Medien : DER IMAGETEST „Ich bin ein bluesiger Typ“

Barbara Nolte

SETTING

Man hätte darauf gewettet, dass er Wildlederschuhe trägt. Weiche, braune Wildlederschuhe mit Kreppsohle. Die würden gut zu seiner sonoren Stimme passen. Aber Thomas Roth, Chef des ARD-Hauptstadtstudios und Moderator des „Berichts aus Berlin“, hat heute schwarze, glänzende Budapester-Schuhe an. Dazu eine Nadelstreifenhose mit hohem Bund, ein hellblau-weiß gestreiftes Hemd. Er ist fast so groß wie die Bürotür, in der er steht. Er lächelt. Vor dem schwarzen Le- Corbusier-Sofa in der Ecke seines Chef-Zimmers hat seine Sekretärin schon das klassische Thermoskannen-Butterkeks-Ensemble aufgebaut.

Sofa vom Vorgänger Ulrich Deppendorf geerbt?, fragt man.

Nein, sagt er. Er selbst habe es anschaffen lassen. „Ich bin ein Bauhaus-Fan durch und durch.“

Roth gießt sich einen Kaffee ein, den er schwarz trinkt, und zündet sich eine Camel ohne Filter an. Los geht’s!

THESE 1

Wenn Sie sich entspannen wollen, lesen Sie das preisgekrönte Meeresmagazin „Mare“.

Falsch. Er überfliegt „Mare“ höchstens. Nicht, dass es ihm nicht gefallen würde. „Eine wundervolle Zeitschrift mit einer tollen Beobachtungsgabe“, lobt er. Aber er liest schon „Spiegel“, „Stern“, die „Neue Gesellschaft“, außerdem – sieben! – Tageszeitungen.

THESE 2

Auf Partys tanzen Sie nur zu „Hotel California“ von den Eagles.

Auch falsch. „Wenn die Stones liefen, würde ich lieber zu den Stones tanzen. Ich mag ,Jumping Jack Flash’ – wenn es ums Abrocken geht.“ Er sei sogar Stones-Fan. „Wie kommen Sie auf die Eagles?“

Ihre Frisur, die Eagles passen …

„...zu meiner Frisur?“ Er lacht. „Nein, ich bin eher ein bluesiger Typ.“

Bluesig! Es ist erstaunlich: Roth ist weder arrogant noch streng, wie man es vom Herrscher über das ARD-Reich Berlin erwarten würde; wie man es oft erlebt, wenn einer im Dunstkreis der Mächtigen arbeitet und immer irgendwelches Herrschaftswissen andeutet, aber natürlich nicht verrät. Aber bei Roth hatte man schon länger den Eindruck, dass ihn der Politikbetrieb vielleicht, ja, wie soll man sagen: nervt? Sieht er in seinem „Bericht aus Berlin“ nicht irgendwie traurig aus? Roth zündet sich noch eine Camel an und erzählt, wie er die Stones in Moskau sah. Nach der Pressekonferenz der Band wollte er unbedingt ein Autogramm von Keith Richards. Aber es war fast unmöglich – zu voll. Also wandte er einen alten Reportertrick an: Schmeicheln. „You are greater than Beethoven“, rief er ihm nach. Richards drehte sich um und fragte: „Who said that? You are damn right!“ Er hat sein Autogramm bekommen, auf einen Werbeblock vom WDR.

THESE 3

Das Berliner Prominenten-Restaurant „Borchardt“ ist Ihnen ein Gräuel.

Dritte These, dritter Fehler. Roth geht hin und wieder zu Empfängen ins „Borchardt“, und auch noch „ganz gern“.

Aber Sie wirken nicht so, als ob Sie Ihre Freizeit unbedingt unter der Berliner Politprominenz verbringen wollten.

„Da haben Sie Recht“, sagt Thomas Roth. „Ich versuche, so viel Zeit wie möglich für Freunde rauszuschlagen.“ Die meisten seiner Freunde, erzählt er, kennt er noch von der Schauspiel-Gruppe der Uni in Heidelberg.

