Der gläserne Patient : Gesunde Transparenz

Patientendaten sind ein schützenswertes Gut. Doch die vernetzte Medizin muss es nicht gefährden. eHealth kann Behandlungsabläufe verbessern – und sogar Leben retten.

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Internetseiten zum Thema Gesundheiten boomen ebenso wie Health-Apps. Bloß die Gesundheitskarte kommt nicht voran.
Internetseiten zum Thema Gesundheiten boomen ebenso wie Health-Apps. Bloß die Gesundheitskarte kommt nicht voran.Foto: dpa

Fontanes Romanheld Dubslav von Stechlin bekam auf seine alten Tage oft Besuch vom Hausarzt, der ihm Digitalis gegen seine Herzschwäche verordnete. Auch Hans-Jürgen Steudel leidet unter einer Herzschwäche, auch er hat einen Hausarzt. Daneben hat er auch noch einen Facharzt, der auf Kardiologie spezialisiert ist. Zusätzlich wird der Brandenburger von einem Team der Charité betreut. Aus der Ferne, per Telemedizin. Die räumliche Distanz überbrücken dabei Telefone und Computer. Täglich übermittelt Steudel seine Blutdruckwerte, sein EKG, sein Gewicht und sein Befinden von zu Hause an die Herzspezialisten im Zentrum für Kardiovaskuläre Telemedizin der Charité. Sind sie bis fünf nach elf nicht eingetroffen, klingelt bei ihm zuverlässig das Telefon.

Im Projekt „Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg Fontane“ wird Telemedizin in einer strukturschwachen Region eingesetzt: 14,6 Prozent der Einwohner des Bundeslandes leben dort auf einem Drittel der Gesamtfläche, die Bevölkerungszahl sinkt, der Altersdurchschnitt steigt. Und die Sterblichkeit an Herz-Kreislauf-Krankheiten ist um 40 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt.

Im Rahmen der TIM-II-Studie (für: Telemedical Interventional Management in Heart Failure) werden seit letztem Herbst 1500 Patienten mit chronischer Herzschwäche entweder in einer Kombination aus direkten Arztkontakten und Telemedizin oder ganz herkömmlich nur vom Arzt behandelt. Die Teilnehmer der Telemonitoring-Gruppe schicken täglich Blutdruckwerte, Gewicht und EKG an die Charité. Wenn der Verdacht aufkommt, dass etwas nicht stimmt, greift ein abgestuftes Notfallsystem – das kann von der Bitte, noch einmal zu messen, über die Aufforderung zum Arztbesuch bis zum Landen des Hubschraubers mit dem Notarzt gehen. Erhoffter Nutzen des Projekts, das vom Charité-Kardiologen Friedrich Köhler geleitet und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, dem Land Brandenburg, der AOK Nordost und der Barmer GEK unterstützt wird: weniger Krankenhauseinweisungen, bessere Lebensqualität, weniger Todesfälle. Und eine Betreuung, die auch in der dünn besiedelten Gegend der der Großstadt nicht nachsteht.

Mehrmals täglich ruft die Ärztin die Daten ab

Die Allgemeinmedizinerin Irmgard Landgraf konnte in den letzten 13 Jahren etliche unnötige Krankenhauseinweisungen verhindern, zusätzlich hat sie die Lebensqualität von mehreren hundert Pflegeheimbewohnern entscheidend verbessert und die Arbeit der Pflegekräfte erleichtert. Dabei ist das Konzept der Hausärztin aus der Not geboren: Neben ihrer Praxis betreut sie seit Jahren auch die 100 hochbetagten, meist mehrfach kranken und oftmals dementen Bewohner eines Pflegeheims hausärztlich. Das nimmt nach wie vor viel Zeit in Anspruch, wurde aber durch Vernetzung mit der PC-Pflegedokumentation des Heims zugleich einfacher und effektiver. Mehrmals am Tag wählt die Ärztin sich dort ein und kann zeitnah auf die Fragen der Pflegekräfte reagieren. „Sie müssen mich nur noch anrufen, wenn es wirklich brennt“, sagt die Ärztin. Die Altenpfleger gewinnen dadurch die Sicherheit, nichts zu versäumen. Sie können sich beruhigt ihren eigenen Aufgaben widmen und rufen deutlich seltener bei Feuerwehr und Notarzt an. Mehrere Pflegeheime haben schon angefragt, ob Landgraf nicht auch für sie arbeiten möchte. Geld bringt ihr die Vernetzung bisher nicht ein. Doch für ihre Pioniertat hat sie kürzlich den Telemedizinpreis 2014 gewonnen.

