Medien : Der erste PC für die Handtasche

Die Origamis im Praxistest – nach etwas über zwei Stunden macht der Akku schlapp

Kurt Sagatz

Sie sind ein komplett neuer Typ von Computern. Sie heißen Ultra Mobil Personal Computer (kurz: UMPC) oder werden als Origami-PC bezeichnet. Sie sind so klein, dass sie bequem in fast jede Handtasche passen, und sie haben kaum weniger Leistung als Laptops. Sie sind gedacht als die ersten Computer, die man gerne überall hin mitnimmt, auch ohne Tastatur und Maus. So versprechen es die Hersteller. Doch können die Origami-PCs diese Versprechen auch einlösen? Wir haben mit dem Easy-Book P7 des UMPC-Herstellers Pace-Blade – das seit einigen Tagen im Handel ist – den Praxistest gemacht.

EINE GANZ NEUE FORM

Der große Lieferkarton des Easy-Book P7 führt in die Irre. Wenn man am Ende den Origami-PC aus der Schutzverpackung nimmt, hält man einen Computer im Format eines Din-A-5-Buches in Händen, der mit einem Gewicht von 880 Gramm kaum schwerer ist als der neueste Harry-Potter-Schmöker (840 Gramm) und nur halb so dick wie der Hexenroman. Eine wichtige Anforderung an einen ständigen Weggefährten hat der UMPC damit erfüllt, wenn auch mit einer Einschränkung: Wie sich im Test herausgestellt hat, geht die Leistungsfähigkeit des Geräts mit einem enormen Stromhunger einher. Je nach Einsatzart ist der Akku nach etwas mehr als zwei Stunden erschöpft. Zweitakku oder Netzteil gehören unbedingt ins – dann nicht mehr ganz so leichte – Handgepäck.

MIT VOLLWERTIGEM WINDOWS

Der wichtigste Unterschied zu anderen mobilen Computern, beispielsweise den so genannten Personal Digital Assistents, liegt im Betriebssystem. UMPCs arbeiten mit dem für die meisten Computernutzer gewohnten Windows XP. Genauer gesagt handelt es sich um die Windows XP Tablet PC Edition, die für Computer mit berührungsempfindlichen Displays optimiert wurde. Mit einem kleinen Stift, der an der unteren Seite des UMPC steckt, werden Programme statt mit der Maus nun mit einer Bildschirmberührung gestartet. Zudem kann direkt auf dem Bildschirm in normaler Handschrift geschrieben werden. Die Erkennungsrate war bei unseren Tests erstaunlich hoch, auch das Korrigieren falscher Eingaben erwies sich als unkompliziert. Das Easy-Book verfügt überdies noch über eine Tastatursimulation, die ebenfalls auf Berührungen reagiert. Die Buchstaben werden entweder mit dem Stift oder mit dem Fingernagel angetippt. Die Fingerkuppe selbst reichte nicht aus. Auf der Vorderseite sowie an den Seiten befinden sich noch eine Reihe sinnvoller Knöpfe und Schalter. Mit dem rechten Daumen lässt sich der Mauszeiger über den Bildschirm führen, zwei Tasten für den linken Daumen ersetzen die Maustasten. Auch für die Pfeiltasten der Tastatur sowie zum schnellen Navigieren durch Dokumente oder Webseiten verfügt das Gerät über spezielle, gut erreichbare Tasten. Auch diese Testhürde hat das EasyBook P7 anstandslos übersprungen.

MIT GEWOHNTEN PROGRAMMEN

Der Vorteil der vollwertigen Windows-Version liegt darin, dass man auf dem Gerät die gleichen Programme betreiben kann wie auf seinem großen Computer oder dem Laptop. Man muss sich also nicht an spezielle Programme für Kleincomputer mit eingeschränktem Funktionsumfang gewöhnen. Zudem kann auf beiden Geräten mit den gleichen Daten gearbeitet werden, weil die Daten nicht konvertiert werden müssen. Da jedoch der Origami-PC über kein CD-Laufwerk verfügt, ist die Installation etwas umständlicher und funktioniert nur über den Umweg über ein Funknetzwerk, an das sowohl der Haupt-PC als auch der UMPC angeschlossen werden.

