Medien : Der interkulturelle Prolet

Bei „Beckmann“ wird Dieter Bohlen akademisch betrachtet

Jörn Wöbse

Was Frauen wirklich wollen, darüber können wir Männer nur Vermutungen anstellen, die sich im Nachhinein meistens als falsch herausstellen. Was Männer wollen, darüber herrscht spätestens seit Montag, 23 Uhr 30, Klarheit: Kissen auf dem Sofa! Möglichst viele, möglichst weiche, möglichst schöne. Ist das zu viel verlangt? Was „Naddel“ noch egal war, ist Estefania ein Herzensanliegen – ein kuscheliges Nest zu schaffen, in das „Pop-Titan“ Dieter Bohlen nach getaner Produktions-Fron sein ermattetes Haupt betten kann.

Bohlen bei Beckmann. Klar, dass die beiden norddeutschen Jungs „Buddies“ sind, es mit dem „Sie“ nicht so richtig klappt. „Leckt mich alle, Euer Dieter“ steht im Vorwort von „Nichts als die Wahrheit“, aber wer Einlassungen dieser Art erwartet hatte, wurde enttäuscht. Bohlens Rede ist überraschend gemäßigt. Hat er nun doch noch Aristoteles‘ „Nikomachische Ethik“ verinnerlicht, oder hat er einfach nur Kreide gefressen? Wir tippen auf Ersteres, ist seine Person doch jetzt verdientermaßen auch Gegenstand akademischen Interesses geworden.

Professor Erik Grawert-May aus Senftenberg jedenfalls, ein nur leicht wirr wirkender Mann der Wissenschaft, stellt die Karriere des Drei-Akkorde-Tycoons in den Mittelpunkt seines Seminars über „Interkulturelle Aspekte der Psychologie“. Und da wollte D.B. schon immer hin. Nach Studium und BWL-Diplom ist seine Promotion (am liebsten über „Modern Talking“) eigentlich nur noch Formsache. „Dann bin ich Dr. Bohlenski!“

Kulturpessimisten könnten mäkeln, an der Zeiteinteilung der „Beckmann“-Show könne man den geistigen Zustand der Republik vortefflich ablesen: ein Drittel für Oscar-Preisträger Maximillian Schell, deren zwei für Pop-Künstler und Selbstvermarktungs-Genie Bohlen. Aber solchen Kritikastern würde unser Dieter richtig Saures geben: Alles nur Neid! Dabei war der Auftritt von Schell ein selten gesehenes Highlight. Wann hat man schon einmal erlebt, dass der Gast mindestens so gut auf den Moderator vorbereitet war wie umgekehrt? Schell wusste alles über Beckmann und brachte diesen damit gehörig ins Schwimmen. „Twistringen (Beckmanns Geburtsort) ist der kulturelle Mittelpunkt Niedersachsens“, die Erklärung für diese verblüffende Äußerung ging dann allerdings in ungewohntem Gestammel des Moderators unter. Wenn das Schule macht, ist das Ende der Talkshows abzusehen. Das können Sie doch nicht wollen, Herr Schell!

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