"Der Fall Barschel" in der ARD : Zwischen Geschichtsunterricht und Medienthriller

Der 175-Minuten-Film „Der Fall Barschel“ der ARD ist weniger Wahrheitsfindung als eine Betriebsfeier der Skandaljäger.

Nikolaus von Festenberg
Sensationsrecherche wird zur Sucht. Die Rätsel im Fall Barschel lassen den Journalisten David Burger (Alexander Fehling) nicht ruhen.
Sensationsrecherche wird zur Sucht. Die Rätsel im Fall Barschel lassen den Journalisten David Burger (Alexander Fehling) nicht...Foto: ARD Degeto/Stefan Erhard

Sie singen am Grabe, die Unschuldigen und die nicht so Unschuldigen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen“, den beliebten Dietrich-Bonhoeffer-Choral-Hit. Da liegt er im Sarg, David Burger (Alexander Fehling), der erfundene Reporter, nach dem Willen der Filmemacher gefallen im Dienst für die Wahrheit in der Barschel-Affäre. Bloß welcher?

Gute Mächte haben die Kunstfigur David Burger nicht geborgen. Wir konnten sehen, wie sie zermalmt wurde beim Versuch, den Tod des ehemaligen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel (1944–1987) aufzuklären. Selbstmord oder Mord, ein Rätsel, über dem der junge Journalist gestorben ist.

Und der Marathonspielfilm „Der Fall Barschel“ will selbst am Grab noch nicht zur Ruhe kommen, zur letzten schon gar nicht. Der Zuschauer war bis zu dieser Friedhofsszene ja nicht faul gewesen, sondern eine gefühlte Ewigkeit lang mit Burger und seinem ebenfalls erfundenen Kumpel Olaf (Fabian Hinrichs) zusammen auf Kaperfahrt nach der Barschel-Wahrheit unterwegs. Von Hamburg nach Kiel, von Spanien nach Genf, nach Warnemünde, in die Tschechoslowakei, in den Nahen Osten, zu Dunkelmännern, Waffenschiebern, Gerichtsmedizinern, in Nachtklubs, Bordellen, Hotelbars mit BND-Lockvogeldame im Glitzerkleid (Antje Traue).

Mit dabei auf den immer peinsameren Kurzbesuchen bei Davids frustrierter Ehefrau (Luise Heyer), zu Newsjägerfeiern und Katzenjammersitzungen in der Redaktion einer ebenfalls erfundenen Zeitung namens „Neue Hamburger Zeitung“. Aber keine Gewissheit nirgends. Nur Enthüllerschweiß, Enthüllersucht und Enthüllerwahnsinn.

Stephan Lambys Dokumentation ist sachlich und lehrreich

Die anschließende Dokumentation von Stephan Lamby, übrigens lehrreich und beruhigend sachlich, steht auch noch auf dem Stundenplan. So unerbittlich ausführlich feiert das Affärengespenst Barschel seinen Wi(e)dergang im Fernsehen, obwohl es kein Jubiläum zu feiern gibt oder eine grundstürzende Neuigkeit.

Ja, es war traurig, schlimm und verwirrend, dieses Bild vom toten Politiker, der angezogen in der Hotelbadewanne am 11. Oktober 1987 in Genf gefunden wurde, Erbrochenes vor dem Mund. Ein unheimliches Geschehen gewiss, ein Rätsel, eine investigative Herausforderung, aber auch so bedeutend wie, sagen wir, die Ermordung Kennedys oder der Mauerfall, dass das Fernsehen in solche stundenlange Hab-acht-Stellung fallen muss?

Es keimt ein Verdacht: Hat sich das Barschel-Skandal-Erklärungsgewerbe von seinem Kerngeschäft gelöst, aufzuklären, ob sich der Mann umgebracht hat oder er ermordet wurde, und berauscht sich lieber am eigenen Recherchefleiß? Dann wäre der 175-Minuten-Film eine Art Betriebsfeier der Skandaljäger, die sich mit zwei erfundenen Kollegen selbst ein Denkmal setzten. Im Sarg läge dann nicht nur die Kunstfigur David, sondern auch der gute Kamerad der Rechercheure von damals, als wäre er ein Stück von ihnen. Von der Enthüllung zum Drama der Enthüller.

Es fällt die Rastlosigkeit des Films auf, den Kilian Riedhof (Regie und Buch mit Marco Wiersch) und die Kamera von Benedict Neuenfels süffig und volkshochschulverachtend mit wenig Erklärungen herunterrocken. Das hinterlässt beim Zuschauer das Gefühl: Hier findet der große Barschel-Skandalrecherchen-Schlussverkauf statt, alles muss raus, alles darf raus. Verifiziertes, Nicht-Verifiziertes, Nicht-Verifizierbares. Torschlusspanik, beinahe drei Jahrzehnte post mortem.

