Medien : Der ideale Besserwisser

Lattek, Litti & Co. können auch Nervensägen sein

M. Ehrenberg/C. Tretbar

TV-Experten – wer ist die größte Nervensäge? Stefan Effenberg? Udo Lattek? Franz Beckenbauer? Paul Breitner? Oder doch Urs Meier? Die beliebte Stammtisch-Frage hat so viele Antworten, wie es Fußballfans gibt. Einigkeit besteht wohl nur im Falle von Günter Netzer, der der ARD an der Seite von Gerhard Delling mit (meistens) klug-abgehangenen Analysen seit Jahren Fernsehpreise und Renommee beschert. Eingestellt werden diese Ex-Fußballer, -Trainer oder -Schiedsrichter von den Fernsehsendern, und die sollten wissen, was sie tun, für wen sie Geld ausgeben.

Sat 1 hat in dieser Hinsicht eine eigene Philosophie. Anders als RTL bei der WM 2006 beispielsweise mit Pierre Littbarski verzichtet Sat 1auf feste Experten. „Wir entscheiden von Spiel zu Spiel“, sagt Timon Saatmann, Sportchef von N24. Der Nachrichtensender produziert für Sat 1 die Übertragung des Uefa-Pokals. Vor dem Spiel des FC Bayern gegen Zenit St. Petersburg habe man 100 Namen diskutiert. „Uns hätte keiner weiter gebracht.“ Schließlich wolle man auch das nicht fußballaffine Publikum erreichen. Dafür brauche man jemanden, der das Menschliche am Spiel erzählen könne.

Den perfekten Experten zu finden, sei enorm schwierig. „Er muss Fußballsachverstand mitbringen, selbst ausreichend Erfahrung in dieser Sportart haben und vor allem sein Wissen und seine Ideen auch unseren Zuschauern vermitteln können“, sagt ARD-Programmdirektor Günter Struve. Für Saatmann ist der Typus Klopp ideal. „Er hat in Sekunden den Schwiegermutter-Instinkt beim weiblichen Publikum geweckt und war ein unverbrauchtes Gesicht.“ Beim Rückspiel der Bayern in St. Petersburg werde Sat 1 vermutlich wieder auf einen Experten verzichten. „Aber für das Finale werden wir jemanden haben.“

Exklusiv beim Deutschen Sport Fernsehen (DSF) arbeiten Udo Lattek, Thomas Strunz und Fredi Bobic. „Welcher Experte zu welcher Sendung passt, hängt ganz vom jeweiligen Format ab: Für eine Sendung wie den DSF-,Doppelpass’, bei der sehr stark polarisiert wird, ist ein Mann wie Udo Lattek ideal“, sagt DSF-Chefredakteur Sven Froberg. Lattek nehme beim sonntäglichen Bundesliga-Stammtisch des Privatsenders kein Blatt vor den Mund und spreche das aus, was andere vielleicht nur hinter vorgehaltener Hand sagen würden. Bei analytischen Formaten wie „Bundesliga – Der Sonntag“ setze man mit Thomas Strunz und Fredi Bobic auf zwei Experten, die das Bundesliga-Geschehen eher aus der Warte des Ex-Profis beurteilen. „Oliver Kahn wäre natürlich auch für das DSF ein hochinteressanter Experte – allerdings nur, wenn er bezahlbar ist“, so Froberg.

Mit dem räsonierenden, stets in die Ferne schauenden Torwart-Titan würde die Antwort auf die Frage nach der größten Nervensäge unter den TV-Experten auch nicht einfacher werden. Aus Kahns Verein kommt neben Mehmet Scholl, der bei der ARD EM-Experte wird, ein weiterer Kandidat: Premiere hat Bayern-Präsident Franz Beckenbauer unter Vertrag. Großartig, brillante Analysen, hoher Unterhaltungswert, sagen die einen. Größter Dummschwätzer, sagen andere; vor allem dann, wenn Beckenbauer vor laufenden Kameras die Personalpolitik seines eigenen Vereins kritisiert („Schalke ist vorne ein bisschen spärlich besetzt, doch das ist der FC Bayern auch“). Ähnlich umstritten war und ist Paul Breitner, der vor vier Jahren beim DSF, wo er sogar eine eigene Sendung hatte, ausschied und später in den Beraterstab des FC Bayern wechselte. Jetzt steht Breitner hin und wieder bei Live-Spielen neben ARD-Moderatoren auf der Wiese, erzählt aber immer seltener, ob und wie er es besser machen würde.

Was den Nervensägen-Faktor betrifft, ist es um einen Ex-Profi erstaunlich ruhig geworden, dem man an vorderster Expertenfront erwarten würde: Mario Basler. Dessen „loses Mundwerk“ und „schonungslose“ Wahrheitsliebe (eigene Website) sind legendär. Für einen neuen Expertenjob müsste erst mal Zweitligist TuS Koblenz absteigen. Dort ist Basler Co-Trainer. M. Ehrenberg/C. Tretbar

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