Medien : Der junge Mann und das Mehr

Ibsens „Peer Gynt“ funktioniert auch heute – als cooler Film mit Robert Stadlober und auf Usedom

Christina Tilmann

Er ist ein Träumer, Herumtreiber, Außenseiter und eingebildeter Prinz. Schwindelt Mutter Aase was von einem Traumjob vor, den er gefunden hat, erscheint ungebeten auf einer Hochzeit im Dorf, entführt die Braut und verstößt sie nach nur einer Nacht. Lässt sich auf Schlägereien ein, und auf Liebeleien. Und trifft Solveig, die Liebe seines Lebens, und erkennt sie nicht. Ein Verführer mit blitzenden grünen Augen, dieser Peer Gynt, ein Königskind in Lumpen, den Kopf in den Wolken, die nackten Füße im Dreck.

Ideale Rolle für Robert Stadlober. Der Sunny Boy des deutschen Films ist noch nicht ganz erwachsen, immer noch der hübsche Knabe, der sich unbekümmert nimmt, was er will. Gleichzeitig ein Berserker, ein Exzentriker, der sich in seine Rollen wirft, ohne zurückzublicken. Und ist doch älter geworden, Selbstzweifel sind hinzugekommen, nicht alles fällt ihm mehr in den Schoß. Er wolle sich die Fantasien aus dem Kopf reißen, wütet Peer Gynt einmal, all die Traumschlösser, die verhindern, dass er die Wirklichkeit sieht. Doch die Realität ist steinig, und das Reich der Träume funkelt. Vor allem im Theater, und im Film.

Wer hätte gedacht, dass sich der alte Ibsen so mühelos aktualisieren lässt? Dass seine komplizierten Verse so cool klingen können, etwas schnoddrig, jeder Satz eine Pointe? Und dass dieser Peer, Weltliteratur, Mythengestalt, der „nordische Faust“, ebenso selbstverständlich von heute sein kann wie seine Theater- Kollegen Baal und Lulu? Die Dramen von Bertolt Brecht und Frank Wedekind hatte Regisseur Uwe Janson 2003 und 2005 mit Auftrag von Arte und dem ZDF-Theaterkanal zu vielgerühmten Fernsehspielen verarbeitet – nun ist, zum Abschluss des Ibsen-Jahrs, „Peer Gynt“ an der Reihe.

Eine Trilogie also, Baal, Lulu und Peer, alle drei hemmungslose Lebensgenießer, Egoisten, Übermenschen. Eigentlich besonders schwierig ins alltägliche Jetzt zu versetzen – außer, man nimmt Schauspieler, die das Gewalttätige, Egozentrische mühelos verkörpern können. Wie Matthias Schweighöfer (Baal), Jessica Schwarz (Lulu) – oder Robert Stadlober.

Gedreht wurde im Sommer 2005 in Peenemünde auf Usedom. Was bei Hendrik Ibsen die Berge, ist bei Janson das Meer. Immer wieder stapft Peer durch die Dünen, die Abendsonne steht schräg, die See funkelt und sprüht, Vögel fliegen über ihn weg, der Wind wispert im Schilf, doch Peer kann das Land nicht verlassen, außer in Gedanken.

Viele gestrandete Schiffe gibt es in diesem Film, und auf jedem Schiff eine Frau, die ihn liebt. Das verfluchte Schiff des „Kapitäns“ (dämonisch: Max Hopp) zum Beispiel, dessen Tochter, die „Grüne“ (wunderbar schräg: Volksbühnen-Star Kathi Angerer) Peer heiraten soll – ein heruntergekommener Kahn, Ratten im Bauch, eine Gesellschaft von Outcasts. Oder das Haremsschiff der Sultanstochter Anitra (Pegah Ferydoni), in deren Armen Peer Solveig vergisst – ein aufgebockter Kutter mitten an Land. Und schließlich sein Fluchtort, als die Dorfgemeinschaft ihn verstößt: ein Wrack in den Dünen. Kein Palast, gibt Peer zu, doch ungeheuer romantisch. Der verliebten Solveig gefällt’s, sie träumt vom gemeinsamen Leben. Doch Peer muss weiter.

Was ihn antreibt, ist eine schwarzgekleidete Gestalt im Schilf. Ein Teufel mit Glatze. Verständnisvoll, kumpelhaft, mit einem schalkhaften Zwinkern im Auge. Doch das Eiserne, Unerbittliche dahinter sieht man auch – und seiner Rolle in dem Film „Das Leben der Anderen“, auch den Überwacher, den Stasi-Offizier.

Ja, Ulrich Mühe ist der Knopfgießer, Peers Albtraumgestalt, das schlechte Gewissen und der Mahner zugleich. Und Karoline Herfurth, das Mirabellenmädchen aus dem „Parfum“, ist die Lichtgestalt, die geliebte Solveig. Ihr Gesang vertreibt den Tod, ihre Liebe rettet Peer vor sich selbst. Ein duldendes Gretchen, ein sommersprossiges Unschuldskind, folgt sie Peer durchs Leben und gibt ihn nicht auf.

Starke Kontrahenten, die beiden, Mühe und Herfurth – doch die stärkste Gestalt ist Mutter Aase, gespielt von der Theaterschauspielerin Susanne-Marie Wrage. Eine junge Mutter noch, fast eine Schwester, tollt sie mit Peer durchs Schilf, lässt ihn laufen, wenn er will, er kommt doch wieder zurück. Starke, alleinerziehende Frau, haust in einer Bruchbude am Rande des Orts, die Einsamkeit ist selbst gewählt. Das Himmelreich, das Peer ihr verspricht, in der Todesstunde, der stärksten Szene des Films, ist gar nicht viel mehr als der Traum, den jeder träumt, von Liebe, und Liebe, und Liebe. Für Peer erfüllt er sich zum Schluss. Aase hätte ihn verdient.

„Peer Gynt“, 22 Uhr 40, Arte. Der Film startet am Donnerstag auch in ausgewählten Kinos.

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