Medien : Der Frieden so fern

Auf Arte zeigt Scholl-Latour den Irak als Land der Widersprüche

Mechthild Zschau

Heute, am Tage sechs des Krieges, lagert dichter Gefechtsqualm über dem Irak und der Nachrichtenlage. Warum jubeln die Schiiten nicht den „Befreiern“ zu? Was ist in Kurdistan los? Kurz vor Kriegsausbruch hat der unverwüstliche Peter Scholl-Latour den Irak noch einmal besichtigt und tiefer hineingeleuchtet in dieses widersprüchliche Land (Arte, 20 Uhr 44).

Da ist Bagdad mit prächtigen Festen der Nomenklatura, vollen Märkten, Internet-Cafés und Elendsvierteln, die kein Fremder betreten darf. Da sind die kahlen kurdischen Berge im Norden mit islamistischen Eiferern gegen Saddam und die USA zugleich, mit türkischen, kurdischen, irakischen und amerikanischen Kriegern, von denen niemand weiß, zu welchen Koalitionen sie sich morgen verbünden werden. Da ist das weite Wüstengebiet Mesopotamiens mit seinen uralten mythischen Kulturstätten, deren Götzengestalten der gottlose Saddam Hussein für prunkvolle Shows nutzt. Um das Spiralminarett von Samara hält sich die mystische Lehre vom verborgenen Imam. Rund um schiitische Mausoleen hat sich in den Gläubigen der Hass aufgestaut gegen den Diktator, aber auch gegen die Amerikaner, die sie beim vergangenen Golfkrieg zum Aufstand aufstachelten und dann im Stich ließen. Ungläubige Truppen wird hier niemand dulden. Die Sunniten wiederum fürchten den Verlust von Privilegien.

Irak – ein säkularer Staat? Keine Spur. Eine Fülle von Religionen lebt in fragiler Balance nebeneinander, die Politik spielt mit ihnen, muss mit ihnen und dem steigenden Potenzial von Radikalisierung rechnen. Die Gefahr, dass der Irak nach der US-Offensive auseinander bricht und sich in endlosen Bürgerkriegen aufreibt, ist groß – und von den Amerikanern nicht bedacht. Wahrscheinlich, meint Scholl- Latour, wird sich Bush, wenn er kein Machtvakuum riskieren will, an Generäle als Nachfolger von Saddam Hussein halten müssen. Und die sind dem Diktator nicht gerade unähnlich. Die „Neue Ordnung im Mittleren Osten“, wie der aktuell eingesetzte Arte-Themenabend heißt, wird lange auf sich warten lassen – und höchstwahrscheinlich noch sehr viel Blut kosten.

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