Medien : Der Journalist, dein Feind und Helfer

Auf dem Bonner Petersberg reflektieren Journalisten ihre Rolle beim Berichten über den Terrorismus

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Von Caroline Fetscher

Wir saßen am Fuß des Hügels, und oben auf dem Gipfel gründeten sie gerade einen Staat. Was hätten wir letzten Dezember darum gegeben, wir alle, 1200 Journalisten aus der ganzen Welt, hätte man uns nur einmal nach da oben auf den Petersberg gelassen, um die Atmosphäre zwischen Afghanen und westlichen Diplomaten im Gästehaus der Bundesregierung mitzubekommen. Aber der Hügel war für die Presse tabu, berittene Polizei und Helikopter schirmten das Geschehen ab – das erste wirklich Hoffnung Stiftende nach den Terrorangriffen in New York und Washington am 11. September.

Am Donnerstag versammelten sich oben auf dem Petersberg wieder Hunderte von Leuten. Und diesmal sind es die Medienvertreter. Eingeladen vom Deutschen Journalistenverband wollen sie hier vorläufige Bilanz ziehen zur Frage „Medien – Instrumente des Terrorismus?“

Einquartiert in den luxuriösen Räumen, in denen letztes Jahr die Angst und Hoffnung von Afghanistan das große Thema war, genießen die Fernsehmacher, Radioredakteure, Zeitungsreporter den weiten Blick über das Rheintal. Die Lage scheint ruhiger geworden. Selbstkritisch befragen sich die Medienleute nun, was ihr Beitrag zu den Ereignissen war und ist. Den Konferenzsaal säumt eine Ausstellung der Titelblätter von etwa hundert Tageszeitungen am Tag danach, dem 12. September 2001: Hundert Mal Brand und einstürzende Türme, hundert Mal die in Layout übersetzte Panik des Vortages.

Nüchtern und wissenschaftlich klingt dagegen, was der Soziologe Peter Waldmann dem Auditorium zu sagen hat. Terrorismus und Massenpresse entstanden zeitgleich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, erklärt er, die damaligen Anarchisten erkannten die Möglichkeit, ihre „Propaganda der Tat“ durch die Presse zu verbreiten. Attentäter konkurrieren also um das Interesse der Medien, führte Waldmann aus, und erklärte, dass nur über etwa fünf Prozent aller Attentate berichtet wird, „vor allem dann, wenn es Opfer in Europa, den USA und im Vorderen Orient gibt“. Asien, Afrika und Lateirika rangiert weit unten auf der Interessenskala. Auch Staatsterrorismus wie jener der argentinischen Junta, dem vermutlich bis zu 30 000 Menschen zum Opfer fielen, sei für die Medien weniger interessant als Terror von Individuen und Gruppen.

Wer oder was steuert dieses Interesse einer großen, inhomogenen Gruppe von Rivalen auf dem Markt der Nachrichten? Garrick Utley vom New Yorker Büro des US-Senders CNN, der in 70 Ländern der Erde für mehrere Sender als Korrespondent im Einsatz war, erstaunte mit dem wohl schonungslosesten Beitrag der Veranstaltung. Seit dem Tag, den Amerika inzwischen „Nine-Eleven“ nennt, beobachtete Utley, wie „der Informationsstrom ausschließlich vom Pentagon gemanagt wurde“. Beim täglichen Briefing erfuhr man von Verteidigungsminister Rumsfeld und seinen Presseoffizieren nur das, was sie preisgeben wollten. In Afghanistan selbst die Kriegsführung zu verfolgen, war, anders als in Vietnam, so gut wie unmöglich. Einen Teil der Zensur nahmen die US-Medien diszipliniert an, etwa die strikte Auflage, am Ground Zero aus Pietät keine Toten zu filmen. Alle sahen das ein. Einmalig war auch das Verhalten der Fernsehsender untereinander am 11. September. Trotz extremer Rivalität beschlossen sie bereits drei Stunden nach den Anschlägen, ihr Bildmaterial zu „poolen“: Jeder durfte von jedem alle Bilder verwenden: „Da entstand eine neue Sensibilität.“

