Medien : Der Clan der Sarkozyaner

Wahlkampf in Frankreich: Der konservative Kandidat hat mehr Medien-Freunde als Konkurrentin Royal

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy, die Kandidaten der beiden großen Parteien Frankreichs zur Präsidentenwahl, sehen sich demselben Feind gegenüber – den Medien. Fernsehen und Rundfunk seien „Relaisstationen der Rechten“, schimpft die sozialistische Kandidatin, während der Innenminister und Kandidat der konservativen Regierungspartei UMP (Union pour un mouvement populaire) drei Viertel der Journalisten als seine Gegner verdächtigt.

Paradoxerweise haben beide mit ihrer Behauptung recht, wenngleich die Wirklichkeit nicht ganz so aussieht, wie sie von ihnen dargestellt wird. Denn „Ségo“ und „Sarko“ sind ja nicht die Einzigen, die sich am 22.April zur ersten Runde der Präsidentenwahl stellen. Sie haben von allen die größten Aussichten, sich für die anschließende Stichwahl am 6. Mai zu qualifizieren. Doch sie werden gegenüber den anderen bisher bekannten Bewerbern von den Medien in einer Weise bevorzugt, dass François Bayrou, der Vorsitzende und Kandidat der Zentrumspartei UDF (Union pour la démocratie française), sich über ein „Komplott“ empörte. 85 Prozent der Wahlkampfberichterstattung im öffentlich-rechtlichen wie im privaten Fernsehen gelten derzeit laut Medien-Kontrollrat CSA den beiden Hauptkandidaten. Dabei liegt Sarkozy eindeutig vor Royal.

Schon im vergangenen November war Sarkozy Gast in einer dreistündigen Sondersendung von TF1. Diese Woche hatte er in der neuen, von acht Millionen Zuschauern verfolgten Show „Das muss ich Sie fragen“ des größten französischen TV-Senders schon wieder einen zweistündigen Auftritt, bei dem er ausgesuchten hundert Bürgern Rede und Antwort stand.

Zu dieser Sendung wird demnächst auch Ségolène Royal eingeladen werden. Dazu ist der Sender seit Beginn des Wahlkampfs auf Grund der CSA-Auflagen verpflichtet. Doch dass Sarkozy bei TF1 bisher mehr Sendeminuten erhielt als Royal, ist kein Zufall. Der Sender gehört Martin Bouygues, einem der größten Bauunternehmer Frankreichs. Mit ihm ist Sarkozy, wie er einmal sagte, „nicht befreundet, sondern sehr befreundet“. Bei der Hochzeit mit seiner zweiten Frau Cécilia war Bouygues Trauzeuge. Der andere Trauzeuge war Bernard Arnault, der Präsident des Luxus-Güter-Konzerns LVMH, dem auch die Wirtschaftszeitung „La Tribune“ gehört.

Die beiden sind nicht die einzigen Medienherrscher, die Sarkozy nahe stehen. Zu seinem Clan zählt auch Arnaud Lagadère, dem neben seiner Beteiligung an dem Rüstungs- und Raumfahrtkonzern EADS eine Medienholding gehört mit Titeln wie der Illustrierten „Paris Match“, der Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“, dem Rundfunksender Europe 1 sowie mehreren Provinzzeitungen. Für ihn ist Sarkozy „mehr als ein Freund, ein Bruder“, wie er ihn schon mal 2004 bei einer Konferenz von Führungskräften seiner Holding begrüßte.

Vorausgegangen war dieser sehr bemerkenswerten Vorstellung die nach dem Tod von Lagadères Vater fällige Regelung der Erbschaftssteuer, auf die Sarkozy damals – als Finanzminister – persönlich einen intensiven Blick geworfen hatte. Nicht zu vergessen sind auch die freundschaftlichen Beziehungen, die Sarkozy zu Jean-Claude Dassier, dem Präsidenten des Nachrichtensenders LCI, einer Filiale von TF1, sowie zu Nicolas Beytout, dem Chefredakteur der konservativen Tageszeitung „Le Figaro“ des Rüstungsunternehmers Serge Dassault, unterhält.