STECKBRIEF

1951 in Heilbronn geboren… Roth: „Stimmt“… Gymnasium, Abitur ... „Ja“ ... Einser-Abiturient wie Anne Will oder schlechter Schüler wie Uli Wickert? ... „Durchschnitt“ … Studium in Heidelberg, Volontariat beim SDR, als Korrespondent in Afrika und Russland, Hörfunkchef beim WDR, man nannte Sie dort den Sonnenkönig. „Ich kenn nur Silberlocke als Spitzname“… zurück nach Moskau, dann 2002: Berlin. Ihr Hobby, schreibt das Prominentenlexikon „Munzinger“, ist es, die Natur zu beobachten… „Ich weiß nicht, wie der ,Munzinger’ darauf kommt“, sagt Roth. „Ich habe keine Hobbys.“ Aber Schauspieler wollten Sie mal werden?

„Nein, ich hab das nur zum Spaß gemacht“, sagt er. „Ich wollte nie im Zentrum stehen. Als wir mal den italienischen Dramatiker Dario Fo spielten, habe ich den Chor mit der Gitarre begleitet.“

Roth als Hobby-Schauspieler – selbst das kann man sich kaum vorstellen. Wickert, Cleber, Kausch, zu jedem der Nachrichten-Kollegen passt es besser. Sie spielen noch immer eine Rolle: Wickert den Bonvivant, Kleber den amerikanischen Elite-Uni-Absolventen, Thomas Kausch den Verwegenen. Aber Roth? Präsentiert Nachrichten pur. Die „Welt“ nannte es vor zwei Wochen „harmlosen Moderationsstil“. Einziger Kritikpunkt einer makellosen Archivmappe. Muss man heute den Zuschauern verschwörerisch zublinzeln, eine Anekdote am Ende parat haben oder wenigstens ein „Ciao“? Muss man ihnen ein Stück weit seine Persönlichkeit offenbaren, und sei es nur eine Rolle?

THESE 4

Seriosität reicht heute nicht mehr aus, um erfolgreich Nachrichten zu machen.

Roth schaut, als würde er die Frage nicht verstehen: „Aber es ist die Grundlage. Man muss vor allem glaubwürdig sein.“

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Beim Fernsehen gibt es eine Prüfinstanz für solche Aussagen: die Quote. Beim „Bericht aus Berlin“ ging sie in den letzten zwei Jahren um 1,9 Prozent runter. Gegen die vielen Comedys freitags in den privaten Sendern komme man mit dem eher trockenen Nachrichtengeschäft nicht an, klagt Roth. Tatsächlich gibt es viele Gründe, warum sich die Menschen immer weniger Politik ansehen. Doch hilft das Thomas Roth nur zum Teil: Der „Bericht aus Berlin“ steht in den Quoten-Rankings der ARD ganz weit hinten. Von September an wird er in die „Tagesthemen“ integriert.

THESE 5

Sie haben auch kein Rezept, wie man deutsche Politik interessant macht.

„Doch“, sagt er. „Wir müssen verständlich machen, was Politik für die Realität der Menschen bedeutet.“ Die neue Sendung „Tagesthemen – Bericht aus Berlin“ würde außerdem aktueller, thematisch offener.

ABGANG

Schon zwanzig vor neun. In Moskau. Die Uhr über Thomas Roths Bürotür zeigt Moskauer Zeit an.

Man fragt, rhetorisch: vom Vorgänger Deppendorf geerbt?

Nee, sagt Roth. Selbst aufgehängt. „Es ist wohl ein bisschen aus Nostalgie.“

LETZTE – SPONTANE – THESE

Am liebsten würden Sie wie Wolfgang Büscher zu Fuß von Berlin zurück nach Moskau laufen.

Roth lacht, drückt seine Zigarette aus. „Da ist schon eine starke Bindung“, sagt er, „aber zurzeit bin ich gerne in Berlin.“

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