Im Zeitalter der Lügenpressevorwürfe und Lageso-Falschmeldungen aus dem Netz ist es allerdings nicht unproblematisch, die Grenze zwischen ungesicherter und gesicherter Wahrheit nur mit den Einreisepapieren des Unterhaltungsbedürfnisses nach Belieben zu überschreiten. Was ist der Film nun eigentlich? Produzentin Ariane Krampe sagt: „ Ein Thriller, in dem sich Fiktion und Realität mit einander verzahnen.“ Degeto-Redakteur Sascha Schwingel spricht von einem „Stück deutscher Zeitreise“ und einer „Doku-Fiktion, als Genrefilm gestaltet“ sein Kollege Stefan Kruppa ergänzt. „So einen Film hat es meines Erachtens in Deutschland bislang noch nicht gegeben.“

Da hat er recht. Heinrich Breloers Beschäftigungen mit Barschel, „Die Staatskanzlei“ (1989) und die durch neue Recherchen-Lage notwendige Fortsetzung „Einmal Macht und zurück – Engholms Fall“ (1995) konnten und wollten einen so flotten Umgang mit der Vermischung von Fantasie und Realität nicht riskieren. Der Exotik der Spielorte waren Zügel angelegt, die Dokumentarfilmer noch keine Romanautoren im Nebenberuf, die Beobachter des Geschehens noch nicht auf Egotrip, sondern Bedienstete einer Art Wahrheitsbehörde.

"Der Fall Barschel" beobachtet fein

Aber gut, „Der Fall Barschel“ hat fein beobachtet. Wie der Film die vordigitale Medienwelt darstellt, das hat Klasse. Die Typenhebel der Schreibmaschinen hämmern aufs Papier, die Fernschreiber rattern, die Klebestifte leimen Manuskriptteile zusammen, der Ressortleiter (wunderbar fanatisch: Edgar Selge) sitzt als Textdiktator im Glaskasten, die ehrgeizigen Jungreporter stehen stramm.

Entlarvung bringt die höchste Ehre in der Branche, die Zeitungen stehen auf dem Gipfel ihrer Macht. Der Fall Barschel wird ein Eldorado für schlaflose Jäger, scheint wie gemacht für die sich kannibalisierende Medienwelt der 80er Jahre. Reflexion, Trauer und Gefühl haben im Orden der nun immer kaltschnäuziger werdenden Aufdecker immer weniger zu bedeuten.

Rasant arbeitet der Film die altbekannten Skandalstationen ab: Die Schweinereien, die der Boulevard-Jago Reiner Pfeiffer (von Martin Brambach hinreißend schmierig gespielt) im Dienste Barschels gegen den Wahlkampfherausforderer Björn Engholm ausheckt: Steuervergehen, vermeintliche Homosexualität, fingierte Mitteilung einer Aidserkrankung. Matthias Matschke als Barschel schwitzt und stottert sein berühmtes Ehrenwort heraus, muss der Lüge wegen zurücktreten und geht ausgerechnet in einem Genfer Hotel mit dem erholsamen Namen Beau Rivage als Getriebener unter.

Die überzeitliche Dimension des Falls Barschel, die Verzweiflung darüber, wie Nachrichten über die Gemeinheit der Welt Menschen verwirren (der heutige Nachrichtenkonsument kann sich einfühlen), geht im Sturm des Fakten- und Halbfakten-Bombardements unter. Der Zuschauer ermüdet zwangsläufig, weil das Einzige, was ihn noch in diesem Mammut-Panorama wachhalten könnte, die innere Tragödie des Ermittlers David wäre. Aber dieses innere Drama wird nicht ausführlich genug gezeigt. Schauspieler Fehling bekommt keine Gelegenheit darzustellen, wie ein Nachrichtenjäger bei dem Blick auf sich selbst blind wird.

Am Ende ist David das Opfer der unersättlichen Enthüllungsindustrie. Und es wird nie vorbei sein. In den Räumen der „Neuen Hamburger Zeitung" bricht Jubel aus, als es heißt, der mediale Jagdbetrieb gehe weiter. „Wir rollen den Fall neu auf“, sagt Davids Ressortchef, „das sind wir David schuldig“. Die Kamera kreist wie wild.

„Der Fall Barschel“, Samstag, um 20 Uhr 15, „Uwe Barschel – Das Rätsel“, um 23 Uhr 10, beides ARD

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