Medien : Der deutsche Weg

Im Vergleich zu US-Debatten blieb das TV-Duell steif

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Von Melinda Crane

Die Kandidaten Schröder und Stoiber gaben sich agiler und aggressiver, sie redeten gelegentlich miteinander, und einmal haben sie sogar gelacht. Das zweite Fernsehduell wirkte munterer und entfesselter als das erste, blieb jedoch im besten Sinne deutsch. Ein amerikanischer Politiker bemüht sich vor allem, ein Mann des Volkes zu sein. Statt die Nuancen einer für die Zuschauer eher langweiligen Wirtschaftspolitik zu erläutern, erzählt er Geschichtchen. Er schaut seinen Gegner nicht nur direkt an, sondern geht manchmal buchstäblich auf ihn zu. Die deutschen Kandidaten wirkten im Vergleich dazu immer noch staatsmännisch-formell und unverbindlich. Abgesehen von der kurzen Abschweifung des Kanzlers zum Thema „Mein zweiter Bildungsweg" und dem noch flüchtigeren Versuch der Ironie beim „Schattenkabinett“ war auch das zweite TV-Duell pathos- und weitgehend humorfrei. Trocken eben. Eine amerikanische O-Ton-Show fällt anders, unterhaltsamer aus. Den Duellanten zum Trost: Auch die TV-Debatten nach der Debatte waren eher langweilig, wieder waren fast ausschließlich Journalisten und Politiker auf dem Schirm versammelt. Und wurde mal ein Wähler befragt, dann in einem ungeduldigen und überheblichen Ton.

Wenn an den zwei deutschen TV-Duellen etwas wirklich „amerikanisch“ war, dann war es die Reaktion der Wähler. Wie ihre amerikanischen Kollegen behaupteten auch die deutschen Demoskopen, das Duell wirke auf Parteianhänger eher wahlbestätigend und höchstens auf die Unentschlossenen wahlentscheidend. Und davon gibt es sowohl in Deutschland als auch in den USA immer mehr. Was sie suchen, diese „Swing Voters“? Tatsächlich: Vertrauen.

Die Amerikanisierung der modernen Politik ist in Wirklichkeit ihre Mediatisierung, die in allen Ländern Europas längst im Gange ist und keineswegs bloß transatlantisch abgeguckt wurde. Das Duell gehört nun zur hiesigen Medienlandschaft, wird aber ausgefochten nach deutscher Art. The German Way.

Die Autorin ist amerikanische Journalistin und Nachrichtenmoderatorin bei der Deutschen Welle.

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