DER MANN FÜR HOCHS UND TIEFS : "Ich weiß nicht mal, wie der August wird"

Der ARD-Meteorologe Sven Plöger über richtige und falsche Prognosen, Klimawechsel und seinen Chef Jörg Kachelmann.

Wolken verschieben kann Diplom-Meteorologe Sven Plöger zwar nicht, aber immerhin weiß er, wohin sie ziehen.
Wolken verschieben kann Diplom-Meteorologe Sven Plöger zwar nicht, aber immerhin weiß er, wohin sie ziehen.Foto: ARD

Herr Plöger, wie wollen Sie angesprochen werden: Herr Diplom-Meteorologe oder Herr Wetterfrosch?

Ich mag Frösche, deshalb habe ich nichts gegen die Bezeichnung Wetterfrosch. Offiziell bin ich aber Diplom-Meteorologe. Das Diplom ist wichtig, denn Meteorologe ist kein geschützter Begriff, prinzipiell darf sich also jeder Mensch Meteorologe nennen, egal ob er von dem Thema Ahnung hat oder nicht. Ich habe aber Meteorologie studiert.

Und damit den Beruf ergriffen, in dem am häufigsten geirrt wird?

Wenn man die Prognosen auswertet, liegen wir in neun von zehn Fällen richtig. Wir irren uns also nicht so oft, wie mancher vielleicht denkt. Aber es gibt natürlich Schwankungen in der Vorhersagequalität. Eine Vorhersage ist einfacher bei Hochdrucklagen, wenn das Wetter persistent, also gleichbleibend ist, als bei sehr komplizierten Tiefdrucklagen. Im Frühling ist die Fehlerquote wegen der starken Wetterwechsel deshalb etwas höher als im Sommer.

Aber warum entsteht dann oft der Eindruck, dass Wettervorhersagen eher falsch als richtig sind?

Das ist ein subjektiver Eindruck von Gott sei Dank gar nicht mal so vielen Menschen. Um richtige Prognosen macht man sich keine Gedanken, weil man das Wetter ja genau so erwartet hat. Aber an dem Tag, an denen sie ohne Schirm rausgehen, weil Sonnenschein angekündigt wurde, und es regnet, denken sie plötzlich über den Wetterbericht nach. Fehlprognosen werden deshalb immer intensiver wahrgenommen. Man wird aber selten unfreiwillig nass, denn unsere Prognosen haben sich sogar verbessert. Heute ist die Prognose für den dritten Tag so gut wie 1985 für den Tag von morgen.

Sind die Meteorologen heute schlauer?

Ja, aber nicht, weil ihre Hirnmasse gewachsen ist. Sondern wir arbeiten heute mit besseren Modellen, die Technik hat sich verbessert. Natürlich kann das Hilfsmittel Computer alleine keine Wetterprognose abgeben. Der Meteorologe muss die verschiedenen Modelle nach physikalischen Gesetzmäßigkeiten auswerten und interpretieren. Wir – die Firma Meteomedia – haben in Deutschland inzwischen ein Netz mit über 500 Wetterstationen. So haben wir eine sehr gute regionale Kenntnis vom Wetter und können die Prognosen später viel detailgenauer erstellen.

Das Klima verändert sich, wie muss sich der Wetterbericht ändern?

Erst mal muss man zwischen Klima und Wetter unterscheiden. Wetter ist das, was man jeden Tag erlebt, was sich sehr schnell ändert. Klima ist Statistik, beispielsweise war das Wetter bei uns im Winter 2009/2010 sehr kalt, aber über die gesamte Nordhalbkugel gemittelt war es der zweitwärmste Winter seit 1880. Die Leute im Süden Grönlands hatten Ende Januar tagelang 14 Grad plus. In 100 Jahren ist die Temperatur auf dem ganzen Erdball um 0,7 Grad gestiegen. Klingt nach wenig, aber aus der Sicht des Planeten Erde ist das eine große Änderung in sehr kurzer Zeit. Die Veränderung des Klimas spielt im ersten Moment für den Wetterbericht keine Rolle.

Im zweiten Moment aber schon?

Ja, denn durch den Klimawandel wird es zum Beispiel häufiger so große Hitzeperioden wie in den vergangenen Wochen geben. Und unseren Zuschauern, die unter der Hitzelast leiden, müssen wir dann Informationen dazu geben, wo es kühler ist oder wie sie sich abkühlen können. Solche Warnungen wie vor Hitze, vor Unwettern, werden künftig einen größeren Stellenwert haben – aber nicht so, dass man ständig Panik schiebt.

Werden Warnungen nicht schon jetzt inflationär eingesetzt, weil viele Wetterdienste so Klicks oder Quote machen wollen?

