Medien : Der Fluss der Zeit als warmes Bad

Tom Peuckert

Schon mal neidisch gewesen? Gut so! Neid, sagen die Ökonomen, ist der wichtigste Schmierstoff im Geschäftsleben der Gesellschaft. Wenn niemand mehr neidisch wäre, schmölze das Bruttosozialprodukt dahin wie Butter in der Sonne. Dabei lässt sich privat keiner gern beim Neidischsein ertappen. In ihrem Radioessay „Neid“ analysiert Nora Sobich diese zähe Sünde unseres Herzens. Eine kleine Kulturgeschichte des Neids und ein Überblick über die aktuellen Debatten der Sozialforscher. Neid als Seelenschädling und sozialer Unruhestifter. Neid als Wurzel für Xenophobie und Antisemitismus. Warum eine neidfreie Gesellschaft trotzdem auf ewig Utopie bleiben wird (Kulturradio, 19. Oktober, 22 Uhr 04, UKW 92,4 MHz).

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Rudolf ist Musikschriftsteller. Seit zehn Jahren versucht er, ein Buch über seinen Lieblingskomponisten Mendelssohn Bartholdy schreiben. Doch statt endlich den ersten Satz aufs Papier zu bringen, lauscht Rudolf lieber den endlos kreisenden Monologen in seinem Kopf. Rudolf, so ahnen Kenner, ist eine typische Figur aus Thomas Bernhards literarischem Universum. Vor 25 Jahren hat Bernhard im Roman „Beton“ die Geschichte des verhinderten Schriftstellers erzählt. Aus dem musikalischen Kopftheater ist nun ein wunderbares Hörspiel geworden (Deutschlandfunk, 21. Oktober, 20 Uhr 05, UKW 97,7 MHz).

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Man hat Sibirien das größte Gefängnis der Welt genannt. Ein eisig kalter, tief bewaldeter Riesenknast, der sich über insgesamt sieben Zeitzonen erstreckt. Neun Monate Winter, Temperaturen bis minus sechzig Grad. Zweihundert Jahre lang haben erst die Zaren und dann die Sowjetfürsten soziale Problemfälle aller Art in Sibirien entsorgt. Aber immer gab es auch eine Gegenbewegung. Sibirien als Ort der spirituellen Heilssuche. In seinem Feature „Sibirische Experimente“ erzählt Autor Jürgen Buch von Aussteigern, die es in die euroasiatischen Weiten zieht. Einsiedler und Kommunarden, die sich dort religiösen oder sozialen Experimenten hingeben. Auch Deutsche sind mittlerweile unter ihnen (Kulturradio, 22. Oktober, 9 Uhr 04).

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Radioautoren, die sich mit dem Glück beschäftigen, finden bei uns stets Aufmerksamkeit. Das Feature „Was uns fehlt, um glücklich zu sein“ von Peggy Fuhrmann berichtet über den aktuellen Stand der Glücksforschung. Wissenschaftler vieler Disziplinen versuchen heute, das Glück auf ihre professionelle Weise dingfest zu machen. Für Neurowissenschaftler ist Glück ein chemischer Prozess, bei dem Hormone an dafür vorgesehene Rezeptormembranen andocken. Psychologen beschreiben es als Zustand wohliger Selbstvergessenheit. Wie in einem warmen Bad treibt das Ich im Fluss der Zeit, animiert von seiner Gegenwart, unbesorgt um das Kommende. Dass es sich beim Glücklichsein um einen kostbaren Ausnahmezustand handelt, verrät schon der Titel des lehrreichen Features (Kulturradio, 23. Oktober, 19 Uhr 04).

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Auch die Figuren im Hörspiel „Treibgut“ von Peter Stamm fühlen sich selten glücklich. Robert, Werner und Graham kommen aus der Schweiz und arbeiten für eine Bank in New York. Es sind junge Leute mit Zukunft, gut bezahlte Agenten des globalen Kapitalismus. Ihr Leben ist leicht und zugleich irgendwie schwer. Sie sind frei, aber wurzellos. Die ganze Welt steht ihnen zur Verfügung, doch eine Heimat kennen sie nicht mehr. Die drei Freunde treffen in New York auf eine junge Finnin, die ebenfalls schon viel von der Welt gesehen hat. Flüchtige Gefühle entstehen, bald treibt es die modernen Nomaden wieder auseinander. Mit lakonischer Poesie erzählt Peter Stamm vom menschlichen Treibgut des globalen Kapitalismus (Deutschlandfunk, 24. Oktober, 20 Uhr 10).

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