .

Der heutige Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner , 1996 zum Chefredakteur der „Hamburger Morgenpost“ berufen, wollte während einer Hospitanz bei der „Abendzeitung“ erfahren, wie man Boulevardjournalismus macht. So lernte er Strunz kennen. Döpfner bot ihm an, zur „Hamburger Morgenpost“ zu wechseln – Strunz lehnte ab .

Den zweiten Versuch startete Döpfner als Chef der „Welt“ . Diesmal folgte Strunz dem Angebot. Er leitete die Reportageseite und entwickelte die „Literarische Welt“. 1999 wurde er Vize-Chefredakteur.

Chefredakteur von „Bild am Sonntag“ ist Strunz seit Oktober 2000 .

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