Medien : Der flüchtige Duft von Seife

Heute erscheint „Liebling“, das neue Zeitschriftenprojekt für coole und selbstbezogene Menschen

Christian Meier

Wirft man diesen „Liebling“ auf den Boden, vorzugsweise den Stäbchenparkettboden einer schicken Berliner Altbauwohnung, dann gibt es ein sattes Geräusch. Nicht so ein platschendes, billiges „Peng“. Mehr ein „Plopp“, mit Nachhall. Damit ist schon eine ganze Menge über die „Zeitschrift für Mode, Film, Musik und Kunst“ gesagt, ohne dass man sie ein einziges Mal aufschlagen musste. Allein das Format von 47 mal 31 Zentimetern und ein Gewicht von 800 Gramm sind das Anti-Statement zum Trend, die Zukunft der Medien nur noch in digitalisierten Formaten zu sehen. Insofern macht es sich „Liebling“ schwer und leicht zugleich. Schwer, weil sich neue Printtitel in diesen Tagen nur mit einiger Mühe an die Menschen bringen lassen. Leicht, weil das auf Zeitungspapier gedruckte Blatt durch seine Plakativität, die riesigen, teilweise über Doppelseiten gezogenen Fotos und die in Fettschrift gesetzten Texte einfach auffallen muss.

Aber zum Inhalt. Man muss „Liebling“ als Balanceakt zwischen dem Liebäugeln mit dem Mainstream und dem Bekenntnis zur Coolness verstehen, das per se gewisse Leser ausschließen muss und will. Da geht es um Modekollektionen von Martin Margiela und Jil Sander, um Sonnenbrillen und eine Tasche namens „Pom Pom Bag“, um den derzeit vielfach präsenten Leander Haussmann und drei DJs, die schon in jeder beliebigen Szenezeitschrift in Szene gesetzt wurden. Da gibt es aber auch eine Reportage über den französischen Tanzstil Tecktonic, ein sehr gutes Porträt des Schauspielers Clemens Schick und eine Hommage an den Regisseur Wayne Wang.

Die Journalistin Anne Urbauer („Wallpaper“, „Amica“), die für die Startausgabe gemeinsam mit „Liebling“-Gründer Götz Offergeld die Chefredaktion übernahm, schreibt im Editorial über die „Ästhetisierung des Alltags“. Am ehesten gelingt dies in einer entgegen der dominanten Schwarz-Weiß-Optik in Farbe gedruckten Strecke von wunderbar fotografierten Seifen. Dazu fünf Texte, unter denen eine Kurzgeschichte der „FAS“-Redakteurin Johanna Adorján herausragt. Die Seife ist dann auch die perfekte Metapher auf „Liebling“: Sie riecht gut, sieht dekorativ aus und löst sich im Laufe der Zeit auf, bis nur noch eine vage Erinnerung an einen Duft übrig bleibt.

Freilich ist „Liebling“, hinter dem als Herausgeber der Zeitschriftenmacher und TV-Produzent Markus Peichl steht, gehörig selbstbezogen. Über Seiten hinweg werden Fotos von Regisseuren, Fotografen, Barkeepern, Musikern und DJs gezeigt – eine Art Galerie der Wunschleser. Insofern liefert das Blatt aus der Hamburger Fifteen Minutes GmbH für 2,80 Euro eine Beschreibung seiner Zielgruppe gleich mit. Der Leser weiß schnell, ob er sich hier zu Hause fühlt oder nicht. Auch bei dem anhängigen Kunstprojekt „Re-Mission“ in Berlin-Mitte, Torstraße 140, ist Selbstreflexivität alles. 21 Künstler haben aus „Liebling“-Ausgaben etwas Neues geschaffen. Nett gedacht, in der Umsetzung leider blass. Überhaupt, die selbstreflexive Metropole. „Liebling“ erscheint heute in Berlin und erst bis Donnerstag im Rest der Republik. Die erste Ausgabe ist eine Preview-Ausgabe, monatlich soll „Liebling“ von März 2008 an mit 75 000 Exemplaren am Kiosk liegen.

Bei aller Selbstverliebtheit – man muss „Liebling“ mehr als einen Sympathievorschuss geben. Es passiert ja nicht mehr so oft, dass sich Menschen mit Verve an ein Magazinprojekt machen, ihre Liebe zum möglichst originell bedruckten Papier ernst meinen und nicht nur möglichst viele Seiten mit Werbebotschaften von Luxusartikelherstellern verkaufen wollen (davon gibt es in der Erstausgabe auf 180 Seiten knapp 40). Wenn „Liebling“ demnächst auf den Parkettböden der Metropolen „Plopp“ macht, dann sollte man hinhören, wie lange der Ton nachhallt.

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