Medien : Der Dostojewski-Blues

Katrin Hillgruber

Es müssen das indifferente Dunkelblond und das bleiche Gesicht mit dem schnell enttäuschten und dann abwehrenden bis leidenden Ausdruck sein, die Sylvester Groth zum idealen Darsteller für das Wirken des Schicksals machen. Beim 13. Fernsehfilm-Festival Baden-Baden, wie die Tage des Fernsehspiels seit einiger Zeit bindestrichlastig heißen, spielte Groth in zwei der drei prämierten Wettbewerbsbeiträge die männliche Hauptrolle: in "Jenseits" (Buch und Regie Max Färberböck) und in "Romeo", von Hermine Huntgeburth nach einem vorzüglichen Drehbuch von Ruth Thoma inszeniert. Beide Produktionen wurden als "Fernsehfilm der Woche" im ZDF ausgestrahlt, ein klarer Mainzer Triumph in der dämmrig-luxuriösen Rotunde des Kurhauses.

In beiden Fällen steht Sylvester Groth, das blasse Chamäleon, vor Gericht: In "Romeo" als emotionsarmer Titelunhold, als Stasi-Agent, der den Fall Lotte Zimmermann (Martina Gedeck) intim bearbeitete, um das schüchterne Wesen als Sekretärin ins bayerische Innenministerium zu schleusen und als Quelle für das MfS abzuschöpfen. Jahrzehnte später wird er als Zeuge geladen, nicht als Angeklagter, denn angeklagt ist Lotte Zimmermann. Ihn interessieren allein seine verlorenen Rentenbeiträge und die Erstattung der Reisekosten: ein erloschener Mensch. Martina Gedeck, die in Baden-Baden auch in dem Rührstück "Jenseits der Liebe" an der Seite von Robert Atzorn zu sehen war, bewältigt den Zeitsprung vom erotisch erweckten jungen Mädchen in der grellen Musterwelt der 60er Jahre bis zur seelisch gebrochenen, vom Agenten sitzengelassenen Mutter einer erwachsenen Tochter mit selten gesehener Bravour.

"Romeo" zeigt deutsche Geschichte als Kammerspiel, fokussiert einen historischen Prozess auf zwei Personen. "Vielleicht verdanken wir Männer den Frauen im Fernsehen sehr viel mehr, als wir glauben", meinte in milder Herablassung der Jury-Vorsitzende und langjährige WDR-Dramaturg Martin Wiebel über die kongruente Meisterleistung von Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin. Wiebel hatte dieses Jahr die Literaturagentin und Publizistin Karin Graf, den Produzenten Martin Hagemann ("Zero Film", Berlin), den Schweizer Regisseur Markus Imhof, die Autorin Sibylle Knaus sowie die Fernsehkritikerin Sibylle Simon-Zülch in die Jury berufen.

Nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen erkannten sie dem Ensemble von "Romeo" einen Sonderpreis für seine "herausragende darstellerische Leistung" zu. Der Fernsehpreis der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste ging jedoch an "Jenseits", das andere Gerichtsdrama mit Sylvester Groth. Ausschlaggebend waren die avanciertere Ästhetik und der Umstand, dass das Schicksal des Hamburger Staatsanwalts Mathias Mund jeden treffen kann, mithin die irdischen Gerichtsschranken von "Romeo" ins Metaphysische überschreitet.

Mund, die Korrektheit in Person, begeht Fahrerflucht, nachdem er einen Jungen tödlich verletzt hat. Um dessen suizidgefährdete Mutter (Ekaterina Medvedeva) zu retten, sucht er den Kontakt zu ihr, verliebt sich und gerät mit einem Schritt in ein Parallelleben zu seiner bürgerlichen Existenz. Die Kamera von Carl-Friedrich Koschnick, bereits beim Deutschen Fernsehpreis 2001 ausgezeichnet, arbeitet mit Gelbfiltern, Beschleunigungen, Rhythmisierungen, um das schlechte Gewissen, die Paranoia des Staatsanwalts zu einer eigenständigen Größe im Spiel zu machen. Vom "Glücksgefühl, sowas im Fernsehen zu erleben", sprach Sibylle Knaus. Karin Graf sah "Dostojewski modern zur Sprache gebracht".

Die in ihrem stetigen Wohlwollen etwas monotone Jury hatte bald zu ihrem zentralen Thema gefunden, dem so genannten "Biopic". Mit "Kelly Bastian - Geschichte einer Hoffnung" (WDR), "Der Verleger" (NDR/WDR) und "Wambo" (Sat 1) waren drei "Dokudramen" unter die zwölf Beiträge geraten. Bernd Böhlichs Axel-Springer-Porträt mit dem starr aus dem Fenster blickenden Heiner Lauterbach als "Verleger" wurde als altmodisch und ikonographisch verworfen - erhielt aber den 3sat-Zuschauerpreis.

Dagegen überzeugte Jürgen Tarrachs gespenstische Anverwandlung des Walter Sedlmayr in "Wambo" so sehr, dass sie den Einwand der Jurorin Sibylle Knaus des "Voyeurismus" hinwegfegte. Tarrach erhielt den Sonderpreis für seine herausragende darstellerische Einzelleistung. Großes Lob ging an Sat 1, sich an einen solchen, durch die Boulevardpresse inkriminierten Stoff gewagt zu haben: der kultivierte "Münchner mit Herz" und sein Geheimleben im Strichermilieu, dem er schließlich brutal zum Opfer fällt. Doch erst bei der Vorführung ohne Werbeunterbrechungen waren die Feinheiten der Dramaturgie richtig zu erkennen. "Wambo" bebildert gewagt die Intimzonen eines Lebens und gibt trotzdem einer öffentlichen Figur ihre Würde zurück.

Während im Casino einen Stock tiefer die Jetons sortiert werden und der Geldautomat diskret surrt, versucht man im Runden Saal an den vier traditionellen Novembertagen des Fernsehspiels den Kommerz in den Dienst der Kreativität zu stellen. Baden-Baden ist ein Gradmesser in Sachen Qualität der Jahresproduktion und Stimmung der Branche. Fast 300 Fernsehfilme werden jährlich hergestellt. Martin Wiebel sieht durch die Vervielfachung eine Qualitätsanhebung gewährleistet, eine Art biologische Mutation.

Ähnlich optimistisch verlief die Podiumsdiskussion über "Kunst zwischen Quote und Controlling", in der es um das Wechselspiel von Redaktionen und Produzenten ging. Letztere fürchten um ihre Unabhängigkeit, da sich die Sender immer stärker an den Produktionsfirmen beteiligen. Mischa Hofmann, Produzent des für RTL ungewöhnlich tiefschichtigen Films "Das sündige Mädchen" (ebenfalls ein "Biopic", diesmal über die Pornodarstellerin Sibylle Rauch), verlor seinen Redakteur gleich ganz. Er verließ RTL. Offenbar befürchtete man dort einen Flop, gerade wegen der Qualität. Die Privatsender sind stets für Überraschungen gut, siehe "Wambo" oder "Das Staatsgeheimnis", ein authentischer Berlin-Thriller von Pro 7. So kam Würze ins Heilklima des vielgepriesenen dualen Systems.

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