Ihr Projekt stellte sie diesen Donnerstag beim Kongress Pflege 2015 vor, den Springer Medizin in Berlin organisierte. Kleine elektronische Vernetzungslösungen wie diese, von denen es landauf, landab schon einige gibt, sollen erhalten bleiben, wenn die elektronische Gesundheitskarte endlich zeigen darf, was in ihr steckt. Das sagte beim Kongress Arno Elmer, der Geschäftsführer von Gematik, der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH. Zunächst sollen die Einzelprojekte durch Schnittstellen mit der neu geschaffenen Telematik-Infrastruktur verbunden werden, später möglicherweise ganz in ihr aufgehen.

In Sachen elektronische Gesundheitskarte macht die Bundesregierung nun ordentlich Dampf. Dass die neue Versichertenkarte bisher nur mit einem Foto und wenigen Eckdaten dienen kann, die Versicherten andererseits aber schon eine Milliarde Euro gekostet hat, sei ein unannehmbarer Zustand, sagte beim Kongress Karl-Josef Laumann, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und Bevollmächtigter der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten. „Nun lässt sich die Politik nicht länger auf dem Kopf herumtanzen.“ Ein Streitpunkt – und zugleich wichtiger Verzögerungsgrund – war bisher, ob und wie das System der Kassenärztlichen Vereinigungen für elektronische Arztbriefe (KV-Safenet) in einer einheitlichen Infrastruktur aufgehen soll. „Das Gesetz ist sehr deutlich, es lässt der Selbstverwaltung aber noch ihr Gesicht“, so Laumann. „Wir brauchen endlich Datenautobahnen, damit die elektronische Gesundheitskarte zeigen kann, was in ihr steckt“, hatte zuvor schon Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe in einem Beitrag für die „FAZ“ festgestellt. „Vorerst ist sie wie ein Sportwagen, der in der Garage auf seinen Einsatz lauert.“

Im Referentenentwurf für das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen, der seit zwei Wochen vorliegt, wird erkennbar, wie die Politik Krankenkassen und Selbstverwaltung der Ärzte auf Trab bringen will. Auch das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche kommt zur Anwendung, denn es soll für die Ärzte kleine Anreize und Abschläge geben, je nachdem, wie sie die elektronischen Übermittlungsmöglichkeiten nutzen.

Die angestrebte Vernetzung der Daten und Befunde von Kliniken und Arztpraxen soll helfen, im Notfall Leben zu retten, aber auch Kosten für unnötige Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Da die Telematik-Infrastruktur durch Verschlüsselungen und klare Zugriffsrechte höchste Sicherheitsstandards erfülle, sind Datensicherheits-Befürchtungen unbegründet, sagt Laumann.

Nicht nur Ärzte, auch das Pflegepersonal sollte auf die Daten zugreifen können

Hedwig François-Kettner, Vorsitzende des Aktionsbündnisses Patientensicherheit und langjährige Pflegedirektorin der Charité, sieht das ganz genauso. Ihr liegt besonders am Herzen, dass nicht nur Ärzte, sondern auch Pflegekräfte Zugang zu den Daten bekommen, dass der Patient Eigner seiner Daten bleibt und dass klar geregelt wird, wie im Notfall in der Rettungsstelle einer Klinik mit Daten eines akut nicht ansprechbaren Patienten umgegangen werden soll – die Ärzte und Pflegepersonal kennen sollten, um ihm gezielter helfen zu können.

Wer die langwierige Debatte über die elektronische Version der Versichertenkarte und die sie begleitenden Ängste vor dem „gläsernen Patienten“ mitverfolgt hat, wundert sich, wie schnell andererseits Apps für Tablets oder Smartphones an Bedeutung gewinnen, mit denen medienaffine Patienten ihre Gesundheitsdaten eigenständig verwalten können. Zudem gewinnt das Internet allmählich auch für die Behandlung an Bedeutung. So gibt es Angebote für die Online-Begleitung nach der stationären Behandlung psychischer Leiden. Und seit dem letzten Jahr gibt es in Deutschland sogar die erste App auf Rezept: Die Barmer GK zahlt für Kinder mit einer speziellen Sehschwäche das Trainingsprogramm „Caterna“. Die Kleinen, die die Sehschule am heimischen Rechner absolvieren, gehören zu einer Generation, die Elektronik jeder Art wohl noch selbstverständlicher auch in Gesundheitsfragen nutzen wird.

Bevor die von Minister Gröhe nun energisch angeforderten Gesundheits-Datenautobahnen das Land durchziehen, will Gematik das Telematiksystem für die Gesundheitskarte zunächst bei 1000 Ärzten und Therapeuten erproben. Ab Mitte 2016 soll das Netz dann, rein technisch gesehen, auf Herz und Nieren getestet sein.

Charité-Kardiologe Friedrich Köhler und Allgemeinärztin Irmgard Landgraf haben nicht auf die Autobahn gewartet. Sie haben sich und ihren Patienten schon vorher problemorientierte eigene Feldwege gebahnt.

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