Medien : Der kleine Quatsch

Noch eine Ausgabe, noch ein "Best of“, dann ist Pause. Höchste Zeit für eine Saisonbilanz zu "Schmidt & Pocher“.

Bernd Gäbler
Schmidt_Pocher
Witzischkeit. Oliver Pocher und Harald Schmidt -Foto: ARD

Voll erfüllt haben Harald Schmidt und Oliver Pocher die Erwartungen der ARD. Diese richteten sich auf die Quote, die verbessert, und das Publikum, das verjüngt werden sollte. Der Preis für diesen Zugewinn allerdings ist hoch, wenn auch nicht messbar. Da geht es um Kategorien wie Niveau, Esprit, Intelligenz, Originalität, Gesprächsstoff oder gar Bewunderung. Da ist von dem vorherigen Produkt nicht viel geblieben.

Harald Schmidt war nie zimperlich. Immer war er auf seinen Vorteil bedacht. Er buhlte nicht um Sympathie, biederte sich nicht an. Auch deswegen lagen ihm viele zu Füßen. Er war anders als die üblichen TV-Hansel: schlagfertig und klug, knallhart und sperrig. Zu seiner besten Zeit lag er völlig quer zum sonstigen Programm des „Kuschelsenders“ Sat 1. Er spielte mit der Erwartung des Publikums. Was er nicht alles angestellt hat! Mal war es dunkel, mal sprach er französisch, erklärte am Modell ausführlich seine Heimat Nürtingen, spielte Klassiker mit Playmobil-Figuren nach, deklamierte Lyrik, sang Brecht, schuf eine dramatische Hitler-Parodie. Fast jeder kann diese Liste ergänzen. Immer wieder seit „Schmidteinander“ bot er Gesprächsstoff. Wer nicht schaute, hätte etwas verpassen können.

Seit dem Oktober 2007, seit „Schmidt & Pocher“, ist das anders. Vorbei ist das Gefühl, es sei jederzeit möglich, einem großen Zauber beizuwohnen. Zwar gibt es noch Sprüche, Lustiges, Provokatiönchen, witzige Accessoires, viel Quatsch eben, wie anderswo auch. Verflogen ist das Außergewöhnliche. Dabei birgt die neue Konstellation durchaus Potenzial. Aus der Reibungshitze zwischen Meister und Schüler, Intellektuellem und Provokateur, Stilisten und Fußgänger auf dem Boulevard, Altvorderem und Nachdrängendem könnten Funken schlagen. Allein: Da reibt sich nix. Schmidt und Pocher treiben auf unterschiedlichen Umlaufbahnen aneinander vorbei, versemmeln die Pointen, hangeln sich durch die aufgeschriebene Nummernrevue. Dem gelangweilten Alten ist es egal, dem Jungen fehlt das Gespür.

Einmal nur ist Harald Schmidt noch die Hutschnur geplatzt. Noch im On stauchte er völlig unironisch Oliver Pocher zusammen. Er spürte wohl, dass das Niveau seiner Sendung nie tiefer gesunken war. Als Studiogast war „Lady Bitch Ray“ geladen, also jene Bremer Studentin, die nichts ernst meint, sich aber als trötende Agentin der Aufmerksamkeitsökonomie betätigt, indem sie 18-mal „Fotze“ sagt und verbale Sex-Drastik als Feminismus ausgibt. Selbstverständlich gab es kein Konzept, wie ihr zu begegnen sei, und ebenso selbstverständlich war Pocher ihr nicht gewachsen. Seine Not wendete er dann am Ende der Sendung in fröhliche Aggressivität gegen eine englischsprachige Sängerin, die nicht verstehen konnte, weswegen Pocher sie mit einer Art Bohlen-Parodie beschimpfte. Dann schickte er sich auch noch an, diesem Gast ein von der Leder-Lady überbrachtes Döschen, das angeblich deren Körperflüssigkeit enthielt, weiterzureichen. Das war zu viel. Eine Rundfunkrätin beschwerte sich über das Gossen-Niveau, und ARD-Programmchef Günter Struve sagte: „Uiuiuiui“. Hinter den Kulissen gab es ein ernstes Gespräch, und in der nächsten Sendung versuchte Harald Schmidt einige etwas verkrampft geratende ironische Entschuldigungen.

Da durfte der Besuch der „Feuchtgebiete“-Autorin Charlotte Roche am vergangenen Donnerstag nicht auch noch entgleiten. Es gab einen einstudierten Gag: Roche behauptete, sie habe für ihr Buch jene Themen gewählt, die Schmidt und Pocher gefielen, also „Muschi & Hämorrhoiden“. So habe die Sendung ursprünglich heißen sollen, antwortete Schmidt, aber Marianne und Michael hätten den Titel nicht freigegeben. Das war es dann. Der Rest bestand aus hochkulturellem Lob. Harald Schmidt steuerte das Gespräch, Pocher war klugerweise zum Schweigen verdonnert worden.

