Medien : „Der Journalist sollte kein Vertreter sein“

Freimut Duve über die Folgen falschen Managements für die Pressefreiheit und Verstöße in Osteuropa, aber auch in den USA

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Sie haben kürzlich einen allgemeinen Prinzipienkatalog vorgeschlagen, um die redaktionelle Unabhängigkeit der Medien zu gewährleisten. Weshalb? Sehen Sie die Unabhängigkeit der Medien derzeit besonders in Gefahr?

So pauschal nicht. Aber es gibt tatsächlich besonders in den postsozialistischen Ländern immer wieder Schwierigkeiten – nicht nur in Redaktionen, sondern auch bei möglichen Investoren. Deswegen steht die Transparenz der Eigentumsverhältnisse ganz oben auf dem von mir vorgeschlagenen Prinzipienkatalog. Es gibt ja einige große westliche Verlagshäuser, die in den letzten Jahren sehr stark in den osteuropäischen Medienmärkten investiert haben. In den meisten Fällen sind die Hauptinvestoren bekannt, nicht aber die Nebeninvestoren. Das führt häufig besonders in den Balkanländern zu einer sehr problematischen Gerüchteküche darüber, dass Investoren ein bestimmtes, politisches oder religiöses Interesse haben.

Sind Auslandsinvestitionen denn in diesen Ländern zu befürworten oder aus Ihrer Sicht eher problematisch?

Ich selbst vertrete die Position, dass Auslandsinvestitionen in den postsozialistischen Staaten willkommen sein sollten, aber dass die Investoren vermeiden sollten, in einem Land die Mehrheit zu übernehmen. Manchmal lässt sich dies offenbar nicht immer durchhalten. Die deutsche WAZGruppe zum Beispiel, die vor Jahren sehr stark in Bulgarien investierte und dort den größten Teil der Printmedien besitzt, teilte mir schon vor Jahren mit, dass dies überhaupt nicht ihre Intention gewesen sei, aber offenbar sonst niemand bereit gewesen sei, dort zu investieren. Das ist manchmal eine ambivalente Situation. Aber mit diesen Grundprinzipien hoffe ich dazu beizutragen, dass einige der großen Unternehmen darüber nachdenken, dass es bei dem, was sie machen, nicht nur um rein industrielle Investitionen geht, sondern dass sie auch der Freiheit des Journalismus verpflichtet sind.

Wie haben die entsprechenden Medienfirmen bislang auf Ihre Forderung reagiert?

Bislang sehr positiv. Sowohl die WAZ- Gruppe als auch das norwegische Pressehaus ORKLA, das inzwischen 23 Prozent der polnischen Medien besitzt, haben bereits unterschrieben. Auch Gruner + Jahr und der Springer-Konzern sind interessiert. Darüber hinaus haben wir Murdoch, Time-Warner und andere große amerikanische Firmen informiert. Am Beispiel von ORKLA sieht man, dass die Festlegung solcher Prinzipien auch im ureigensten Interesse dieser Firmen liegt. Die norwegische Firma, der größte Verleger in den skandinavischen Ländern, hat gerade völlig unabhängig von unserer Initiative ähnliche Prinzipien für ihre polnischen Zeitungen verabschiedet. Im September werde ich nach Moskau fahren, um auch dort die großen Medienkonzerne davon zu überzeugen, sich dieser Initiative anzuschließen. Da gibt es besonders in der Provinz die Gefahr, dass Industrieunternehmen sich im Rahmen von „cross-ownerships“ in den Medienmarkt einkaufen, um Kritiker mundtot zu machen.

Was meinen Sie mit cross-ownership?