Utleys Kritik gilt vor allem der US-Regierung. Anstatt Reporter an die Front zu lassen, vereinbarte das Pentagon mit ABC-Entertainment eine Hollywood-Serie für sogenanntes Reality-TV: Die Filmemacher sollen mit an die Front dürfen, um dort Szenen zu drehen, Nachrichtenleute von ABC-Television jedoch wurden trotz ihres Protests ausdrücklich nicht zugelassen. Auch bei der Frage, ob und wie Osama bin Ladens Videos gesendet wurden, schaltete sich das Pentagon direkt ein, und telefonierte mit sämtlichen Chefredaktionen. Man müsse die Videos kürzen und redaktionell bearbeiten, da sie eventuell verschlüsselte Nachrichten an Anhänger von Al Qaida enthielten. Die Sender hielten sich daran. Als jedoch das Video auftauchte, auf dem Bin Laden seine Freude über die Anschläge zum Ausdruck bringt, drang das Pentagon darauf, es in voller Länge und ungekürzt zu zeigen. Auch da folgten die Sender. Insgesamt sei dennoch die Qualität der Nachrichten und Analysen nach den Attentaten enorm gestiegen. „Wir erreichten einen hohen Standard, weil die Sache ernst war. Das Fernsehen war fast so gut, wie früher, vor der Einführung der privaten Sender und dem erbitterten Wettbewerb um die Zuschauer“, erklärte Utley. „Das hielt nur etwa sechs Monate an.“ Inzwischen sind die Sender zurückgekehrt zum Massengeschmack, Geschichten über Kidnapping und Fettsucht, Familienprobleme und Haustiere dominieren wieder die Bildschirme. „Der Standard, den wir früher einmal hatten“, erläutert Utley so illusionslos wie bedauernd, „war künstlich hoch, denn die Zuschauer konnten nicht wählen, also haben sie gesehen, was wir ihnen zeigten“. In dem Moment, wo sie die Wahl hatten, entschieden sie sich für Fastfood, nicht für das harte Brot der Dokumentationen und Analysen. Utley, ein groß gewachsener Mann mit freundlichen, melancholischen Zügen, wirkt eher wie ein gelassener Gelehrter als wie ein Fernsehmann. „Unser Hauptfehler in den Medien ist“, sagt er am Ende noch schnell, „dass wir uns selbst zu wichtig nehmen.“

Einer, den das wiederum überhaupt nicht anficht, sprach auf dem Petersberg über seinen Bezug zu Medien und Terror: Der Brite Jamie Shea, bekannt geworden als Pressesprecher der Nato während der Militärintervention im Kosovo, erklärt als erster, dass der 11. September sein Geburtstag ist, und die Gedenkstunden an dem Tag „keine passende Art des Feierns“. Ein ironisches Grinsen begleitet jeden Satz von Shea: Es löst sich das Rätsel, warum er es stets zur Schau trug, als er in Brüssel von den Luftangriffen berichtete. Das ist ganz einfach Sheas Gesichtsausdruck. Immerzu wirkt er wie ein Firmenchef, der von positiven Bilanzen berichtet. Shea nutzt die Stunde, um zu erklären, was die Welt braucht: Einen Marschall-Plan für die rückständigen Staaten der islamischen Welt. Geschickt mischt er Fakten und Mission, frei sprechend, aufgeräumt und hellwach. Europa müsse hinter den USA stehen – das Ganze läuft auf die Notwendigkeit der gemeinsamen Bekämpfung von Saddam Hussein heraus: „Wer Moskitos beseitigen will, muss den Sumpf trockenlegen.“ Neue Sensibilität in der Wortwahl wird man Shea nicht unterstellen.

Am Ende aller Selbstreflexion ist das Medienpublikum ein wenig ratlos. Wenn wir über Terror berichten, helfen wir unwillentlich auch den Terroristen. Wenn wir nicht berichten, zensieren wir. Was wir berichten können, ist oft vorzensiert. Was das Publikum sehen will, ist Sensation, Aktion, Human-touch-Geschichten. Wer zu viele Analysen bringt, riskiert, sein Publikum zu verlieren. Einer, der auch am 11. September Geburtstag hat, und dieses Jahr 99 Jahre alt geworden wäre, Theodor W. Adorno, hat gesagt: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ So könnte das Fazit der Tagung lauten. Trotzdem geschieht im falschen Leben manchmal das Richtige – zum Beispiel genau hier. Als mit großer Geste versucht wurde, auf dem Petersberg aus einem Terrorland Afghanistan einen demokratischen Staat zu formen. Und wenn, mit kleinen Gesten, Kollegen aus Deutschland den US-Sendern Respekt aussprechen, für ihre Rücksicht auf die Opfer von Ground Zero.

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