Medien : Der Kaiser und der Krieg

Bislang galt die Geschichtsschreibung des Fernsehens vor allem Nazis und RAF. 90 Jahre nach seinem Beginn entdecken ARD und ZDF nun den Ersten Weltkrieg

Michael Jürgs

Während der Kieler Woche im Juni 1914, vierzig Tage vor Ausbruch des Krieges, ließ sich Wilhelm II als Brite fotografieren. Er betonte, stolz zu sein, „die Uniform zu tragen, die Lord Nelson getragen hat“. Der deutsche Kaiser, Enkel der legendären Queen Victoria, war schließlich nicht nur ehrenhalber Oberst der britischen Dragoner, sondern auch Admiral der Royal Navy. Nach der Beerdigung seines Onkels Edward, König von England, dessen Sarg er auf einem Schimmel reitend in London gefolgt war, hatte er vier Jahre zuvor begeistert geschrieben: „England ist meine zweite Heimat.“ Die britische Marine war deshalb selbstverständlich zum Segelfest nach Kiel eingeladen worden. Es wurde fröhlich fraternisiert.

Fraternisieren, sich zu verbrüdern, galt aber bald, nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni, als Hochverrat. Der ist stets eine Frage des Datums, und das war dann jener Tag im August 1914, als mit dem deutschen Überfall auf Belgien und dem anschließenden Feldzug gegen Frankreich der Krieg auch in Westeuropa begann. Die Briten kamen ihren Verbündeten zu Hilfe. Sie kannten keine Verwandten mehr. Nur noch Hunnen. Der deutsche Kaiser, laut Einschätzung seines Cousins Edward VII die „brillanteste Fehlbesetzung der Geschichte“, degenerierte im Laufe des Großen Krieges, der rund zehn Millionen Menschen das Leben kostete und das alte Europa vernichtete, zum willigen Vollstrecker der Großmachtträume seiner Militärs. Sie benutzten den ängstlichen und eitlen Monarchen für ihre Zwecke. Er wiederum berief sich großmäulig auf einen Höheren, der wisse, dass er diesen Krieg nie gewollt habe. Nun aber gelte: „Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war.“

Mit ihrer zweiteiligen Dokumentation „Herrliche Zeiten“ und „Gott mit uns“ gelingt den ZDF/Spiegel-TV-Historikern Annette von der Heyde, Jörg Müllner und Michael Kloft nicht nur eine dramaturgisch glanzvoll aufbereitete Biografie (Schnitt Walter Freund und Monika Finneisen) des letzten deutschen Kaisers. Sie haben zudem recherchiert jenseits ausgetretener Pfade. Was sie fanden, kann sich sehen lassen: Belege für das Psychogramm eines Zerrissenen, der schon früh Anzeichen von mangelndem Verstand zeigte. Der Mann mit Hang zum Pomp, Reisen, Jagdpartien und homophilen Männerrunden war zwar ein Meister der leeren Phrasen, aber weil er Fortschritt und Wohlstand predigte und durchsetzte, auch ein Liebling des Bürgertums. Die nach ihm benannte Epoche hieß später die gute alte Zeit.

Auch die strenge biografische Chronologie macht die Fallhöhe dieser Filme aus. Nur sparsam wird jene Masche eingesetzt, nach ihrem Entdecker Guido Knopp als knoppisieren bekannt, immer dann Geschichte mit rauchendem Colt nachzustellen, wenn es keine bewegten Bilder gibt. Langweilig wird es dennoch nie und folgerichtig werden die Dokumentationen zur besten Sendezeit ausgestrahlt (20. und 27. Juli jeweils 20 Uhr 15). Geboten wird eine Fülle von erstaunlichem Filmmaterial wie zum Beispiel Szenen auf dem Bahnhof an der Grenze, auf dem 1918 des Kaisers lange Reise ins holländische Exil begann, die erst mit seinem Tod 1941 in Doorn endete, im Zweiten Großen Krieg, dem nächsten, den wieder die Deutschen begonnen hatten. Bislang unveröffentlichte Tagebuchnotizen und Briefe zeigen einen Selbstdarsteller, der ungerührt hinnahm, dass seine Untertanen an den Fronten in Ost und West verreckten.

„Der Krieg, der 1914 begann und 1945 endete,“ schrieb der Historiker Michael Stürmer vor ein paar Wochen in einem „Welt“-Essay, war grausamer als der grausamste Tyrann, revolutionärer als der größte Revolutionär. Stürmer gehört wie Wilhelm-II-Experte John Röhl und Falkenhayn-Biograf Holger Afflerbach zu den wissenschaftlichen Beratern des Zweiteilers, die auch vor der Kamera präzise in der Person des Kaisers den deutschen Größenwahn an sich erklären können.

