Medien : Der einzige Zeuge

Ungewöhnliche „Tatort“-Krimikost vom Bodensee

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Vor zehn Jahren galt Thomas Jahn quasi über Nacht als eines der großen deutschen Regietalente: Sein Kinofilm „Knockin’ on Heaven’s Door“ mit Til Schweiger und Jan Josef Liefers war 1997 ein großer Überraschungserfolg. Sein zweites Werk, „Kai Rabe gegen die Vatikankiller“, hatte weniger gute Kritiken, war aber immerhin erneut Beleg für Jahns Mut zum Übermut. Seither ist er im Fernsehalltag verschwunden. Seine Handschrift, die selbst die gleichfalls nicht recht geglückte Organhandelkrimikomödie „Auf Herz und Nieren“ (2001) prägte, hat sich in Serien wie „Balko“ oder „Der Dicke“ verflüchtigt. Einzig „Sperling und der Fall Wachutka“ ragt da noch heraus. Jahns Inszenierung des neuen Bodensee-„Tatortes“ aber knüpft nahtlos an die bisherigen Konstanzer Krimis an. Als wäre es Teil der Produktionsbedingungen, ist auch „Engel der Nacht“ allenfalls solide, eher etwas blutleer und spannungsarm.

Abgesehen vom Auftakt, den Jahn gekonnt mit Thrillerelementen gestaltet, und den optisch verfremdeten Rückblenden ist die Inszenierung völlig unauffällig. Dagegen wäre ja nichts zu sagen, wenn sie sich einer packenden Geschichte unterordnen würde. Aber auch die Handlung (Buch: Susanne Schneider) ist eher schlicht: Ein Tierhändler ist ermordet worden. Einziger Zeuge ist sein kleiner Sohn, der just zur Tatzeit als Schlafwandler unterwegs war, sich aber an nichts erinnern kann. Dringend verdächtig ist sein älterer Bruder (Niels Bruno Schmidt wie üblich als zorniger junger Mann), der enorme Spielschulden hat; am Ende war’s, wie man rasch vermutet, jemand völlig anderes.

Der Film lebt fast ausschließlich von der Beziehung zwischen der mütterlichen Kommissarin Blum (Eva Mattes) und dem Tatzeugen. Sieht man einmal davon ab, dass der durch den Tod des Vaters zum Waisen gewordene Junge das Trauma erstaunlich gut verkraftet und auch gegen Ende locker wegsteckt, dass ihm der Kredithai des Bruders eine Pistole an den Kopf hält, spielt der kleine Henry Stange ganz famos. Der Rest ist „Tatort“ von der Stange: ein paar Frotzeleien zwischen Blum und ihrem Assistenten (Sebastian Bezzel), ein kleines bisschen Bodensee und ein dramaturgisch völlig vernachlässigtes Eifersuchtsdrama, dem schließlich entscheidende Bedeutung zukommt. Hübsch sind allein die tierischen Elemente: Der Tote betrieb einen illegalen Handel mit bedrohten Tierarten, so dass immer wieder mal unvermutet ein Kaiman oder ein Gürteltier durchs Bild schleichen. tpg

„Tatort: Engel der Nacht“, Ostermontag, ARD, 20 Uhr 15

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