Medien : Der Geist der „Zeit“

Entstanden in den Trümmern der Zusammenbruchsgesellschaft, wurde sie der liberalen Bundesrepublik liebstes journalistisches Kind. Am Dienstag wird die „Zeit“ 60 Jahre alt.

Hermann Rudolph

Bemühen wir zur Feier des Tages die alte Geschichte von dem Bauern, der zum ersten Male in den Zoo kommt, dort eine Giraffe sieht und staunend sagt: Das gibt es gar nicht! Denn auch diese Zeitung kann es eigentlich gar nicht geben. Ein Qualitätsblatt, das jede Woche bald eine halbe Million Käufer findet, obwohl es an seinem Niveau keine Abstriche zulässt. Ein Monsterprodukt mit bis zu 100 Seiten Umfang, die keiner mehr ganz lesen kann, oft mit seitenlangen Artikeln – und das in einer Zeit, in der alle Texte immer kürzer werden müssen. Eine Wochenzeitung, wo doch Aktualität überall Trumpf ist und die Auguren seit langem wissen, dass die großen Themen schon in den Tageszeitungen ihren Platz finden. Und die Auflage nimmt selbst in diesen dürftigen Zeitungszeiten, in denen alle klagen, noch zu!

Aber es gibt die „Zeit“, inzwischen, am kommenden Dienstag, seit sechzig Jahren. Und nicht nur deshalb kommt man an den vom Namen des Blattes nahe gelegten Wortspielen gar nicht vorbei, die „Zeit“-Geschichte und Zeitgeschichte aufeinander beziehen. Denn im Weg dieser Zeitung, in ihren Etappen und ihren Wendungen, in dem, was sie bewegte, postulierte und analysierte, ablehnte und beförderte, spiegelt sich vieles von den Entwicklungen, die die Bundesrepublik zu dem gemacht haben, was sie ist – auch weil die „Zeit“ selbst kräftig dabei mitgemacht hat. Weshalb ihre Geschichte auch zu einem Teil der Geschichte der Bundesrepublik geworden ist. Sie ist, nehmt alles nur in allem, eine nationale Institution, der bürgerlich-liberalen Bundesrepublik liebstes journalistisches Kind.

Dieses intensive Verhältnis von Zeitungs- und Zeit-Geschichte beginnt, natürlich, in den Trümmern der Zusammenbruchsgesellschaft. Die Gründung der „Zeit“ ist eine der heroischen Geschichten von Zufällen und Einfällen, von denen die Nachkriegszeit voll ist. Diese spielt im zerstörten Hamburg und handelt von einer amerikanisch lizenzierten Zeitung, die eine kräftige Feder führt, sich profiliert in den aktuellen Konflikten und Widersprüchlichkeiten dieser Jahre und auch dem Streit mit den Besatzungsmächten nicht aus dem Weg geht. Ein rundes Jahrzehnt lang ist indessen noch nicht recht erkennbar – aber das teilt sie mit der Bundesrepublik insgesamt –, wohin es mit dem Blatt gehen wird. Es tritt entschlossen und mutig ein für das Neue, aber es droht auch eingeholt zu werden von dem Alten – rechtskonservative Autoren drängten, begünstigt von einem der Gründer, ins Blatt.

Die schroffe Absage an solche Tendenzen, durchgefochten in heftigem Streit, verbindet sich mit zwei Namen, die Legende geworden sind: Gerd Bucerius und Marion Gräfin Dönhoff. Beide, der geniale Verleger und die große Journalistin, waren von Anfang an dabei – und blieben es, über ein Halbjahrhundert. Bucerius, immer voller Unruhe, steuerte die Zeitung durch alle wirtschaftlichen Untiefen – „manchmal gehörte uns der Stuhl nicht mehr, auf dem wir saßen“, erinnert er sich später gern, dass er sich „groß geängstigt“, war die Lesart von Marion Dönhoff. Die Gräfin gab dem Blatt das politische Profil, den liberalen Schwung, die Seele. Ohne diese beiden herausragenden Gestalten, ohne die singuläre Konstellation, die sie bildeten, wäre die „Zeit“ nicht geworden, was sie ist.

Die eigentliche „Zeit“-Erfolgsgeschichte beginnt, als die unmittelbare Nachkriegszeit zu Ende geht. Damals stößt eine Reihe von Journalisten-Talenten zur Zeitung, die in ihr Epoche machen werden – Theo Sommer, später zwanzig Jahre Chefredakteur, Rolf Zundel, der große Innenpolitiker und Bonn-Korrespondent, später Rudolf Walter Leonhardt, Chef des Feuilletons, und Diether Stolze, sein Wirtschafts-Kollege, und viele hinter und neben ihnen. Damals bildete sich eine Redaktionsmannschaft, die dann für bald dreißig Jahre die „Zeit“ prägte. Sie machte sie zu einem Ort, an dem der Geist der Aufgeschlossenheit, einer freundschaftlich-familiären Zusammengehörigkeit, der kreativen Liberalität weht. In diesen Jahren wird die „Zeit“ zum Flaggschiff der deutschen Publizistik.