IMMER ANSCHLUSS HALTEN

Das Easy-Book P7 ist sehr anschlussfreudig. Ins Internet gelangten wir über den integrierten Funknetzwerkadapter mit einer Übertragungsleistung von 54 Megabit pro Sekunde. Auch die Verbindung zu anderen Computern war damit in wenigen Minuten hergestellt. Über den Nahbereichsfunk Bluetooth konnten wir zudem eine Internet-Verbindung über ein Handy herstellen, was vor allem im Außeneinsatz sehr praktisch ist. Zum Test haben wir per Bluetooth sogar ein Falttastatur von Anycom angeschlossen. Sie wurde nach dem üblichen Verbindungsvorgang ohne Probleme erkannt und in das Windows-System eingebunden. In der Kombination von UMPC und Falttastatur ließen sich auch längere Texte bequem schreiben. Eine Maus, auch mit Funk, kann über die beiden USB-Eingänge angeschlossen werden und erleichterte die Arbeit immer dort, wo man über eine entsprechende Unterlage verfügt.

VORTEILE DER ORIGAMI-COMPUTER

Was aber kann ein UMPC, was ein anderer Computer nicht kann? Dank seiner Ausmaße ist man beim Easy-Book P7 tatsächlich geneigt, es möglichst immer dabei zu haben – egal ob nun in der Handtasche oder im Rucksack. Und unterwegs zeigen sich dann Nutzungsmöglichkeiten, die man sonst gar nicht ausprobieren würde. So können sich Hobbyfotografen darüber freuen, ihre Fotos direkt nach der Aufnahme zu kontrollieren. Die sieben Zoll des Origami-Displays geben einen unvergleichlich besseren Eindruck als der kleine Kontrollbildschirm der Kamera, die wiederum einfach über das mitgelieferte USB-Kabel an den Windows- Mini angeschlossen wird. Erstaunlich gut war auch die Qualität des Fernsehbildes, das wir durch den Anschluss eines DVB-T-Sticks auf das Display brachten. Die Signale vom Freecom-Empfänger zeigte das Gerät ohne jedes Ruckeln. Im Freien reichte sogar eine Stummelantenne für den Empfang aus. Mit dem Windows Media Player lassen sich zudem unterwegs Musikstücke anhören. Auf die 40 Gigabyte große Harddisk passt auch eine größere Plattensammlung, die man so immer dabei hat und beispielsweise bei Freunden an die Stereoanlage anschließen kann. Über das große Display ist es erheblich leichter, die jeweils passende Musik auszusuchen als bei einem gewöhnlichen MP3-Player. Und anders als bei vielen Laptops nervt beim Easy-Book auch kein dauernd drehender Mini-Lüfter. Wer möchte, kann den Origami-PC auch als tragbaren Videoplayer einsetzen und beispielsweise während der Bahnfahrt Filme ansehen (natürlich mit angeschlossenem Kopfhörer, um die Mitreisenden nicht zu stören). Die Filme werden wiederum über ein USB-Netzwerkkabel vom Haupt-PC auf den Mini-Computer übertragen. Oder man verkürzt eventuelle Wartezeiten mit Computerspielen. Bei unserem Test liefen die Videos völlig ruckelfrei.

FAZIT

Nach der Vorstellung des Origami-Konzeptes auf der Computermesse Cebit 2006 hat es viel Interesse, aber auch einige Kritik gegeben. Jetzt sind die fertigen Geräte im Handel angekommen. Zwei Dinge lassen sich zweifelsfrei feststellen. Zum einen sind UMPCs wirklich ein Klasse für sich, die eine Computernutzung dort möglich machten, wo man bislang darauf verzichtet hat. Ob das ein Fortschritt ist, muss jeder für sich selbst beantworten. Zum anderen zeigen die Geräte trotz oder gerade wegen ihres großen Funktionsumfangs Schwächen – und die betreffen vor allem die Akku-Reichweite: Kaum mehr als zwei Stunden sind für einen mobilen Computer zu wenig, zumal sich die Preise für die Mini-PCs weit jenseits der 1000 Euro bewegen.

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