Medien : „Der Kellner kassiert“

Joschka Fischer über den Koch Gerhard Schröder und das Menü der Medien

Bernd Gäbler

Die Pointe hatte er sich zurechtgelegt. Aber man muss auch warten können. Dann endlich fragte Marietta Slomka („heute-journal“), ob ihn das von Bundeskanzler Gerhard Schröder geprägte Bild von Koch und Kellner nicht sehr geärgert habe. „Nein“, schoss es aus Fischer heraus, „der Kellner kassiert.“

Der ehemalige Außenminister zeigte sich auf den 39. „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“ in Bestform, also als ein „political animal“ wie eh und je. „Ja, Politik ist Kampf“, belehrte er Frau Slomka im Konferenzsaal des ZDF, „gut: Kampf und Kompromiss“, ergänzte er für alle, denen das zu martialisch klang; die Demokratie kenne keine Kronprinzen, nur die Robusten setzten sich durch und über die Journalisten habe er gelegentlich deshalb „einen dicken Hals“ bekommen, weil er sie ernst nehme. So sprach Joschka, amüsierte und belehrte, wie „strukturkonservativ“ er das Thema – „Macht und Medien“ – sehe.

In Rückschau auf das turbulente Wahljahr 2005 und in Vorschau auf die neuen Bedingungen einer großen Koalition wurde auf dem Mainzer Lerchenberg heftig über Politik und Medienmacht gestritten, jene „Symbiose“, in der sich „von Fall zu Fall entscheide, wer gerade der Parasit ist“, wie der „Spiegel“-Altmeister Jürgen Leinemann lakonisch befand.

Der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Dieter Grimm hatte am Morgen Grundsätzliches über Pressefreiheit und Medienordnung referiert, ZDF-Intendant Schächter eine neue Medienordnung gefordert, die sich auf den kommenden „Kampf der Plattformen“ beziehe, und eifrig hatten exponierte Print-Journalisten von „Stern“ bis „Bild“ sich zwar zu meinungsfreudigem Journalismus bekannt, aber dementiert, in koordinierter Kampagne die „Wende herbeigeschrieben“ zu haben.

Als wenig selbstkritische Zunft präsentierten sich die Demoskopen der verschiedenen Institute. Sie selber seien super, ihre tollen Daten hingegen würden gelegentlich schlampig verwendet. „Demoskopen-bashing“ gehöre zum politischen Geschäft: Hinter dieser Formel formierten sich Manfred Güllner (forsa), Richard Hilmer (Infratest dimap) und Matthias Jung (Forschungsgruppe Wahlen) zum geschlossenen Verteidigungsring. Da zeigten sich die Chefredakteure von ARD, ZDF und RTL, Hartmann von der Tann, Nikolaus Brender und Peter Kloeppel, schon aufgeschlossener, aus dem Wahljahr Lehren zu ziehen und womöglich in der neuen Phase der Politik mehr darüber nachzudenken, wie in der Berichterstattung die Oberfläche parteitaktischer Ranküne mit Gesellschaftspolitik besser zu verknüpfen sei.

„Doch“, darauf bestand der Staatsmann a. D. aus der Frankfurter Spontiszene: „Ihr macht es euch zu leicht“. Es gebe das „Phänomen der Selbstüberschätzung“, konstatierte Joschka Fischer. Eine Abrechnungen ex post wolle er nicht und erst recht habe er nichts gegen unbequemen Journalismus, aber wer agieren könne ohne den „schweren Lehm der Mehrheitsbildung“, müsse eben auch handeln wie die „vierte Gewalt“. Wenn der Journalismus nicht mehr unterscheide zwischen: „wir sind der Meinung“ und „das können wir entscheiden“, tue er sich keinen Gefallen.

Weder Partei sein noch gar Nation dürften die Medien, steckte Joschka Fischer die Grenzen ab und verteidigte die klassischen Institutionen der Politik: das Parlament gegen die Talkshow, den Parteitag gegen das Feuilleton. Dieses „wir sind so mächtig, wir können das entscheiden, die müssen weg“ habe er schon bei manchen gerade vierzig gewordenen „Unter-Magnaten“ und auch schreibenden Vertretern seiner Generation verspürt. Die Anspielung auf Gabor Steingart vom „Spiegel“ und Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“ war unschwer herauszuhören. Diesen sei durch mangelnde Bodenhaftung viel entgangen von der Stimmung im Land und auch, dass das TV-Duell ein „turning point“ zu Schröders Gunsten gewesen sei.

Und jene berühmte „Elefantenrunde“ nach der Wahl mit Schröders Ausbruch, warum ist er, Joschka Fischer, da so still gewesen? Weil die Messe gelesen war, wie Fischer heute sagt. Den gesamten Wahlkampf über sei Gerhard Schröder diszipliniert gewesen. Er wusste, wenn er Angela Merkel „testosterongesteuert angreift, dann hat er verloren“. Dann sei es aus ihm herausgeplatzt. „Schröder hat die Tür zugemacht zur Analyse, warum Angela Merkel so verloren hat. Das tut dem Land nicht gut“, resümierte Fischer. Gerne sähe er tiefgreifendere Analysen beispielsweise über den Wandel der CDU seit dem Leipziger Parteitag, aber auch „schöne Korrespondentenberichte“ aus Indien. Man glaubte Joschka Fischer, dass er sich wohlfühlt in seinem „neuen Leben“.

Was wiederum schade ist für die Medien. Aber auch „im Siegesfall hätte ich maximal noch ein Jahr weitergemacht“, sagte Fischer, der sich wenig bescheiden als letzten „Live-Rock’n’Roller“ der deutschen Politik bezeichnete. In Mainz klimperte er noch einmal virtuos.

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