Medien : Der Internet-Wilsberg

Die heutige Folge hat ein Team aus Laienautoren geschrieben

Thomas Gehringer

Erst war es nur eine Marketingidee, wie sich ZDF-Redakteur Martin R. Neumann erinnert. Nun ist tatsächlich ein Film daraus geworden: Sechs Laien schrieben das Drehbuch zum neuen „Wilsberg“-Krimi „Letzter Ausweg: Mord“ am heutigen Samstagabend. Zwei Tote, ein fieser Staatsanwalt, eine streckenweise etwas unübersichtliche Handlung, einiger Dialogwitz und die bekannten Possen mit Freund Manni (Heinrich Schafmeister), der immerzu sein Auto verleihen muss – es ist eigentlich wie immer.

Das findet auch Hauptdarsteller Leonard Lansink, der keinen Unterschied zu einem Drehbuch des „Wilsberg“-Erfinders feststellen konnte. „Man hätte ,Jürgen Kehrer’ drunterschreiben können, das hätte ich auch geglaubt.“ Gab es denn keine handwerklichen Fehler? Lücken im Buch? „Die sind da immer“, erwidert Lansink so lakonisch wie sein Alter ego, der mürrische Privatdetektiv aus Münster.

Weil die Redaktion fürchtete, der Trend zu starken Frauenfiguren würde ihre westfälisch-gemütliche Philip-Marlowe-Variante aus dem Programm drängen, wurde 1999 das Internetprojekt „eScript“ geboren. Die Mainzer baten im Internet zum Mitschreiben an den nächsten „Wilsberg“-Büchern, und siehe da: Die Republik wimmelt nur so vor Laien-Autoren. Hundert Mails am Tag ließen Redakteur Neumann gehörig ins Schwitzen geraten, doch schnell bildete sich ein harter Kern von rund 30 Männern und Frauen, die per Chat Szenen und Figuren entwarfen und diskutierten. Vor zwei Jahren erteilten die Mainzer den verbliebenen „eScript“-Laien den Auftrag, eine komplette „Wilsberg“- Folge zu schreiben.

Es ist ein bunter Haufen: je drei Frauen und Männer aus unterschiedlichen Berufen und Landesteilen. Einige können bereits Veröffentlichungen vorweisen, und Diplom-Ingenieur Gerd Zipper aus Schwäbisch Gmünd schrieb sogar das Drehbuch zu einer „Küstenwache“-Folge. Und wie geht es zu, wenn sich ein westfälischer Neurologe und ein schwäbischer Schreiner, eine Pädagogin aus dem Sauerland und eine Physikerin aus Sachsen per Mail und schließlich bei persönlichen Treffen auf eine Geschichte einigen müssen? „Sechs Ideen von dem Stoff“ hat Neumann zu Beginn gezählt und drei verschiedene Mörder.

Joachim Schlag zum Beispiel musste sich von seinen Jägern trennen. Zu Beginn des Films, so eine Idee des 40-jährigen Schreiners aus Korntal bei Stuttgart, sollten die Grünröcke Geld aus einem im Wald verunglückten Auto stehlen. Immerhin: Den Unfall gibt es noch. Ein „unglaublich hartes Brot“ sei die gemeinsame Arbeit am Drehbuch, sagt Heidrun Jänchen, die gewissermaßen vom Fach ist. Denn die 38-jährige Physikerin arbeitet bei Zeiss Geräte-Entwicklung in Jena an Rückprojektionsfernsehern. Gerne hätte sie der Frau des Staatsanwaltes eine stärkere Persönlichkeit verliehen, doch „das war nicht zu machen“, weiß sie jetzt. Neben den anderen Autoren wachten natürlich wie üblich auch Redaktion und Produktion über die Buch- Entwicklung.

Übrigens ist Münster an diesem Wochenende so etwas wie die Krimi-Hauptstadt des deutschen Fernsehens; denn auch die ARD lässt dort am Sonntag ihr westfälisches „Tatort“-Duo ermitteln.

„Letzter Ausweg: Mord“, 20 Uhr 15 , ZDF

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