Medien : Der Guru von gestern

Keiner berichtete so euphorisch über die Wall Street wie Markus Koch auf n-tv. Doch die Zeiten haben sich geändert

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Eigentlich hätte er sich lieber im Restaurant um die Ecke zum Gespräch getroffen. Das Büro gebe wirklich nichts her, sagt Markus Koch, nur Umzugschaos. So durcheinander ist es gar nicht in dem Raum, der noch bis Ende des Monats der Sitz seiner Firma Wall Street Correspondents Inc. sein wird. Nur leer. Wo einst zwölf Kollegen vom größten Börsenplatz der Welt nach Deutschland berichteten, verstauben jetzt die Schreibtische, die Bildschirme bleiben dunkel. Die Möbel will die Heilsarmee nicht einmal geschenkt, selbst auf diesem Markt ist derzeit das Angebot größer als die Nachfrage.

Die Medienkrise und der Aktien- Abschwung gingen auch an Deutschlands schillerndstem Börsen-Reporter nicht spurlos vorüber. Im September zieht Koch, 32, die Straße hinunter, einen Steinwurf von der Wall Street entfernt, aus der er wochentags für n-tv berichtet. „The Exchange“ heißt das Apartmenthaus, in dem er drei Zimmer gemietet hat – wohnen links, arbeiten rechts, die Fenster ohne Aussicht .

Sollte er diese Geschichte lesen, wird Markus Koch spätestens jetzt die Augen verdrehen. Schon wieder einer, der ihn in die Pfanne hauen will? Das passierte ihm in letzter Zeit häufiger. Wie schrieb eine deutsche Tageszeitung, als die Weltwirtschaft in voller Blüte stand? Koch sei ein „Börsen-Animateur“, der es verstehe, das komplizierte Geschehen erfrischend rüberzubringen. Und kenntnisreich sei der „führende Finanzreporter" zudem. Eineinhalb Jahre später, die Kurse im Sturzflug, die Türme des World Trade Centers zerstört, mutiert Koch in derselben Sektion desselben Blattes zum „Dauer-Optimisten“ mit „Lernhemmung“. Und Ahnung habe er auch keine.

„Ich bin gut“

„Wenn die Börse läuft, bist du toll, wenn sie nicht läuft, bist du der Depp der Nation“, sagt Koch, „das lässt mich einfach relativ kalt.“ Wirklich? Seine Gesten sprechen eine andere Sprache. Später wird er zugeben, es sei schon verletzend gewesen. Und wenn nun jede Woche so ein Artikel erscheine, fange er vielleicht tatsächlich an zu glauben, er habe keine Ahnung. Markus Koch, der jung-dynamisch-spritzige Finanz-Talker, geplagt von Selbstzweifeln? Ganz so groß ist die Identitätskrise auch wieder nicht. Gerade vor ein paar Tagen sei er gefragt worden, ob er als Broker aufs Parkett zurückkehren wolle, sagt Koch. Lässig fügt er hinzu: „Ich habe meinen Spaß an der Börse nicht verloren. Und die Leute, die mich kennen, wissen, dass ich gut bin.“

Einfach waren die vergangenen Jahre gewiss nicht. 1990 ging Koch, damals 19 Jahre alt, nach Manhattan. Eine Kindheit in Liberia, einen Hype als Deutschlands jüngster Vermögensverwalter und eine Pleite hatte er hinter sich. Um eine Chance zu bekommen, arbeitet er das erste halbe Jahr in einem amerikanischen Brokerhaus ohne Gehalt. 1994 beginnt er seine Medien-Karriere mit Wall-Street-Berichten für Radioropa, eine kleine Station in der Eifel, die die Zeit nicht überdauert hat. Honorarfrei, natürlich. Der Durchbruch kommt nach einem Auftritt in der Börsensendung der ARD. n-tv ruft an, der Sender sucht einen neuen Wall- Street-Moderator. Wieder arbeitet Koch zunächst sechs Monate ohne Bezahlung, wieder setzt er sich durch.