Aber dieser Aufstieg hat auch mit der intensiven, produktiven Liaison zu tun, die die „Zeit“ in diesen Jahren mit dem Zeitgeist eingeht, der sich seinerseits kräftig wandelt. Sie gewann führende Köpfe als Autoren, die Bewegung in die Bundesrepublik brachten, gleichermaßen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Geistesleben, oft aus dem Umfeld der Kirche – von der „protestantischen Mafia“ war die Rede. Das Feuilleton wurde zur intellektuellen Arena, in der sich alles tummelte, was interessant, anregend und herausfordernd war. Die Ostpolitik, ein Zeichen der Zeit, hatte in ihr einen Vorkämpfer. Aber die „Zeit“ erfand auch einen Wirtschaftsteil, der marktwirtschaftlich und lesbar war, und einen eigenen Stil, um das moderne Leben ins Blatt zu holen. Die besten Auslandskorrespondenten hatte sie auch noch, von Ernst Weisenfeld bis Hansjakob Stehle, alle beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk: ein schönes Beispiel für dessen Mäzenatentum, dem die Bundesrepublik so viel verdankt.

In diesen zwei, drei Jahrzehnten trug die „Zeit“ dazu bei, dass die Bundesrepublik ein aufgeklärtes, kritisches Bewusstsein ihrer selbst gewann. Und wo sie zu straucheln drohte – wie bei ihrem Umgang mit den 68ern oder der Drogenfrage –, war sie doch „der Seismograph, der die Verwerfungen in einer sich wandelnden Gesellschaft registrierte“, wie Karl-Heinz Janßen, langjähriger „Zeit“- Redakteur, in seiner Geschichte des Blattes schrieb. Mit alledem zog sie eine kräftige Furche durch die Zeitungslandschaft: Anfang der sechziger Jahre lag die „Zeit“ noch mit anderen, konkurrierenden Wochenzeitungen gleichauf, „Christ und Welt“ oder dem „Sonntagsblatt“, alle mit kleinen Auflagen. Am Ende der sechziger Jahre war sie ihnen unaufhaltsam davongezogen. Später stieß sie in Auflagen-Sphären vor, von denen Qualitätszeitungen bis dahin nicht einmal zu träumen wagten.

Gerade deshalb wurde es zur wichtigsten Frage in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren, wie denn dieses Zeitungsschiff aus den Glanzzeiten seines Aufstiegs in eine neue, andere Zeit zu steuern sei, auf den Punkt gebracht: ob und wie es denn überhaupt eine „Zeit“ nach Bucerius und Gräfin Dönhoff geben könne. Da war nicht nur ein Generationswechsel zu bewältigen, sondern auch die tief greifende Umwandlung der Republik und sich rapide verändernde Mediengewohnheiten. Da gab es Unsicherheiten, Verflachungen, Umdenkprozesse – aber keine Brüche. Mit der Ära Kohl, zum Beispiel, tat sich die „Zeit“ schwer, die Wiedervereinigung traf sie ziemlich nachdrücklich auf dem falschen Bein. Aber das ging vielen in der Bundesrepubik genauso. Die Chefredakteure Robert Leicht, Roger de Weck und schließlich Michael Naumann und Josef Joffe, dazu der Verlagswechsel zur Holtzbrinck-Gruppe, markierten Stationen der nicht ungefährdeten, aber am Ende gelungenen Anstrengung, dieser Herausforderung gerecht zu werden, und mit Giovanni di Lorenzo, der das Blatt seit eineinhalb Jahren leitet, hat es offenbar endgültig wieder festen Boden unter den Füßen gewonnen: In ihrem sechzigsten Jahr hat die „Zeit“ das beste Betriebsergebnis ihrer Geschichte und die höchste Auflage.

Aber gibt der knappe Geschichtsdurchlauf wirklich einen Eindruck von sechzig Jahren „Zeit“? Die Redaktion hatte wohl Zweifel daran. Sie begeht deshalb das Jubiläum mit einer Beilage, und sieht man genau hin, so sind es drei. Die erste, die in dieser Woche beiliegt, ist den zwei Jahrzehnten zwischen 1946 und 1966 gewidmet. Sie fördert – nach einem Essay von Norbert Frei – Fundstücke aus der „Zeit“-Geschichte zutage. Da taucht zum Beispiel der großartige Reporter Jan Molitor wieder auf, in Wahrheit Josef Müller-Marein, der wichtige Chefredakteur, der nach den Turbulenzen der fünfziger Jahre Ruhe ins Blatt brachte. Da kann man das Adenauer-Interview lesen, für das Ernst Friedländer Fragen und Antworten formulierte. Selbst die berühmten Heiratsanzeigen, an denen sich Generationen von Lesern delektiert haben, bekommen ihre Erinnerungschance – an einem Beispiel mit positivem Ausgang. So, denkt man, könnte es weitergehen. Die „Zeit“ ist dabei – mit zwei weiteren Sonderheften in den nächsten Ausgaben.

Der Autor war von 1980 bis 1986 innenpolitischer Redakteur und fester Mitarbeiter der „Zeit“.

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