Medien : Der Maurer, der Maler und der Kuppelkreuzschmied

„Die Seele Dresdens“: Ein ZDF-Reporter hat den Wiederaufbau der Frauenkirche kontinuierlich begleitet

Thomas Gehringer

Christoph Wetzel liegt auf dem Fußboden der venezianischen Kirche Santi Giovanni e Paolo und blickt zur Decke. Die Venezianer sind von Touristen sicher einiges gewöhnt, aber dass sich da einer auf den Fußboden lümmelt, nur um die Malereien in der Kuppel besser sehen zu können, kommt sicher nicht alle Tage vor. Doch Christoph Wetzel ist kein Tourist, den plötzliche Müdigkeit überfallen hat. Er ist selbst Maler, und er sucht die Spur eines Kollegen aus dem 18. Jahrhundert: Giovanni Battista Grone. Der hatte nicht nur in Venedig Kirchenkuppeln ausgeschmückt, auch in der 1743 fertig gestellten Dresdner Frauenkirche sorgte Grone für einen farbenprächtigen Himmel. Und Wetzel hat den Auftrag, Grones Stil in der neuen Frauenkirche zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder aufleben zu lassen.

Wetzel ist einer der Protagonisten in Stefan Kelchs Dokumentation „Die Seele Dresdens“ um 18 Uhr 15. Kelch, Redakteur des ZDF-Landesstudios, erzählt von der Wiedererrichtung der im Bomben-Inferno am 13. Februar 1945 zerstörten Kirche, deren Ruine in der DDR als Mahnmal gegen den Krieg unberührt geblieben war. Am Sonntag findet das während der Wendezeit 1989/90 angestoßene Projekt mit der Weihe der fertigen Kirche seinen Abschluss. Der Mainzer Sender versteht sich als Hauptmedienpartner, der mit Benefizkonzerten und der Aktion „Ein Baustein für die Frauenkirche“ beim Spendensammeln geholfen hat: Von den über 100 Millionen Euro, die an Spenden für die neue Frauenkirche geflossen sind, gehen immerhin rund 5,5 Millionen auf ZDF-Zuschauer zurück. Intendant Markus Schächter glaubt sogar, dass ohne eine solche Medienpartnerschaft „das ehrgeizige Projekt nicht zu verwirklichen gewesen wäre“. Auch Thomas Gottschalk warb in den vergangenen Jahren nicht nur für Gummibärchen, sondern griff das Thema Frauenkirche bei „Wetten, dass..?“ mehrfach auf.

Ganz zu Recht darf also das ZDF den Gottesdienst und den anschließenden Festakt zur Weihe der Frauenkirche live übertragen („Friede sei mit Euch!“, 9 Uhr 45 bis 12 Uhr). Stefan Kelch betont, dass hier das Fernsehen aus Achtung vor dem Ereignis ausnahmsweise nicht versucht habe, Einfluss auf den Ablauf der Feier zu nehmen. Zuvor hat Moderator Gert Scobel in dem Magazin „Sonntags“ (9 Uhr 02) bereits den Baudirektor Eberhard Burger und den Medizin-Nobelpreisträger Günter Blobel zu Gast, der sein Preisgeld im Jahr 2000 zum großen Teil gespendet hatte. Und ab 18 Uhr zeigt Andrea Ballschuh in dem 15-minütigen Feature „Dresden anders“, was die Stadt für Touristen außerdem noch zu bieten hat.

So ist es ein wenig enttäuschend, dass das ZDF mit Stefan Kelchs Dokumentation „Die Seele Dresdens“ nur noch 45 Minuten übrig hat, um die Geschichte dieses Jahrhundertprojekts zu erzählen. Kelch, der die Arbeiten über die Jahre mit der Kamera begleitete, gibt einen kundigen Überblick und zählt die wichtigsten Stationen auf, auch die Rückschläge: das Hochwasser 2002, das auch das Fundament angriff, oder die Pleite mit den Glocken, die 2003 alle neu gegossen werden mussten. Er lässt zwei Damen, die als Kinder im alten Gemeindehaus aufwuchsen, durch Fotoalben blättern und von der „Seele Dresdens“ schwärmen, die nun wiederauferstanden sei. Auch Alan Smith kommt zu Wort, der Sohn eines britischen Bomberpiloten, der das Kuppelkreuz schmiedete und der sich an seinen Vater als einen nach den Bombenabwürfen auf Dresden „gebrochenen Mann“ erinnert.

Doch notgedrungen werden Vorgeschichte und die mehr als elf Jahre währende Bauzeit stark gerafft. Wichtige Aspekte wie die anfängliche Debatte um den Wiederaufbau der Kirche oder die städtebauliche Entwicklung des einstigen Elbflorenz spielen kaum eine Rolle. Autor Kelch bedauert selbst, dass etwa die speziellen Gewerke auf dieser einzigartigen Baustelle, deren Fähigkeiten nun nirgendwo sonst mehr gefragt sind, im Film zu kurz gekommen seien. Auch Christoph Wetzel wird wohl so schnell nicht mehr Kirchenkuppeln ausmalen. Aber vielleicht tun ihm einige Kirchenbesucher die Ehre an und legen sich unter der Kuppel flach auf die Erde, um sein Werk im Stile Giovanni Battista Grones zu bewundern.

ZDF-Berichterstattung zur Einweihung der Frauenkirche: 9 Uhr 02, „Sonntags“ mit Baudirektor Eberhard als Gast; 9 Uhr 45, Festakt „Friede sei mit Euch!“; 18 Uhr, „Dresden anders“; 18 Uhr 15, „Die Seele Dresdens“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben