Der Kampf um den Suhrkamp Verlag : Der Suhrkamp-Komplex

Seit Hans Barlach Anteile an dem Traditionsverlag hält, gibt es Streit mit der Geschäftsführung. Daran könnte die Kulturinstitution kaputtgehen. Anatomie eines Dauerkonflikts.

von
Der laute Teilhaber. Hans Barlach (li.) und Ulla Unseld-Berkéwicz. Fotos: ullstein bild, dpa
Der laute Teilhaber. Hans Barlach (li.) und Ulla Unseld-Berkéwicz. Fotos: ullstein bild, dpaFoto: picture alliance / dpa

Spaziert man dieser Wintertage bei einbrechender Dunkelheit an der Rehwiese in Nikolassee entlang, stellt sich schnell die Frage: Wohnt hier eigentlich jemand? Auf den Wegen kaum ein Mensch, in den Häusern brennen nur sehr vereinzelt die Lichter. Auch in der Gerkrathstraße 6 ist alles düster. Wie eine Trutzburg steht die riesige, vorn immerhin von einer großen, lichten Fensterfront dominierte Villa hier am Hang, zu erreichen ist sie nur über mehrere begrünte Terrassen und gut 50 Treppenstufen. 

Es ist dies die Villa, die gerade in der Kulturwelt für Aufregung sorgt; sie gehört der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz und ihrer Familie. Ihr Erwerb, vor allem aber ihre Nutzung nicht nur zu Wohnzwecken hat den Suhrkamp Verlag in Turbulenzen gestürzt, die gleichbedeutend mit seinem Ende sein könnten. Sechs Namen stehen unten am Klingelschild neben der Eingangstür, zweimal ist der Name Schmidt verzeichnet. Schmidt heißen Ulla Unseld-Berkéwicz und ihr Bruder bürgerlich. Als die 1948 geborene Ulla Unseld-Berkéwicz Schauspielerin und später Schriftstellerin wurde, nahm sie den Nachnamen ihrer jüdischen Großmutter an.

Oben links an den Klingeln jedoch steht einfach nur „Suhrkamp Verlag“, und das deutet unmissverständlich darauf hin, dass die Villa zu Verlagszwecken genutzt wird. 552 Quadratmeter haben Ulla Unseld-Berkéwicz und ihr Bruder über eine von ihnen gegründete Gesellschaft zu einer Warmmiete von 6600 Euro monatlich an den Verlag vermietet. Genau dagegen hatte Hans Barlach, der 39 Prozent Anteile haltende Minderheitsgesellschafter des Suhrkamp Verlags und Enkel des Bildhauers Ernst Barlach, zwei Klagen angestrengt. Zum einen, weil er hier eine unzulässige, dem Verlag Schaden zufügende Vermischung von Privatem und Geschäftlichem vermutete. Und weil seine Zustimmung für diese Nutzung von der gegenwärtigen Geschäftsführung des Verlags und eben der Mehrheitsgesellschaft, der „Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung“, nicht eingeholt wurde.

Er kämpft mit Paragrafen, sie hat die Autoren, die hinter ihr stehen

Am vergangenen Montag hat das Landgericht Berlin Barlach und seiner Medienholding AG im nahezu vollen Umfang Recht gegeben. Die Geschäftsführung muss Schadenersatz an den eigenen Verlag zahlen, 282 500 Euro. Und sie ist, das war die damit verbundene Forderung Barlachs, abberufen worden, namentlich neben Ulla Unseld-Berkéwicz die vor allem im Verlag für das Repräsentative und das Operative zuständigen Geschäftsführer Thomas Sparr und Jonathan Landgrebe.

Der Verlag, also die Mehrheitsgesellschaft und ihr Anwalt Peter Raue werden gegen dieses Urteil Berufung einlegen, es ist noch nicht rechtskräftig. Und doch hat es ein Beben ausgelöst: im Verlag selbst, wo man sich nicht nur „überrascht“, sondern bestürzt und geradezu „geschockt“ zeigte. Aber auch in der bürgerlichen Kulturwelt, die dem Traditionsverlag seit seiner Gründung 1950 genauso traditionell verbunden ist: Suhrkamp ist Bildungsinstanz und Mythos in einem, der Verlag von Bertolt Brecht und Hermann Hesse, von Max Frisch, Uwe Johnson, Thomas Bernhard, Peter Handke, und wie sie alle heißen.

7 Kommentare

Neuester Kommentar