„Nach einem Dreiviertel-Jahr hätte ich fast hingeschmissen“, sagt er, „ich war vor jeder Sendung so schrecklich nervös.“ Er engagiert eine TV-Trainerin und alsbald sorgt der Blonde mit dem Bubengesicht für die Portion gute Laune in der drögen Welt der Derivate und Dividenden. Die Zahl seiner Kunden steigt, Radio, Fernsehen, Magazine und das Internet gieren nach Stoff. Aktien sind das Thema der Zeit, und Koch mimt den Zeremonien-Meister. Nicht, ohne sich gelegentlich zu wundern: „Mich schockiert, dass viele Privatinvestoren Schwierigkeiten haben, wenn Omo eine Mark teuer wird, und dann gehen sie mit ihrem Geld unglaublich leichtsinnig um, hören tatsächlich auf einen Vier-Minuten-Bericht.“ Das „Handelsblatt“ steigt 1999 bei Wall Street Correspondents mit 25 Prozent ein. Jens Korte, mit dem Koch sich die Auftritte aus New York für die „Telebörse“ teilt, wird sein Partner in der Firma. „Es war mein Traum, eher noch mehr Leute zu haben. Ich wollte etwas schaffen“, erzählt Koch. Doch die Sache beginnt, aus dem Ruder zu laufen. Dem Unternehmen fehlt ein klares Profil nach außen und eine Struktur nach innen. Die Börse bröckelt. Und dann kommt der 11. September 2001. Kochs Korrespondenten, mittlerweile in einem Büro mit Blick auf die Zwillingstürme untergebracht, haben Glück. Niemand wird ernsthaft verletzt, der Firmensitz wird zerstört. Miete verlangt der Besitzer trotzdem. Koch klagt und bald liegt sein Unternehmen in einem existenzbedrohenden Rechtsstreit. „Die amerikanischen Gesetze sind katastrophal“, sagt er, „der Vermieter kann einfach sagen, es sei nicht seine Schuld, dass man in der Nähe eines Terroranschlages war.“ Doch wer kann sich in diesen Zeiten schon leisten, Miete für Büros zu bezahlen, die nicht benutzbar sind.

Die geschrumpfte Firma

Die Sache ist noch nicht ausgestanden, aber ein Vergleich in Sicht, den Koch als „einigermaßen human“ bezeichnet. Viel blieb ohnehin nicht übrig von den Wall Street Correspondents. Zehn Leute mussten gehen. Koch hat seine Anteile vom „Handelsblatt“ und von seinem Partner zurückgekauft und wird als Zwei- Mann-Betrieb weitermachen. Quasi zurück zu den Wurzeln, Analysten würden von einer Beschränkung auf die Kernkompetenz sprechen. Der Ausdruck gefällt Markus Koch, er muss grinsen: „Ich bin ganz happy damit, wirklich. Ich war ein furchtbar schlechter Manager. Zum Beispiel, weil ich, wenn mir etwas stinkt, das auch laut sage.“ Er sei „tierisch froh“, die vergangenen zwei Jahre psychisch durchgestanden zu haben.

Nun kann alles eine neue Wendung nehmen. Vor kurzem hat er geheiratet, „eine Amerikanerin, ich hätte nie gedacht, dass mir das passieren würde“, sagt er. Dreimal in der Woche schult er seine Fertigkeiten am Jazz-Klavier. Möglichst jedes Wochenende fährt er in sein Wochenendhaus in Woodstock, zwei Autostunden nördlich von Manhattan. Holz hacken und Dachrinnen-Reparaturen versprechen Kontemplation.

Bisweilen sorgt sogar Radio Woodstock für neue Einsichten. „Neulich habe ich einen guten Spruch über die Mentalität der Amerikaner gehört: Sie sind immer auf der Reise, wissen aber oft nicht, wohin“, sagt Koch. Dabei sieht er so aus, als erfahre er gerade sehr amerikanische Momente in seinem Leben.

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