Medien : Der letzte Talk

Mit Erich Böhme verabschiedet sich eine ganze Generation von Fernsehjournalisten

NAME

Von Claus Hinrich Casdorff

Die einen nannten ihn ein „Urgestein“ des deutschen Fernseh-Journalismus, die anderen einen eitlen, geschwätzigen Brillendreher. In vielen hundert von Auftritten vor einem Millionenpublikum hat er gelernt, wie weit die Urteile auseinandergehen, wie scharf sich die Gegensätze im Raum stoßen. Heute Abend („Der Grüne Salon“, 21 Uhr 15, n-tv) nimmt er vom Bildschirm Abschied. Der 72-jährige Erich Böhme wird seine Anhänger und Feinde nicht mehr erfreuen oder verärgern.

Wie unterschiedlich die Einschätzung seiner Arbeit sein mag: Erich Böhme hinterlässt eine Lücke, eine fühlbare Lücke, und das in einer Zeit, in der die politische Berichterstattung im Fernsehen immer mehr der Beliebigkeit anheimfällt. Seine Nachfolger müssen erst noch beweisen, dass zu einem erfolgreichen Talk-Master mehr gehört als gewinnendes Lächeln oder der Verzicht früherer Fußball-Reporter auf jede kritsche Nachfrage. Die wichtigsten Vorbedingungen sind eine profunde journalistische Ausbildung und eine gehörige Portion an Lebenserfahrung.

Auf beiden Gebieten konnte kaum jemand Erich Böhme das Wasser reichen. 17 Jahre lang war er Chefredakteur des „Spiegel“, kein bequemer Mann, der auch die Auseinandersetzung mit seinem Herausgeber Rudolf Augstein niemals gescheut hat. Seinen größten Erfolg hatte Böhme, als er die so genannte „Barschel-Affäre“ gegen den Willen Augsteins ins Blatt hob. Er selbst nannte diese Entscheidung oft einen Höhepunkt seiner Karriere. Das hinderte ihn nicht, wenige Jahre später um die vorzeitige Auflösung seines Vertrages zu bitten. Trotz aller Spannungen bescheinigte ihm der „Spiegel“-Herausgeber, dass er Böhme sehr vermisse.

So strebte der rundliche Hesse mit dem schütteren Haar zu neuen journalistischen Aufgaben. Nach einer kurzen Zeit als Herausgeber der „Berliner Zeitung“ landete der geprägte Zeitungsmann beim Fernsehen. Eine Laufbahn, die nur wenigen vorbehalten war. Da offenbarte Erich Böhme Fähigkeiten, die oft nachgeäfft, aber nur von den wenigsten erreicht wurden. „Talk im Turm“ bei Sat 1 und später „Talk im Bezirk“ beim Nachrichtensender n-tv und dazu der „Grüne Salon“, zusammen mit dem einstigen sächsischen Innenmenister Heinz Eggert, waren für viele Zuschauer Eckpunkte ihres Interesses an den Fernsehprogrammen. Da führte Böhme, freundlich oder maliziös lächelnd, die unterschiedlichsten Gäste zu oft harschen Auseinandersetzungen, fast niemals hat irgend jemand ihm die führende Rolle in den Diskussionen abzusprechen versucht.

Natürlich gab es hin und wieder einen Reinfall, so zum Beispiel als er sich wie seine Mitspieler bei dem Auftritt des österreichischen Rechtsaußen Jörg Haider nur unzureichend vorbereitet zeigte. Aber das waren Ausnahmen.

Wir haben in vielen Jahren unserer Bekanntschaft oft zusammengesessen, schließlich waren wir beide alte Fahrensleute, die im Fernsehen ähnliche Aufgaben zu erfüllen hatten. Jede dieser Zusammenkünfte war für mich eine Freude. Der joviale Glatzkopf mit einer ausgeprägten Vorliebe für gutes Essen und guten Wein entpuppte sich sehr schnell als ein Mann mit klarem Blick für die politischen Zusammenhänge, dem Mut für Kritik, mit reinen historischen Kenntnissen – alles überstrahlt von köstlichem Humor. Ohne Zweifel gab es erhebliche Unterschiede bei der Beurteilung der Weltlage, aber immer wurden sie freundschaftlich ausgetragen. Giftzähne hat Erich Böhme anderen ausgezogen.

Nun nimmt er Abschied. Das wird ihm trotz gegenteiliger Beteuerungen nicht leicht fallen. Wir Altersgenossen haben genau so unerfreuliche Gemütsregungen verspürt, als es darum ging, den Platz für einen Jüngeren zu räumen. Erich Böhme kann aber für sich in Anspruch nehmen, die Leistungen der neuen Generation von Talk-Mastern mit dem ruhigen Gefühl vom Lehnstuhl aus zu beobachten: Die sollen das erst einmal besser machen als ich, bevor sie sich in Häme üben. Mit großspurigen Ankündigungen und scharfer gegenseitiger Kritik ist es nicht getan.

Das deutsche Fernsehen hat ein Urgestein weniger. Aber es bleibt die Erinnerung an einen Journalisten, dem so mancher eine Träne nachweinen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar