Medien : Der Jugendwahn kriegt Falten

Die deutsche Bevölkerung altert, das Fernsehpublikum mit – auch bei RTL & Co.

Joachim Huber

Die Feststellung ist eigentlich eine Frechheit: „Überalterung der öffentlich-rechtlichen Zuschauer nimmt zu.“ Die Feststellung stammt von der SevenOneMedia GmbH, dem Vermarktungsunternehmen des Fernsehkonzerns ProSiebenSat 1. Als Faktum stimmt die Bemerkung freilich schon, das Durchschnittsalter der Zuschauer aller öffentlich-rechtlichen Sender von ARD über Phoenix bis hin zum ZDF ist von 1995 bis 2005 um vier Jahre auf 58 Jahre gestiegen. Was die Studie von SevenOneMedia nur verschämt vermeldet, ist die Tatsache, dass das Durchschnittsalter der deutschen Bevölkerung ebenfalls zunimmt und im Jahr 2005 laut Statistischem Bundesamt 43 Jahre betrug. Für die Privatsender von MTV über RTL bis Sat 1 offenbar ein Grund zum Jubeln: Die Zuschauer dieser Stationen sind im Schnitt ebenfalls 43 Jahre alt und damit 15 Jahre jünger als das Publikum von ARD und ZDF. Überhaupt, das Medium Fernsehen ist nicht eben ein „junges“ Medium. In der Gesamtheit aller Fernsehzuschauer liegt das Durchschnittsalter bei 50 Jahren. Fernsehen findet in der Regel eben zu Hause und in der Freizeit statt, und das Zeitbudget ist bei den Älteren deutlich höher.

Im Kern sind die Zahlen nur ein Reflex auf das Angebot in privaten und öffentlich-rechtlichen Programmen. Und da wollen, da müssen RTL & Co. eben für die jüngeren Zuschauergruppen senden, wenn ihr wichtigster Finanzier, die Deutschen zwischen 14 und 49 Jahren, für die Werbewirtschaft interessant sein soll. ARD und ZDF verstehen sich als Anbieter für alle, weil alle das öffentlich-rechtliche System über ihre Rundfunkgebühren finanzieren.

Vor diesem Hintergrund sind beide Konkurrenten nicht am Ziel. ARD und ZDF gelingt das Fernsehen für alle nicht im gewünschten Maß. Die Untersuchung der SevenOneMedia behauptet gar, es würde den Öffentlich-Rechtlichen immer weniger gelingen. „Die intensiven Bemühungen von ARD und ZDF um eine gezielte Verjüngung ihrer Zuschauerstruktur sind gescheitert“, heißt es in der Auswertung. Als Belege werden das Lifestyle-Magazin „Polylux“ der ARD (Durchschnittsalter: 51 Jahre) und die ZDF-Talkshow „Blond am Freitag“ (55 Jahre) zitiert. Auch im kommerziell, also werbegängig ausgerichteten Vorabendprogramm kaum eine Verbesserung: Die Daily Soap „Marienhof“ im Ersten erreiche im Schnitt ein 52-jähriges Publikum. Nun ist das so eine Sache mit der Statistik: Es muss tatsächlich nicht ein einziger 52-Jähriger den „Marienhof“ verfolgen, 52 ist eben nur das statistische Mittel aller jungen und älteren Zuschauer der Daily Soap.

Wichtig und vor allem aussagefähiger sind die den Zahlen eingeschriebenen Tendenzen. So erreichte „Bravo-TV“ beim ZDF im Jahr 2004 Zuschauer im Durchschnittsalter von 46 Jahren, nach dem Wechsel des Formats zu Pro 7 im Jahr 2005 sank der Durchschnitt auf 43 Jahre.

ARD und ZDF haben ein älteres, ein altes Publikum, das ist so. Ein Vergleich: Nach den Zahlen der Studie sind knapp 28 Prozent der Deutschen 30 Jahre und jünger. In dieser Zielgruppe erreicht die ARD 6,7 Prozent, das ZDF nur 5,5 Prozent. Umgekehrt sind 72,5 Prozent der ARD-Zuschauer und 75,3 Prozent der ZDF-Seher über 50 Jahre alt. Überspitzt ist vielleicht die Feststellung erlaubt, dass ARD und ZDF schon längst dort sind, wohin sich die deutsche Bevölkerung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten prognostisch entwickeln wird – zu einer „alten“ Gesellschaft mit noch „älteren“ Fernsehzuschauern.

Das Privatfernsehen wird da aufpassen müssen, wenn es diesem Trend, den es der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz quasi als Versagen anhängt, widerstehen möchte. Das Publikum des juvenilen RTL-Programms liegt im Schnitt bei rund 45 Prozent 50 plus, Sat 1 in dieser Altersgruppe sogar schon bei 48,5 Prozent. Beide sahen früher, vor zehn Jahren, sehr viel „jünger“ aus. Es wird diesen Sendern nur wenig nutzen, wenn sie sich und der Öffentlichkeit Zahlen präsentieren, die ihren überragenden Erfolg bei der Fernsehjugend verdeutlichen sollen. So verzeichnen die Privatsender bei den 14-jährigen(!) Zuschauern einen Jahresmarktanteil von 81 Prozent, die öffentlich-rechtlichen Sender von lediglich 15,9 Prozent.

Das mag beeindrucken, wen es will. Bei zunehmendem Mengenwachstum der älteren, sprich über 50-jährigen Deutschen, wird die heilig gesprochene Größe über Erfolg und Misserfolg des Privatfernsehens auf jeden Fall in die Diskussion geraten: die werberelevante Gruppe der 14 bis 49 Jahre alten Fernsehzuschauer. Wenn diese erst einmal deutlich in die Minderheit geraten, dann geraten RTL & Co. aber so richtig in Angstschweiß. Da müsste schon heute das Nachdenken darüber einsetzen, wie das Privat-TV seine Kundschaft anlocken wird, vielleicht mit Programmen, die nicht direkt Seniorenfernsehen bieten, aber von Senioren eingeschaltet werden.

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