Aber diese Arbeitsteilung kann ja nicht die Antwort auf inhaltlichen Niedergang sein. Nach wie vor fehlt es auch konzeptionell. Ein eingespieltes Duo würde anders agieren. Mit Feuerstein fluppte es einst: Die Rollenverteilung war klar. Jetzt ist die Sendung einfach zu häufig zäh, als wäre die Sendezeit zu lang. Es fehlen knallige Einspieler. Viel zu früh zitiert sich die zudem oft lieblos produzierte „Bayern-WG“ nur noch selbst. Wer einst Olli Dittrichs Beckenbauer-Parodie goutierte, findet so einen Aufguss ohnehin gewagt. Eckhart von Hirschhausen kann als nachdenklich-lustiger Arzt („Ich werde Sie gut behandeln“) live wirklich komisch sein, in der Sendung ist er es leider nicht.

Es ist ja nicht so, als könne Oliver Pocher keinen Charme entwickeln. Er kann verschmitzt sein und antiautoritär, rotzfrech und schön verletzend. Bei einer Schalte zur Grand-Prix-Vorentscheidung nach Hamburg ist er mit dem zukünftigen ARD-Programmchef Volker Herres angemessen ungezogen umgesprungen. Nur Stand-up kann er gar nicht, hat aber ein ausbaufähiges parodistisches Talent (Mario Barth, Lukas Podolski), das er aber auch dann einsetzt, wenn er noch viel üben müsste (Jogi Löw). Es mangelt an Stil, Eleganz und vor allem an Demut. Er haut einfach auf alles drauf und ist überzeugt davon, in seiner Generation der Beste zu sein. Zum deprimierenden Befund nach einem Jahr gehört, dass sich Oliver Pocher auf keinem Gebiet nennenswert weiterentwickelt hat. Er macht nichts besser, aber das jetzt überall: Fußball für ARD und Bild.de; Auftritte zur EM, dazu die obligatorische Gassenhauer-Hymne („Bringt ihn heim“). Er ist am Boxring und beim Grand Prix, schustert mal eben ohne Witz und Mühe einen Rückblick für die ARD-„Sportschau“ zusammen, für den er sogar eingespielte Lacher verwendet. Dafür würde sich Schmidt schämen. Andere würden sorgfältig an Pointen und Timing feilen. Pocher aber bereitet für „Zimmer frei“ nicht einmal eine Gesangsnummer vor, und als Christine Westermann ihn nach Persönlichem fragt, blafft er zurück: „Sind wir hier bei Beckmann?“

Das ist seine Welt: die anderen TV-Formate, Franjo Pooths Pleite und Hannover 96, Karikierendes zu „Bauer sucht Frau“ und „Super-Nanny“, Hämisches zu Britney Spears oder Bruce Darnell. Den Verlierern gibt er gerne noch einen mit. Von Politik – Horst Köhler und Gesine Schwan, Geschichte und deutschem Erinnern – lässt er inzwischen die Finger. Seine jungen Fans feixen, wie unerschrocken er offenkundige Wahrheiten ausspreche, so als er bei „Wetten, dass..?“ Mariah Carey als „Presswurst“ bezeichnete. Was stimmen würde, hätte sie Deutsch verstehen können oder er englisch gesprochen. So zeigt sich nur, dass er kein Gefühl dafür hat, auch im deftigen Umgang mit anderen ein Gleichgewicht herzustellen. Sein kommunikativer Ansatz ist stets: Erst beleidigen, dann sagen, es sei doch nicht so gemeint.

Gelegentlich etwas gehemmt, dann wieder diese Hemmung jäh entladend geht er so auch mit den Gästen um, die nur noch selten interessant sind. In der Regel borgen sie „Schmidt & Pocher“ nur ihre Quote aus. Dieses simple Rezept geliehener Prominenz gehört zum zahlenmäßigen Aufschwung der Sendung. Ob Günther Jauch und „Bully“ Herbig, die RTL-Dschungelcamp-Belegschaft, Peter Zwegat („Raus aus der Schuldenfalle“), oder Inka Bause („Bauer sucht Frau“) – man holt einfach die Quotenbringer der anderen Sender ins Programm. Das verhilft zu messbarem Erfolg, aber Geist geht anders. Schon fragen die ersten enttäuschten Betrachter, was eigentlich Manuel Andrack hinter den Kulissen so treibt und ob der Liederabend „Elvis lebt. Und Schmidt kann es beweisen“ im Stuttgarter Schauspielhaus vielleicht die letzte Aufführung war, für die sich Harald Schmidt wirklich engagierte. Oliver Pocher aber wünscht man, er möge doch einmal in aller Ruhe Loriot studieren.

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