Vielleicht meinen manche Anbieter, lieber mal ein bisschen mehr warnen zu müssen, um deutlicher gehört zu werden. Nützlich ist das nicht. Denn wenn die Leute durch Überwarnung abgestumpft sind, bereiten sie sich im Ernstfall womöglich nicht mehr vor. Wir haben bei Meteomedia deshalb ein vorsichtiges Warnmanagement mit genauen Warnkriterien.

Und das sieht wie aus?

Früher haben wir nach Stadt- und Landkreis gewarnt, aber die sind nun mal politisch festgelegt, an solche Grenzen hält sich das Wetter nicht. Deshalb haben wir Deutschland jetzt in 996 Naturräume unterteilt, also danach, wie sie orografisch zusammenpassen, beispielsweise wie die Flüsse fließen, ob es weitere Gewässer oder Berge gibt. So können wir präzisere Warnungen für einzelne Gebiete abgeben.

Insbesondere im Netz gibt es mehr Wetterdienste, wie muss sich der Wetterbericht dann im Fernsehen verändern, um attraktiv zu bleiben?

Internet und Fernsehen muss man nicht als Konkurrenz sehen, sondern überlegen, wo die beiden Medien sich ergänzen können. Der Vorteil im Fernsehen ist, dass der Meteorologe einen Überblick über den Verlauf gibt und die Folgen erklärt. Das Netz kann dann zusätzliche Informationen liefern. Würde man nur im Netz unterwegs sein, interpretiert man die Inhalte dort womöglich falsch.

Muss das Fernsehen künftig noch mehr Parameter im Wetterbericht bieten?

Weniger ist oft mehr. Die passenden Parameter sollten flexibel eingesetzt werden, beispielsweise bei einer Hitzewelle, wie zuletzt, kann man darauf hinweisen, wie trocken die Luft ist und dass man deshalb viel trinken muss. Manchmal können zu viele Infos auch Ängste suggerieren, ein Klassiker ist das Biowetter. Ich glaube, dass manche Leute nur unter gewissen Zipperlein leiden, weil sie gelesen haben, dass sie die an diesem Tag bekommen könnten. Generell ist Medizinmeteorologie wichtig, aber man muss unterscheiden zwischen dem, was in eine wissenschaftliche Studie gehört und was man den Leuten jeden Tag mitgeben kann.

Warum eignet sich Wetter so gut für Smalltalk?

Weil es jeden betrifft und jeder mitreden kann. Und es ist ein emotionales Thema. Der eine findet’s zu heiß, der andere zu kalt. Das Bedürfnis nach Beschwerde, das bei uns Deutschen vielleicht besonders ausgeprägt ist, kann mit dem Thema Wetter hervorragend abgedeckt werden.

Wissen Sie schon, ob’s im nächsten Winter wieder richtig Winter wird?

Es wird wechselnd bewölkt mit kurzen Aufhellungen bei minus fünf bis plus acht Grad. Nein, Scherz beiseite, ich weiß ja noch nicht einmal, wie der August wird. Prognosen kann man für zirka sieben Tage, Trends für 15 Tage machen. Aber an Monatsvorhersagen wird gearbeitet und sie werden besser. Trotzdem ist das erst mal nur Statistik, wenn man beispielsweise sagt, dass mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent eine bestimmte Region im nächsten Monat 0,2 bis 0,6 Grad wärmer wird als nach dem 30-jährigen Mittelwert. Als Wetterprognose ist das aber ungeeignet. Deshalb wären Aussagen über den kommenden Winter schlicht unseriöses Geplapper.

Jörg Kachelmann, der Gründer der Meteomedia AG und Ihr Chef, sitzt zurzeit im Gefängnis. Belastet das Ihre Arbeit?

Natürlich ist das unerfreulich und wir alle hier wünschen Jörg, dass er da möglichst schnell rauskommt. Aber wir können das nicht beeinflussen. Was wir tun können, ist eine gute Arbeit zu machen. Das tut das Team, und dafür sind wir auch weiterhin gut aufgestellt.

Das Gespräch führten Joachim Huber und Sonja Pohlmann.

Sven Plöger, geboren im Mai 1967 in Köln, studierte Meteorologie und arbeit seit Juli 1996 bei Meteomedia, dem Schweizer Wettervorhersagedienstleister von Jörg Kachelmann in Gais, seit 1999 moderiert Sven Plöger das „Wetter im Ersten“ in der ARD. Im März diesen Jahres wurde Plöger auf dem Extremwetterkongress in Bremerhaven als „Bester Wettermoderator Deutschlands“ ausgezeichnet.

In seiner Freizeit zieht es Sven Plöger nach oben und nach unten: er geht als Pilot mit Gleitschirmen, Segelflugzeugen und Ultraleichtflugzeugen in die Luft, taucht aber auch gerne in Seen und im Meer ab. sop

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