Medien : Der Kampf um Jakob alias Tim

Ein ARD-Film stellt die Frage, was wichtiger ist: Mutterliebe oder Kinderglück?

Thomas Gehringer

Der Schmonzetten-Sender ARD hat zuletzt mit Glücksmomenten nur so um sich geworfen: Nach „Das Glück am anderen Ende der Welt“ mit Maja Maranow und „Freie Fahrt ins Glück“ mit Gila von Weitershausen ist es deswegen ein wenig irritierend, dass sich hinter dem braven Titel „Die andere Hälfte des Glücks“ ein ernstzunehmender, wenn auch nicht durchweg geglückter Fernsehfilm verbirgt, den das Erste heute zeigt. Die nicht alltägliche Geschichte um einen Jungen, der bei seiner Entführerin aufwächst, prächtig gedeiht und erst nach Jahren von seinen leiblichen Eltern aufgespürt wird, dient als „Mittelpunkt“ (SWR-Fernsehdirektor Bernhard Nellessen) der ARD-Themenwoche „Kinder sind Zukunft“. „Höhepunkt“ wäre auch übertrieben.

Nur wenige Schritte entfernt sich Lena Breuer (Katharina Böhm) in einer vollen Buchhandlung von dem Kinderwagen. Wenige Sekunden genügen, um ihr Mutterglück zu zerstören: Ihr Baby ist verschwunden, und die Polizei findet es auch nicht wieder. Nach dieser Einleitung springt der Film zwölf Jahre weiter. Lena und ihr Mann Wolfgang (Hans-Werner Meyer) haben sich scheinbar mit dem Verlust ihres Kindes abgefunden, doch besonders Lena hat in Wahrheit die Suche nicht aufgegeben, was Wolfgang ziemlich nervt. Ansonsten ist dieser Wolfgang ein ungeheuer souveräner, vernunftgeleiteter Mann, der selbst dann abgeklärt reagiert, als die beiden ihr damals entführtes Kind doch noch wiederfinden. Lena will gleich die Polizei anrufen, doch Wolfgang hält sie zurück, mahnt, das Wohl des Kindes zu bedenken. Lena dagegen wird bis zum Ende des Films von verzweifelter Mutterliebe getrieben.

Die Figuren sollten wohl vor allem ins Geschlechterschema passen. Entsprechend bleiern sind viele Dialoge, man hört häufig das Papier rascheln, auf dem das Drehbuch geschrieben wurde. Die etwas mutlose Inszenierung von Regisseurin Christiane Balthasar ist auch keine Hilfe. Zu selten verlässt sie sich auf Gesten oder ausdrucksstarke Bilder. Es wird viel geredet, ständig scheinen Lena und Wolfgang dem Publikum ihre Handlungsweisen erklären zu wollen. Auch die Art und Weise, wie Lena ihren Sohn wiederfindet, erscheint buchstäblich an den Haaren herbeigezogen. Sie verteilt Vermisstenplakate mit einer Fotomontage, für die sie Bilder ihres Mannes im Alter von zwölf Jahren verwendet. Prompt genügt einem Herrn – ist’s der Hausmeister der Schule? – ein Zufallsblick, um den Jungen zu identifizieren. Und zufällig hat er einen Schwager, der gleich mittels des Autokennzeichens die Adresse der Entführerin herausfindet. So ist Lena dank Genanalyse nur noch einen Griff in den Haarschopf des Jungen von der Wahrheit entfernt.

Tim (Jonathan Elias Beck) heißt seit seiner Geburt zwar Jakob, liebt aber seine Entführer-Mutter Carola, während ihm die leibliche reichlich seltsam vorkommt. Man mag es für juristisch undenkbar oder ganz und gar unrealistisch halten, dass die Eltern die Kindesentführerin nicht anzeigen, sondern ihr auch noch Besuchsrecht einräumen, doch für ein fiktionales Drama ist das von Verlustängsten und gegenseitigem Misstrauen geprägte Ringen der beiden Frauen ein starker Stoff. In seinem Zentrum wird der Film endlich glaubwürdig und kraftvoll, nicht zuletzt dank Katharina Böhm und Anneke Kim Sarnau, die bereits am Montag im Sterbehilfedrama „Der falsche Tod“ (ZDF) zu sehen war. Hier meistert sie die Aufgabe, eine sympathische Kindesentführerin zu spielen, schnörkellos und unspektakulär.

Vorsichtshalber teilt Produzentin Ariane Krampe mit, es gehe nicht darum, bei den Zuschauern Verständnis für eine Kindesentführung zu wecken. Es handle sich vielmehr um ein „Plädoyer für Zusammenhalt in der Familie“. Nun ja, die als Beispiel ausgewählte Geschichte ist vielleicht etwas bizarr und abseitig, aber der Satz klingt jedenfalls schön themenwochenkompatibel.

„Die andere Hälfte des Glücks“, ARD, 20 Uhr 15

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