Medien : Der immer lustige Rheinländer

Wolfgang Niedecken spaziert mit Gero von Boehm durchs Veedel

Thomas Gehringer

Stell dir vor, ein prominenter Kölner wird interviewt, und das Wort „Frohnatur“ fällt nicht. Dieses Interview muss erst noch geführt werden, auch der feinsinnige Gero von Boehm mochte nicht auf das Klischee vom immer lustigen Rheinländer verzichten. Für die Gesprächsreihe „Gero von Boehm begegnet …“ hat sich der Journalist Wolfgang Niedecken ausgesucht, passend zum 30. Geburtstag seiner Band BAP – und zum neuen Konzept der Reihe, wonach von Boehm seine Gäste nicht mehr im Studio, sondern vor Ort trifft, in deren Heimatstadt zum Beispiel. Der tief in Köln verwurzelte Niedecken ist da ein nahe liegender Fall.

Also läuft man gemeinsam durchs „Veedel“ (Viertel), betrachtet bei Niedeckens zu Hause einige Erinnerungsstücke und nimmt in der Stammkneipe von Niedeckens Opa heimisches Bier zu sich. Im Schritttempo spazieren beide durch Niedeckens Heimatviertel und Leben, dabei kann es unverhofft durchaus ungemütlich werden. Boehm lässt die unvermeidliche „Frohnatur“ ins Gespräch plumpsen, behauptet sogar, bei Niedecken eine Spannung zwischen Frohnatur und „tiefer Traurigkeit“ ausgemacht zu haben. Das klingt irgendwie gut, also widerspricht Niedecken nur halbherzig. Damit hat ihn Gero von Boehm an der Angel: „Sie haben das mal bekämpfen wollen mit Alkohol?“

Der 54-jährige Niedecken reagiert mit altersgemäßer Gelassenheit, lässt sich einige schmerzhafte Bekenntnisse entlocken. Zum Beispiel, dass er während der BAP-Tourneen zwischen 1980 und ’87 vor und nach den Konzerten „Wein in unglaublichen Mengen“ zu sich nahm. Offen äußert er sich zu den teilweise schlimmen Erfahrungen während seiner Schulzeit im katholischen Internat in Rheinbach. Allzu tief dringt von Boehm aber nicht in Wolfgang Niedecken, was lobenswert ist. Ein Fernsehpublikum muss nicht alles wissen.

Gero von Boehm begegnet: Wolfgang Niedecken, 3sat, 22 Uhr 25

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