Wenn zum Beispiel eine Ölfirma wie Gas- Prom in Moskau sich mehr und mehr Printmedien aneignet und dann versucht, die Kritik am Fehlverhalten der Ölindustrie vor allem in den Regionen unterm Deckel zu halten. Da gibt es in Russland zum Teil grauenvolle Vergiftungen riesiger Landstriche. Um darüber den Mantel des Schweigens auszubreiten, steigen manche dieser Firmen ganz bewusst in die Medien ein. Aber dann eben nicht nur, um über bestimmte Themen zu berichten, sondern um thematische Schweigezonen zu erzeugen. Der Journalismus hat eben auch eine wichtige Korrektivfunktion, um Fehlentwicklungen kritisieren zu können. Eine moderne Demokratie kann nur dann existieren, wenn diese Korrektivfunktion zumindest in Teilen der Medien auch tatsächlich vorhanden ist.

Wie steht es außerhalb Osteuropas um die Unabhängigkeit der Medien?

Als zum Beispiel ein Fernsehmoderator einer amerikanischen Fernsehanstalt, nachdem er Präsident Bush in seiner Moderation kritisiert hatte, am nächsten Tag sofort entlassen wurde, da habe ich das auch vor dem ständigen Rat der OSZE deutlich als indirekte Zensur gerügt. Ich glaube, im letzten Jahr habe ich die USA insgesamt viermal auf Grund ihrer Reaktionen auf den 11. September kritisiert. Zum Beispiel sieht der „Patriot Act“, den die USA als Folge des Terroranschlages verabschiedeten, vor, dass alle Buchhändler und Bibliotheken dazu verpflichtet sind, die Käufer oder Ausleiher bestimmter kritischer Bücher an den Geheimdienst zu melden. Darin sehe ich eine strikte Verletzung des „first ammendment“ der amerikanischen Verfassung. Die Regierung sieht das natürlich ganz anders. Der amerikanische Verband der Buchhändler hat sich dagegen explizit bei mir für meine Kritik bedankt.

Gerade haben Sie zu den Folgen der Konzentration in den Medien eine große Umfrage bei Journalisten in verschiedenen Ländern gestartet. Was erwarten Sie?

Wir haben acht Länder ausgewählt. Vier im Westen und vier in der postsozialistischen Welt. Dort verteilen wir gerade mit Hilfe der Journalistenverbände einen umfangreichen Fragenkatalog, um zu erfahren, wie die Journalisten selbst ihre Situation beurteilen. Der Grund dafür ist, dass wir in einigen großen Firmen immer häufiger beobachten, dass Manager ihre Kriterien aus anderen Industriezweigen eins zu eins auf die Medienunternehmen zu übertragen versuchen. Das führt dann häufig dazu, dass die journalistische Seite des Unternehmens hinten runterzufallen droht. Es gibt also immer weniger Einfluss der Journalisten, auch der Chefredakteure. In letzter Zeit bekomme ich Informationen von Journalisten, die mir schildern, dass in ihrem Unternehmen zwar sehr viel Geld für Unternehmensführung, aber sehr wenig für Journalisten ausgegeben wird.

Welche Konsequenzen hat das?

Immer häufiger werden anwesende Journalisten bei Pressekonferenzen nicht mehr Journalisten genannt, sondern „Medienvertreter“. Was bedeutet das eigentlich? Eine Sprachwandlung, die in Richtung Industrie geht – der Vertreter von … Der Journalist sollte aber kein Vertreter sein, sondern er sollte mit seinen Augen und seinen Ohren wachen Blickes die Welt wahrnehmen und daraus seine Meinung bilden. Ich rede relativ häufig vor Journalistikstudenten, die inzwischen alle Medienstudenten heißen, was auch bedeutet, dass nur noch ganz wenige in diesen riesigen Gruppen von auszubildenden Studenten die Hoffnung haben, wirklich Journalisten werden zu können. Stattdessen spezialisieren sich die meisten von ihnen auf Public Relations. Das ist auch ehrenhaft und da habe ich auch gar nichts dagegen, aber dann muss man das deutlich unterscheiden. Journalismus und Public Relations sind zwei unterschiedliche Dinge, die man nicht mitein ander verwechseln oder vermischen sollte – auch nicht in der Ausbildung.

Das Gespräch führte Dieter Wulf.

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