Medien : Der Kanzler und die Medien

Gerhard Schröder ist schuld, und die Presse ist auch schuld

Ulrike Simon

So also glaubt „Bild“ sein zu müssen, um Gerhard Schröder zu gefallen. Zum 60. Geburtstag des Bundeskanzlers firmierte die Springer-Zeitung am Mittwoch ihre letzte Seite zu einer Sonderseite um. „Schröder Kanzler auf Lebenszeit“ lautet die Schlagzeile, ZDF-Intendant Béla Anda reformiert das Programm und lässt die Neujahrsansprache täglich um 20 Uhr ausstrahlen, steht dort; Merkel kündigt mit den Worten „Schröder kann es einfach besser“ die Auflösung der CDU an, Michael Schumacher bekennt: „Ich fahre seit Jahren links. Und für mich war meine ,rote Göttin’ schon immer ,rote Genossin’“. Unten auf der Seite wird Doris Schröder-Köpf zur Gewinnerin des Tages erklärt, weil sie mit sofortiger Wirkung die Chefredaktion von „Bild“ übernimmt – und zu Kai Diekmann, dem Verlierer des Tages, heißt es daneben: Er werde auch nach seiner Amtszeit als „Bild“-Chef nicht mit dem Kanzler reden dürfen. „Und im Regierungs-Jet ist er natürlich auch auf Lebenszeit von der Passagierliste gestrichen.“

Die „Bild“-Redaktion grollt nach wie vor, weil der Kanzler ihr kein Interview mehr geben will und Redakteure bei zwei Auslandsreisen nicht mitgenommen wurden. Obwohl es bei diesen Reisen ja gar nicht so kommunikativ zugeht, wie die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion am Vorabend des 60. Kanzlergeburtstags von Gabor Steingart, Leiter des Berliner „Spiegel“-Büros, erfuhren. Einige Minister würden mit den Journalisten, die sie auf Flüge mitnehmen, gar nicht reden. „Eine Regierung, die sich wegsperrt, ist kurz vor der Notlandung“, sagte Steingart. Außer ihm und Moderator Thomas Heilmann diskutierten auf dem Podium der frühere Kampa-Chef Matthias Machnig sowie Forsa-Chef Manfred Güllner, „der Noelle-Neumann der SPD“, wie ein Teilnehmer anmerkte. Die Veranstalter, Medienboard und Medianet Berlin-Brandenburg, ließen die vier über das Verhältnis des Kanzlers zu den Medien reden. Ein Verhältnis, das zu Beginn von Schröders Kanzlerschaft so nah wie bei keinem seiner Vorgänger war und das nun derart angeknackst ist.

Von enttäuschter Liebe sprach Steingart, der nahezu tröstend sagte, Gerhard Schröder sei ja ein sympathischer Mensch, noch immer würden ihn viele Journalisten mögen, zumal ihm eine ganze Reihe aus der Provinz in Bonn nach Berlin gefolgt sei. Und doch: „An seinem 60. Geburtstag steht Schröder dicht am Tiefpunkt seiner Karriere.“ Woran das liegt, versuchten die Diskutanten zu ergründen und kamen zum Schluss, es sei der Verlust an Glaubwürdigkeit. Es sei falsch, sagte der Forsa-Chef, wenn die SPD auf ihre 600 000 Parteimitglieder höre; besser sei es, sich um ihre 18,5 Millionen Wähler zu kümmern, die sich über die Medien und damit auch über „Bild“ informieren – zumal die CDU das, was der SPD an Kompetenz verloren gegangen sei, nicht dazugewonnen habe. Und es sei auch falsch, sagte Machnig, den Menschen ständig zu drohen, künftig werde alles schlimmer: „Wer Reformen will, muss sagen, was bleibt.“

Auch wenn vor allem die Vermittlung der Politik kritisiert wurde: Die Journalisten blieben nicht verschont. Machnig arbeitete sich an der seiner Ansicht nach verlogenen Doppelstrategie der Medien ab. Da werde auf der ersten Seite im Leitartikel gefordert, die Reformen müssten noch grundlegender sein, und irgendwo auf Seite 6 folge dann der Artikel, dass man den Rentnern nicht ans Geld gehen dürfe. Auch Steingart geißelte dieses Vorgehen und appellierte an das Verantwortungsbewusstsein der Medien: Die Presse sei die vierte Gewalt. Aber deshalb habe sie „nicht das Recht auf permanente Anklage“. Der Kanzler wird’s gern hören.

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