„Solche Verbindungen verpflichten die Redaktionen nicht mechanisch zu einer Pro-Sarkozy-Berichterstattung“, räumt das linke Wochenmagazin „Le nouvel observateur“ ein. Andererseits dürfte der Spielraum, über den die Journalisten in diesen Medien verfügen, nicht gerade groß sein. Ob von oben befohlen oder in vorauseilendem Gehorsam eingeschränkt – für beides gibt es Indizien. Aufsehen erregte etwa die Entlassung von Alain Genestar, dem Chefredakteur von „Paris Match“. Nicholas Sarkozy, der der Illustrierten stets die Tür zu seinem Privatleben öffnet, sofern er mit Madame in Harmonie lebt, hatte sich über ein Titelfoto geärgert, das seine Frau Cécilia mit einem Liebhaber zeigte.

Proteste der Redaktion sind vergeblich, wie auch der Fall von „La Tribune“ zeigt. Deren Direktor hatte eine für Sarkozy nachteilige Umfrage kippen lassen. Jean-Pierre Elkabach, der Präsident von Europe 1, holte sich von Sarkozy das Plazet für eine Journalistin ein, bevor sie als Berichterstatterin zur UMP entsandt wurde.

Besonders problematisch ist das Verhältnis des UMP-Kandidaten zu TF1. Droht Sarkozys Image als Law- and Order-Mann Unangenehmes, wie bei der Freilassung von angeblichen Randalierern, die bei einer Großrazzia im Beisein des Fernsehens in einem Pariser Vorort festgenommen worden waren (dann aber wegen fehlenden Tatverdachts vom Untersuchungsrichter wieder laufen gelassen wurden) berichtete der Sender gar nicht. Widersprüche beim Skandal um die Ausschnüffelung Royals durch Polizeispitzel, die dem Innenminister unterstellt waren, fielen ebenfalls unter den Tisch. Bei einer Fernsehwoche in dieser Woche waren die Fragen der Teilnehmer von der Redaktion vorher sorgfältig gesichtet worden. Die Regie besorgte ein Werbebüro, das einem eingeschriebenen UMP-Mitglied gehört. Zusammen mit TF1 produziert es auch die „offiziellen“ Aufnahmen von Sarkozys Wahlkampf. Sie zeigen den Kandidaten nur aus dem vorteilhaftesten Blickwinkel und werden anderen Sendern kostenlos zur Verfügung gestellt.

„Was ist aus der vierten Macht geworden?“ fragt die Journalistin Hélène Risser in einem Buch über die „Kumpanei“ von Medien und Politik. Die Grenzen zwischen Journalismus und Propaganda sind in der Tat fließend geworden. Journalisten, die das nicht hinnehmen und gegenüber Sarkozy auf kritische Distanz achten, müssen damit rechnen, von ihm als Gegner verbellt zu werden, nach dem Motto „wer nicht für mich ist, ist gegen mich“. Das mag erklären, warum der UMP-Kandidat in den Medien, die er doch auf seiner Seite weiß, so viele Feinde vermutet.

Ségolène Royal macht die umgekehrte Erfahrung. Als sie vor einem Jahr ihre Kampagne startete, entfachte sie einen Medienrummel, wie ihn Frankreich bis dahin nicht kannte. Vor allem bunte Blätter wie „Gala“, „Elle“ und auch „Paris Match“ sowie TV-Runden rissen sich um die attraktive Außenseiterin, die das Establishment ihrer Partei im Sturm überrannte. In der Konfrontation mit Sarkozy zählt nun aber anderes. Ségolène Royal genießt zwar die Sympathien vieler Journalisten, doch über ein Netz einflussreicher Freunde in den Medien verfügt sie offensichtlich nicht. Kein Wunder, dass sie sich von diesen nun benachteiligt sieht.

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