Medien : Der ewige Primus

Kerstin Decker

Gero von Boehm ... begegnet Michel Friedman – 3sat. Die erste Frage ist ungewöhnlich: Wovor ekeln Sie sich? – Vor gar nichts, antwortet Friedman. Er habe mal Medizin studiert. Und was ist der wichtigste Sinn des Menschen?, will von Boehm wissen. Die Augen, sagt Friedman ohne Zögern. Er ist älter geworden im Jahr nach seinem Absturz, die letzte Spur des Jungenhaften ist weg, das Gesicht wirkt breiter. Und reifer scheint er. Vielleicht ist Friedman in diesem letzten Jahr erst erwachsen geworden, wenn Erwachsen-Sein heißt: Abschied vom Narzissmus, sich selbst in Relation zu anderen zu sehen. Aber als Gero von Boehm auf den Narziss Friedman zu sprechen kommt, reagiert dieser gereizt. Ist falsch, sagt er und klingt wie früher. „Es bleibt dabei. Ist falsch.“

Diese Dreiviertelstunde Live-Gespräch zeichnet ein gutes Porträt des Sohnes polnischer Juden aus Krakau, die auf Schindlers Liste standen. Im Existentialisten-Paris der 50er ist er geboren, er hat dieses Paris geliebt, und doch sagt Friedman: Ich bin auf einem Friedhof geboren. Er muss das nicht erklären, fast alle Angehörigen sind in Auschwitz geblieben. Und ein Kind spürt mehr, als es versteht.

Gero von Boehm führt ein Gespräch mit Friedman. Der Fernsehmann Friedman führte Duelle. „Friedman“ war eine Sportsendung mit anderen Mitteln, und natürlich hatte die Unterhaltungswert inmitten all der Konsens-Talks. Aber das Wahrheitspathos brachte „Friedman“ in Schräglage. Wahrscheinlich versteht der Anwalt Friedman noch immer nicht, dass anderen das Gespräch, nicht das Verhör, als wahrheitsfähiges Medium gilt. Denn man begreift einen Menschen erst wirklich aus seinen Erfahrungen. Der Streit, den Friedman so verteidigt, hat diese Ebene immer schon verlassen. Wer seine Erfahrungen mitteilt, gibt sich preis. Bei Boehm hat Friedman das getan. Er sagt, er war nicht beliebt in der Schule. Man ahnte es. Weil ich mich nie anpasste, erklärt Friedman und im Nebensatz erfahren wir: Er ließ keinen abschreiben. Jeder kennt den Typ. Den ewigen Primus. Aber muss man eigentlich immer Primus bleiben? Und wäre es nicht Zeit, dass Friedman auf der Pay-TV-Nische zurück ins Hauptprogramm kommt?

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