Medien : Der geteilte Kiosk

Studie: Mediennutzung in Ost und West weiter gespalten

Ulrike Simon

Die Frage, welche Medien jemand nutzt, sagt viel aus über dessen Mentalität, Lebensziele und Wertvorstellungen. Die Mediennutzung ist „ein Seismograph der gesellschaftlichen Situation“, heißt es in einer aktuellen Studie des Instituts für Demoskopie. Im Auftrag des Verbands der Zeitschriftenverleger (VDZ) hat das Institut untersucht, wie sich die Mediennutzung in Ost und West 15 Jahre nach dem Fall der Mauer unterscheidet. Die Ergebnisse sind frappierend.

Schon bisher war bekannt, dass Ostdeutsche mehr fernsehen als Westdeutsche. RTL ist im Osten mit Abstand der Marktführer. Die Ursache ist in den inhaltlichen Vorlieben zu suchen. „Die westdeutschen Zuschauer präferieren überdurchschnittlich Nachrichtensendungen, politische Magazine und Talkshows“, ostdeutsche dagegen regionale Sendungen, Reality-TV, Ratgeber, DailySoaps, Erotikfilme, aber auch Kinder- und Jugendsendungen sowie Videoclips.

Verstärkt wird diese Erkenntnis beim Blick auf den Konsum gedruckter Medien. Während überregionale Abozeitungen und Magazine wie „Spiegel“ oder „Stern“, aber auch Wohn- oder Lifestylezeitschriften von verschwindend wenigen Ostdeutschen gelesen werden, sind Programmsupplements und Apotheken-Zeitschriften die beliebtesten Titel. Ihre Reichweiten sind um 75 beziehungsweise 40 Prozent höher als im Westen. Die Gründe sind vielschichtig. Zum einen: Apothekenblätter und TV-Beilagen kosten nichts. Ostdeutsche sind preissensibler. Sie stellen aber auch andere Erwartungen an gedruckte Medien. Das zeigt das Beispiel der Zeitungen, die von Ostdeutschen ganz anders gelesen werden. Ostdeutsche Leser interessieren sich „unterdurchschnittlich für innen- und außenpolitische Berichte, politische Kommentare und den Wirtschaftsteil, überdurchschnittlich dagegen für Berichte aus der Region, für Anzeigen und Prozessberichterstattung“, stellt die Studie fest. So lesen 46 Prozent der westdeutschen, aber nur 35 Prozent der ostdeutschen Zeitungsleser den Leitartikel. Es liegt nahe, den Grund im Misstrauen gegen Institutionen und im Verfall des zu Wendezeiten noch hohen politischen Interesses zu sehen.

Über Jahrzehnte hatten die Ostdeutschen „völlig andere Erfahrungen und Prägungen durchlebt. Die Einheit veränderte ihr Leben von Grund auf“, argumentiert das Institut. Dinge, die im Westen alltäglich waren, bedeuteten eine Herausforderung und führten zu Verunsicherung. So vermissten die Ostdeutschen in den Medien Informationen über Versicherungen, Steuererklärungen, Kündigungsschutz oder Mietrecht.

Haben die Verlage also versagt? Von Versagen will VDZ-Geschäftsführer Wolfgang Fürstner nicht reden. Die fehlende Kaufkraft der Ostdeutschen und der fehlende Optimismus würden Verlage nicht gerade zu Innovationen ermutigen, sagt Fürstner. Weder das Anzeigen- noch das Vertriebsgeschäft versprechen ausreichende Erlöse. Schmerzvoll sei auch der „Aderlass durch die vielen jungen, gut ausgebildeten Ostdeutschen, die in den Westen umgezogen sind“. Wie hoch der Einfluss des Umfelds ist, zeigt sich in dieser Gruppe besonders gut. Ostdeutsche, die im Westen leben, lesen dieselben Medien wie Westdeutsche.

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