Medien : Der lange Weg bergab

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Drei Männer hängen herum. Die Sonne scheint, das Leben ist schön, die Welt steht sperrangelweit offen. Ein Regisseur, ein Drehbuchautor, ein Schauspieler, suchen einen Filmstoff, werfen sich vergnügt Ideen zu.

Ja, das könnte was sein: „Eine Komödie, die mit beiden Beinen auf der Erde steht vor dem düsteren Hintergrund der Zeit.“ Das war 1947, so beginnt der „Film ohne Titel“ von Rudolf Jugert nach dem Buch von Helmut Käutner mit dem Jungstar Hildegard Knef. So auch beginnt die Dokumentation „Jenseits der Ufa“ (23 Uhr 10, Arte), deren Untertitel nichts Schönes verheißt: „Zum Scheitern des deutschen Nachkriegsfilms.“

1945. Deutschland liegt in Trümmern. Die Besatzungsmächte haben das Land und seine Hauptstadt Berlin unter sich aufgeteilt. Und die traditionsreiche Ufa zerschlagen. Nein, der deutsche Film soll nicht so einfach wieder an sein stolzes internationales Renommee der Vorkriegszeit anknüpfen dürfen – die schmähliche Rolle, die er in der Nazizeit spielte, war schlimm genug. Aber Filme müssen her zur Produktion von Träumen, zur Ablenkung von der „düsteren Zeit“, zum Hoffnung machen auf eine bessere Zukunft. Die Alliierten setzen „Filmproduktionskontrolloffiziere“ ein, die Lizenzen erteilen und Zensur ausüben. Und nebenbei geschickt ein Wiederaufblühen der Filmkultur verhindern. Ihr vordringliches Interesse gilt nicht der Förderung der deutschen Filmwirtschaft, sondern ihrer eigenen Länder: Diese brauchen neue Märkte.

Französische, amerikanische, britische Filme überschwemmen die deutschen Kinos. Dennoch entstehen im Lande die ersten Produktionsstätten und Filme. Am schnellsten sind die Sowjets. Sie gründen die erste Wochenschau „Der Augenzeuge“ und die „Deutsche Film-AG“, kurz DEFA. 1946 ist es so weit: Wolfgang Staudtes „Die Mörder sind unter uns“ kommt in die Kinos, eine bittere Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Der Westen zieht nur zögerlich nach. Das Publikum verweigert den aufklärerischen, die Vergangenheit verarbeitenden Ambitionen von Artur Brauner oder Hans Abich die Zustimmung: Es will keine Trümmer- oder Nazifilme sehen, sondern unterhalten werden. Und damit beginnt der Weg bergab. Im Westen amüsiert man sich hemmungslos und entwickelt nebenbei ein neues Trivial-Genre: den Heimatfilm. Im Osten versacken die verheißungsvollen künstlerischen Ansätze bald in ideologischer Menschenverbesserungsmanier. Traumfabriken hier wie dort, die Mittel sind verschieden, die Mittelmäßigkeit identisch. Der westdeutsche Film krabbelt erst nach dem Aufstand der Jungen gegen „Opas Kino“ in den 60ern wieder aus diesem Tief heraus.

Angereichert mit einer Fülle von Film- und Wochenschauausschnitten nebst Interviews mit Zeitzeugen (vor allem mit den Filmoffizieren und dem wunderbar selbstironischen 92-jährigen Kurt Maetzig, Regisseur und Mitbegründer der DEFA) durchstreifen Alexander Bohr und Peter H. Schröder die Anfangsjahre des deutschen Films nach dem Krieg - und verhehlen dabei nicht, wie deprimierend dieses Kapitel eines großen Scheiterns erscheint. Mechthild Zschau

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