Der Kampf ums Cover : Bilderstürmer

Der „New Yorker“ gilt als Olymp für Illustratoren. Nur zwei Deutsche erklimmen ihn regelmäßig – auf unterschiedlichen Wegen.

Sonja Álvarez

Birgit Schössow liegt eingekuschelt auf ihrem Sofa und schaut eine „Tatort“-Wiederholung, als sich ihr Leben verändert. Es ist Mittwoch nach Neujahr 2013, statt am Silvesterabend Raclette zu machen, hat sie lieber gearbeitet. Diese eine Idee hatte sie nicht losgelassen. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und zeichnet stundenlang auf ihrem digitalen Bildschirm herum, der vor ihr liegt wie ein Blatt Papier. Draußen in ihrem Garten, in den ihr kleines rotes Häuschen an der Bucht von Eckernförde eingebettet ist, gibt es keinen Schnee, aber auf ihrem Bildschirm lässt sie einen ganzen Berg davon entstehen. Eigentlich ist es nur der weiße Hintergrund, aber mit ein paar Strichen sieht er aus wie eine Schneelandschaft. Schössow zeichnet einen Skifahrer, seine Spur gibt den Blick auf das frei, was hinter dem Berg liegt: eine Textlandschaft.

„Congratulations“, sagt die Frau am Telefon, die Birgit Schössow beim „Tatort“schauen stört. Schössow fängt an zu stottern, weil sie glaubt, dass ihr Englisch nicht so gut ist. Doch was die Frau am anderen Ende der Leitung sagt, versteht sie gut: Ihre Zeichnung ist ausgewählt für das Cover des „New Yorker“. „Das war für mich wie gleich noch einmal Weihnachten“, erinnert sich Schössow, die an diesem Sommertag wieder auf dem Sofa sitzt und ihre Katze streichelt, während draußen der Rasenmäher durch den Garten surrt.

Nur zwei Illustratoren aus Deutschland gestalten regelmäßig das Cover des „New Yorker“. Birgit Schössow ist die eine, Christoph Niemann der andere. Kein anderer deutscher Illustrator hat mehr Titelbilder für das US-Magazin gezeichnet als der Berliner. Auch derzeit sitzt er wieder an einem Entwurf.

Die Geschichten von Schössow und Niemann könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie lebt und arbeitet in dem kleinen Nest in Holstein, er in der Hauptstadt. Sie war erst einmal in New York, er machte sich dort gleich nach dem Studium einen Namen. Sie zeichnete bislang vor allem Kinderbücher, er ist aufgenommen in die Art Directors Club Hall of Fame. Beide aber haben das geschafft, was sich wohl viele Illustratoren wünschen. Denn der „New Yorker“ ist nicht nur eines der weltweit renommiertesten Magazine mit einer verkauften Auflage von rund 1,1 Millionen Exemplaren, er ist auch eines der wenigen, das ausschließlich Illustrationen für das Titelbild wählt. Die Cover beziehen sich dabei nicht auf Texte im Heft, sondern sie erzählen selbst eine Geschichte. Entweder zu einem aktuellen Thema wie US-Wahlen, Homo-Ehe oder jüngst zum Cybersex-Skandal um US-Politiker Anthony Weiner. Oder zu wiederkehrenden Ereignissen wie der Oscar-Verleihung, Halloween oder den Jahreszeiten, wie das Winter-Cover von Schössow.

Dass sie überhaupt auf dem Cover gelandet ist, hat Schössow auch ein Stück weit ihrem Mann zu verdanken. Er machte sie auf einen Wettbewerb aufmerksam, den die Artdirektorin des „New Yorker“ initiiert hatte. „Blown Covers“ hat Françoise Mouly ihn genannt, Illustratoren sollten zu verschiedenen Themen Vorschläge einreichen, die auf einem Blog vorgestellt wurden – mit der Aussicht auf Veröffentlichung auf dem Cover. Bislang hatte Schössow, die in Hamburg geboren und aufgewachsen ist und an der Fachhochschule für Gestaltung ausgebildet wurde, vor allem Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbücher illustriert. Also schaute sie sich erst mal nur an, was die Kollegen so produzierten: „Aber dann dachte ich: Bist ja blöd. Kannst auch mal was hinschicken.“

