Medien : Der Fels im Sandsturm der Aktualitäten

Ohne Ulrich Wickert wird der Bildschirm blasser. Meint Wolf von Lojewski, sein Ex-Konkurrent vom ZDF

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Wer weiß schon, ob Moderatoren der Menschheit eine große Hilfe sind. Sie sind einfach da wie das Wetter und die Politik. Der Moderator freut sich und leidet wie du und ich am Zustand der Welt, manchmal macht er auch nur mehr aus unserer Verwirrung. Gute Nachrichten hat er selten zu überbringen, meist weht in unser aller Namen seine Klage durch die Nacht. Du schaltest den Fernseher ein, und zu einer bestimmten Stunde sitzt er da und versucht, Ordnung in die Dinge zu bringen. Mal scherzhaft, meist bekümmert.

Ulrich Wickert wird uns fehlen. Mir jedenfalls wird er fehlen. Er war, er ist eine irgendwie knorrige Erscheinung im Fernsehen wie im Leben. Schwer zu sagen, welchen Typ von Moderator uns die Markt- und Meinungsforschung in der Zukunft bescheren mag. Wahrscheinlich geht der Trend zum Fotomodell oder Schauspieler als Ideal und Schablone. Das ist pflegeleicht und gibt erheblich weniger Ärger. Den Rest, die Inhalte, kann ja eigentlich schon der Computer liefern. Wickert ist bei all seiner Bildschirmtauglichkeit vor allem und zunächst ein erfahrener Journalist. So etwas braucht mehrere Jahrzehnte, um zu reifen.

15 Jahre lang haben wir uns durch die Röhre angeschaut. Ich ihn mehr als er mich. Denn er wird ja meist noch seine Blätter und Gedanken geordnet haben, wenn das „heute journal“ schon auf Sendung war. Selten dürfte der Mann, der die „Tagesthemen“ zusammenhielt, in den hektischen Minuten vor dem Gang ins Studio noch die Zeit gehabt haben, einen vergleichenden Blick auf die Konkurrenz im ZDF zu werfen. Für mich hingegen war es elf Jahre lang immer so eine Art Entspannung, aber auch Pflicht, nach der Sendung noch einmal in die „Tagesthemen“ hinzuschauen, um zu kontrollieren, was Uli denn so aus dem Menü der Krisen machte. Wenn er besonders gut war oder einem seiner Gesprächspartner eine besonders pfiffige Frage stellte, die mir zuvor nicht eingefallen war, habe ich mich geärgert. Nicht über ihn, sondern über mich. War er an einem Abend eine Spur zu tiefsinnig aufgelegt, quittierte ich dies in Mainz mit Jubel. Ich war ihm eben nicht immer ein objektives Publikum.

Aber nun, da er geht, will ich eingestehen: Ohne ihn wird der Bildschirm blasser. Bundeskanzler und Minister kamen und gingen, Deutschland und die Welt veränderten sich, Ulrich Wickert blieb der Fels im Sandsturm der Aktualitäten. Für die Politiker war das gewiss ein Grund mehr, Nachrichtenmoderatoren zu beneiden. Irgendwann werden sie und wir lernen, Tom Buhrow zu lieben. Durch eine seltsame, aber günstige Fügung des Schicksals sind es vorzugsweise ehemalige Amerika-Korrespondenten, denen die ARD und das ZDF die Last auf die Schulter legen, ihren Zuschauern die Welt zu erklären. Das heißt: Bei Uli Wickert schlug vor allem das Französische durch. Manchmal hatten wir schon den Eindruck, dass die Schwächen des deutschen Wesens vor allem daher rühren, dass wir nun einmal keine Franzosen sind. Er roch es an unserer Kleidung, Politik und Kultur wie an einem irgendwie langweiligen Käse. Aber schließlich nahm er uns doch, wie wir nun einmal sind.

Auch über sein Privatleben sind wir immer auf dem letzten Stand gewesen. Es muss für ihn eine Art Buße für die tadelnswerten Sitten des Journalismus gewesen sein, wenn wieder einmal die Fotografen vor seiner Wohnung Wache hielten. Aus bunten Blättern schaute er uns an. Der jeweils aktuelle Anlass hat mich – und hat vor allem meine Frau – nicht immer fröhlich gestimmt. Aber auch so etwas ist ja letztlich der Beweis, wie kompliziert das Leben ist. Er war eben eine durch und durch öffentliche Persönlichkeit. In jedem Haushalt sozusagen Mitglied der Familie, sein Glück oder seine Enttäuschungen gehörten uns allen.

Und nun ein neuer Abschnitt in seinem Leben. Auf dem Bildschirm bleibt er uns erhalten. Nicht mehr so hektisch im Drei-Minuten-Sprung von Thema zu Thema. Zwischen Buchdeckeln wird alles zu größerer Ruhe finden. Einen ersten Eindruck von seiner neuen Sendung haben wir ja schon bekommen. Und der war nicht schlecht. Niemand wird von nun an von ihm fordern dürfen, dass er eine friedliche und gerechte Lösung des Nahostkonflikts weiß. Selbst die Gesundheitsreform muss er nun nicht mehr begreifen. Die Last der Welt wird zum Monatsende von seinen breiten Schultern genommen. Ich hoffe, dass wir Freunde bleiben. Selbst nach diesen wehmütigen und möglicherweise etwas ungezogenen Abschiedsgrüßen. Er wird es verstehen. Moderatoren geht es ja schließlich nie um irgendwelche Eitelkeiten. Immer nur um die Wahrheit.

Der Autor war von 1992 bis 2003 Leiter und Moderator des „heute-journals“ im ZDF.

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