Medien : Der indische Traum

Claus Kleber staunt in einer ZDF-Reportage über die aufstrebende Wirtschaftsmacht

Thomas Gehringer

„Es ist eine großartige Zeit, in Indien jung zu sein“, sagt Claus Kleber. Jedenfalls wenn man es sich leisten kann, eine Privatuniversität zu besuchen. Auf dem Campus in Bangalore spricht Kleber mit jungen Frauen und Männern, die fest an ihre Zukunft glauben. Probleme gibt es auch, vor allem die Korruption, sagen sie. Aber ihr Professor impft ihnen Zuversicht und Ehrgeiz ein. Weltspitze werde Indien in wenigen Jahren sein. „Amerika fürchtet Indien“, behauptet er. Die Europäer würden wenigstens wissen, dass Indien eine Kulturnation sei. Aber sie würden dabei noch an Schlangenbeschwörung und Ähnliches denken. Es klingt etwas mitleidig.

Vielleicht ist der Herr Professor wegen der Anwesenheit der Fernsehkamera etwas überschwänglich geworden, doch dieser Glaube an die eigene Stärke, „dieser nicht enden wollende Optimismus“ ist Kleber in Indien häufig begegnet. „Ich habe mich anstecken lassen von der Begeisterung“, erklärt er. So ist dann auch zumindest der erste Teil der Reportage „Indien – unaufhaltsam“ geraten. Es zeigt ein Indien der Glaspaläste, der modernen Industrie, des Aufbruchs und Wohlstands. Kleber bestaunt eine moderne Raffinerie und eine Polyester-Fabrik der Reliance Group, die kürzlich die deutsche Traditionsmarke Trevira aufgekauft hat. Er wundert sich über die deutsche Software-Firma SAP, die am Rande von Bangalore ein Gebäude nach dem anderen hochzieht. Sogar die Wanderarbeiter, die auf den zahlreichen Baustellen für zwei Euro am Tag schuften, seien zufrieden, denn der Hungerlohn sei immer noch doppelt so hoch als anderswo. Kleber klingt beeindruckt und auch ein wenig besorgt. 500 Millionen Inder seien jünger als 25 Jahre, bemerkt er. Da kommt was auf uns zu, ist seine Botschaft.

Wenn Claus Kleber seinen Schreibtisch im Mainzer Büro verlässt, dann will er was erleben. Einmal im Jahr, das hat der Chef des „heute-journal“ mit dem ZDF vereinbart, dreht er mit seiner Kollegin Angela Andersen einen Reise-Mehrteiler. Beide sind ein eingespieltes Team, haben schon gemeinsam für die ARD aus Amerika berichtet und beim ZDF die Filme „Menschen im Morgenland“ und „Amerikas Kreuzzüge“ abgeliefert. Nach diesen Reisen in den Nahen und Mittleren Osten sowie nach Afghanistan ist nun also Indien, ein „übersehener erwachender Riese“ dran, wie Claus Kleber sagt. Es ist wohltuend, dass es im Fernsehen noch Auslandsberichte gibt, die nicht von Krieg und Terror handeln, die nicht den Nahen Osten, Amerika oder China in den Mittelpunkt stellen. Auch ist es legitim, sich auf die Aufbruchstimmung in Indien zu konzentrieren, aber ein „ungewöhnliches und doch repräsentatives Bild“, wie Kleber verspricht, kommt dabei nicht heraus.

Wenn man mit lauter Managern, Professoren oder Politikern spricht, bekommt man viele Erfolgsgeschichten zu hören. Das ist nicht ungewöhnlich, sondern Public Relations. Das enorme soziale Gefälle wird nicht verschwiegen. Immerhin: Kleber und Andersen besuchen eine Frau auf dem Land, deren Mann sich das Leben nahm, weil seine Baumwoll-Erzeugnisse nicht mehr konkurrenzfähig waren. Nun sitzt die Witwe selbst am Webstuhl und schafft es nur mit Mühe, ihre Kinder durchzubringen. Es mag nicht beabsichtigt sein, doch in dem ersten Teil voller glitzernder Erfolgsgeschichten wirkt diese Episode nur wie ein Beispiel für die leider zwangsläufige Schattenseite: Da hat jemand den Anschluss verpasst, Verlierer gibt es eben überall. Kleber und Andersen, beide vom Leben in den USA geprägt, wollen lieber von Chancen als von Problemen, von Gewinnern als von Verlierern erzählen. Sie wollen auf sattsam bekannte Klischeebilder Indiens verzichten, aber präsentieren den indischen Traum weitgehend ohne Zweifel oder gar Kritik. „Indien – unaufhaltsam“ erzählt durchaus einige interessante Geschichten, aber das ganze Bild ergibt das wohl kaum.

„Indien – unaufhaltsam“; ZDF, Teil 1 am Mittwoch um 22 Uhr 45, Teil 2 am Donnerstag um 22 Uhr 15

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