Genau das wollte Françoise Mouly erreichen. „Künstler sind total wettbewerbsorientiert. Sie werden sehr eifersüchtig, wenn sie gute Ideen sehen. Das motiviert sie“, sagte sie in einem Interview mit dem „Vice“-Magazin. Zumindest bei Schössow hat’s funktioniert. Sie schickte mehrere Versuche ein, dann bekam sie eine E-Mail aus New York, dass eines ihrer Bilder zurückgehalten werde für das Cover, kurz darauf noch einmal dieselbe Nachricht. „Und dann wollte ich es wirklich schaffen“, sagt Schössow.

Christoph Niemann, 42, hat es schon sehr früh geschafft. Gleich nach seinem Studium an der Stuttgarter Akademie der Bildenden Künste ging er nach New York. Eigentlich nur, um ein bisschen Auslandserfahrung zu sammeln, aber schnell machte er sich in der Illustratorenszene einen Namen. Er veröffentlichte im „Rolling Stone“, kurz darauf in der „New York Times“, wo er inzwischen seit 14 Jahren alle zwei Wochen die Wirtschaftskolumne gestaltet. „Die Art-Direktoren dort sind untereinander alle gut vernetzt und empfehlen sich gegenseitig die Illustratoren. Das ist ganz anders als in Deutschland“, erzählt Niemann. So bekam er auch 2001 den Kontakt zu Mouly. Für die Ausgabe zum Nationalfeiertag durfte er erstmals das „New Yorker“-Cover gestalten: „Für einen Illustratoren ist das wie die Olympischen Spiele zu gewinnen.“ Niemann darf in diesen Kategorien wohl als Rekordsieger bezeichnet werden.

Er arbeitet in einer Bürogemeinschaft in der Brunnenstraße in Berlin-Mitte, wie Schössow schaut auch er ins Grüne, vor seinem Fenster rascheln die vom Sommerwind gestreiften Bäume im Weinbergspark. Auf Niemanns Schreibtisch steht ebenfalls ein digitales Zeichenboard, daneben liegen Blöcke, die er weiterhin regelmäßig nutzt: „Manche Sachen muss ich erst auf Papier ausprobieren, bevor ich sie digital umsetzen kann.“

Neben seinem Computer stehen zwei Telefone, eines ist reserviert für Anrufe aus den USA. Nach seinem Umzug zurück nach Berlin 2008 wollte er seine New Yorker Vorwahl-Nummer 212 nicht aufgeben und hat sie umleiten lassen. Das Telefon klingelt regelmäßig, los geht es meistens gegen 16 Uhr. Dann ist es zehn Uhr in New York und die Kollegen dort kommen ins Büro. „Wegen der Zeitverschiebung haben wir hier in Deutschland natürlich einen großen Vorteil. Denn kommt plötzlich ein aktuelles Thema auf, das noch aufs Cover oder ins Blatt soll, haben wir längst losgelegt, während die amerikanischen Kollegen noch schlafen“, sagt Niemann.

Geholfen hat ihm das beispielsweise nach dem Erdbeben in Japan 2011. „Erst sah es nur nach einer Naturkatastrophe mit Tsunami aus. Aber plötzlich drehte sich die Geschichte, als die Ausmaße des Unfalls im Atomkraftwerk in Fukushima bekannt wurden.“ Niemann setzte sich hin und zeichnete im Stil japanischer Tuschekunst einen Baum mit Blüten in Form des Atomwarnzeichens. Mouly riet ihm noch, für den Hintergrund Schwarz statt Weiß zu wählen, dann bekam Niemann den Zuschlag.