Vorbild für alle, auch die Macher der fünf ARD-Dokumentationen zum 1. Weltkrieg, die am 26. Juli mit dem „Mythos Tannenberg“ beginnen und am 30. August mit dem „Trauma Versailles“ enden (jeweils 21 Uhr 45) – begleitet von Schwerpunkt-Abenden auf Arte – ist die zehnteilige britische Serie über den 1. Weltkrieg, die auf Channell 4 lief und erstmalig die Archive in Osteuropa und der früheren Sowjetunion ausbeuten konnte. Co-Autor für diesen Quotenrenner war der Historiker Hew Strachan, dessen fulminantes Buch „Der Erste Weltkrieg – eine neue illustrierte Geschichte“ vor wenigen Wochen auf Deutsch erschienen ist und in zehn Kapiteln die zehn Beiträge der TV-Serie aufarbeitet.

„Wenn wir diesen Ersten Weltkrieg nicht verstehen, wird uns das gesamte Jahrhundert ein Rätsel bleiben“, begründet Helfried Spitra, Kulturchef des WDR, den Anspruch der ARD-Serie. Hier wird die Geschichte des Krieges von unten aus der Sicht derer erzählt, die ihn erlitten, nicht derer, die ihn anzettelten. Brecht lässt grüßen: „Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte / untergegangen war. Weinte sonst niemand?“ Anne Roerkohl zeigt in ihrem Film über das „Schlachtfeld Heimat“ zum Beispiel anhand von Tagebüchern, Feldpostbriefen, Propagandamaterial das Leiden der Mütter und Kinder und Alten zu Hause. 800 000 von ihnen starben an den Folgen des Krieges, an Hunger und Krankheiten. Die Zeitzeugen, die aus dem Alltag damals erzählen, sind zwischen 98 und 101 Jahre alt, aber ihre subjektive Erinnerung ist so genau – und außerdem noch emotional – wie die objektive Analyse der nachgeborenen Historiker.

Bewegte und bewegende Bilder: Kaum 19-jährige Soldaten, mit Blumen am Helm geschmückt wie Opferlämmer, die euphorisch eingestimmt in den Krieg zogen. Bis die Blätter fallen, werdet ihr wieder zu Hause sein, wurde ihnen versprochen. Doch als die fielen, war schon eine Million von ihnen gefallen und der Krieg erst ein paar Monate alt, im Osten wie im Westen, wo sich die Schützengräben zwischen Ärmelkanal und Schweizer Grenze fast achthundert Kilometer lang hinzogen, wo die Kadaver der Gefallenen im Niemandsland verfaulten, Beute für ein Heer von wohl genährten Ratten, wo die schlimmsten Schlachten wie die im „Alptraum Verdun“ (ARD, 9. August) noch bevorstanden, Giftgas und Panzer noch nicht eingesetzt waren.

Die vom Verlust ihrer Männer, Väter, Söhne Betroffenen, die Frauen, die Kinder, die Eltern, sie weinten in Deutschland ebenso wie in England. In Frankreich wie in Belgien. In Russland wie in Österreich. Die verlogenen Beileidsworte derer, die sie in den Tod abkommandiert hatten, an deren Händen Blut klebte, von ledernen Generalhandschuhen verdeckt, sind überall gleich trostlos. Das ist die eigentliche Botschaft der ARD-Serie: Es hat, so auch die Erkenntnis von Albert Einstein, niemals einen guten Krieg und niemals einen schlechten Frieden gegeben. Von den jungen Deutschen der Jahrgänge 1892 bis 1895, die beim Ausbruch des Völkermordens zwischen 18 und 22 Jahre jung waren, fielen 37 Prozent. Die Legende, süß und ehrenvoll sei es, fürs Vaterland zu sterben, die starb nicht. Die deutschnationale Neigung, eine Schlacht zum Gottesdienst zu stilisieren und die Niederlage 1918 zur Dolchstoßlegende umzulügen, hat den Nazis unter Führung des Weltkrieg I-Gefreiten A.H. ihr blutiges Geschäft erleichtert.

Erst als diese deutschen Verbrechen aufgearbeitet wurden, was mehr als fünf Jahrzehnte dauerte und noch lange nicht zu Ende sein wird, war es offensichtlich möglich, publikumswirksam endlich nach den Wurzeln des zweiten Krieges zu graben. Zurück also in die Geschichte zu gehen, zur eigentlichen Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts und diese zu erklären mit den Methoden und Medien des 21. Jahrhunderts. Aufklärung braucht Reichweite, verteidigt sich Guido Knopp stets gegen seine Kritiker. Wo er Recht hat, hat er Recht.

Der Autor hat unter dem Titel „Der kleine Frieden im Großen Krieg“ ein Buch über die drei Tage an der Westfront geschrieben, als 1914 Deutsche, Franzosen, Belgier und Briten die Waffen niederlegten und gemeinsam Weihnachten feierten.

Zum Thema Erster Weltkrieg laufen am Dienstag sowie am Dienstag nächster Woche um 20 Uhr 15 die Dokumentationen „Herrliche Zeiten“ und „Gott mit uns“ im ZDF; die ARD startet eine fünfteilige Reihe am Montag, den 26. Juli, um 21 Uhr 45 mit „Mythos Tannenberg“.

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