„Wenn die Cover erscheinen, sind die Online-Dienste und Zeitungen längst draußen mit den aktuellen Nachrichten. Auch die Bilder dazu sind überall gelaufen. Gerade bei aktuellen Ereignissen muss man die Cover deshalb eher als Essay denken“, sagt Niemann. Um dem Bild den gewissen Twist, eine Haltung, zu geben, könne er mit Details spielen. Beispielsweise einfach einen Kopf im Verhältnis zum Körper besonders groß zeichnen. „Indem ich Dinge reduziere oder betone, kann ich sie leiser oder lauter drehen. Durch diese Direktheit kommuniziert der Zeichner mit den Lesern.“

Weil Journalismus vom Wort komme, werde der Subjektivität eines Bildes allerdings oft misstraut. Oft würden in den Redaktionen Bilder ausgewählt, die nur die Überschrift wiederholen, statt der Geschichte einen neuen, zusätzlichen Blickwinkel zu geben. „Gerade die Digitalisierung eröffnet hier Chancen, mehr mit Bildern und Illustrationen zu arbeiten, aber sie werden viel zu wenig genutzt. Dabei bieten doch gerade Krisenzeiten den besten Nährboden für Innovationen“, wundert sich Niemann.

In Deutschland arbeitet er beispielsweise für die Magazine der „Zeit“ und der „Süddeutschen Zeitung“, mit „Abstract City“ hat er ein Buch veröffentlicht und kürzlich die App „Petting Zoo“ gestaltet. Und jetzt ist auch noch Barack Obama im Besitz eines echten Niemann. Als der US-Präsident Mitte Juni zu Besuch in Berlin war, suchte das Bundespräsidialamt nach einem Geschenk und wandte sich an den Illustrator. Niemann wählte seinen Siebdruck „Diplomacy“ aus: zwei Hände, die mit einem Faden die Brooklyn Bridge nachbilden. Bundespräsident Joachim Gauck überrreichte den Druck. „Ich glaube zwar nicht, dass das Bild im Oval Office hängt. Aber vielleicht landet es ja mal in der Presidential Library.“ Zumindest bei Niemann im Büro hat es einen prominenten Platz an der Wand. Jeden Tag sitzt der Illustrator im Büro, er verordnet seiner Kreativität feste Arbeitszeiten zwischen 10 Uhr und 18 Uhr. Schössow lässt sich lieber über den Tag hinweg inspirieren. Sie geht einkaufen, Kaffee trinken, am Strand spazieren, und hat sie plötzlich eine gute Idee, setzt sie sich schnell mit ihrem iPad hin und zeichnet einen ersten Entwurf, den sie zu Hause ausarbeitet.

Begegnet sind sich die beiden Illustratoren übrigens noch nie. Nur telefoniert haben sie, Schössow hatte an den „New Yorker“-Experten ein paar organisatorische Fragen, die der gerne beantwortete.

In seinem Büro sammelt Niemann die „New Yorker“-Ausgaben mit seinem Cover in einem Ordner, Schössow hat sie groß ausgedruckt und in Sichtweite neben den Schreibtisch gestellt, aus Stolz und als Ansporn. Gleich nach dem ersten Cover im Januar wollte sie es wieder schaffen. „Ich wollte beweisen, dass das kein Zufallsprodukt war.“ Es folgte das Frühlingscover anlässlich der New Yorker Fashion Week. „Ich hab echt über dem Bildschirm gesessen und gegrübelt, und dann fiel mir ein, dass das ,O‘ im Schriftzug einen prima Hut hergeben würde.“ Das fand auch Françoise Mouly. Und als die Artdirektorin kürzlich das Thema Cine Noir vorgab, ließ sich Schössow von den Filmen der 40er und 50er Jahre inspirieren. Nur die Wolkenkratzer bekam sie anfangs nicht so hin wie gewünscht, sie war ja auch erst einmal in New York. Mouly schickte Schössow die Bilder von der Skyline und war mit dem neuen Versuch zufrieden.

Innerhalb von sechs Monaten hat Schössow damit drei „New Yorker“-Cover gestaltet, bis Ende des Jahres werden es noch mehr, hofft sie. Eine Standleitung in die USA hat sie zwar noch nicht, aber wenn sie einen Entwurf eingereicht hat und abends beim Fernsehen mal wieder das Telefon klingelt, klopft ihr Herz jetzt immer ein bisschen schneller.

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