Medien : Der Menschenfischer von Ahrenshoop

Wolfgang Stumph im ZDF-Film „Stürmische Zeiten“

Katrin Hillgruber

Die lachende und die weinende Doppelmaske der dramatischen Kunst: Der Volksschauspieler Wolfgang Stumph trägt sie in diesem Ostsee-Melodram, das so beschwingt anhebt, völlig zu Recht. „Es war schon immer mein Ziel, die Stoffe, zu denen ich Autoren inspiriere, nicht irgendwo an der Mosel, am Rhein oder in Timmendorf zu drehen, sondern einen Lokalpatriotismus für die neuen Bundesländer ins Spiel zu bringen“, sagt der 62-jährige Dresdner und fährt mit sympathischem missionarischen Eifer fort: „Ich kenne Ahrenshoop und den Darß, ich liebe die Ostsee, Hiddensee, Usedom und die Kaiserbäder. Es ist eine Freude für mich, allen Deutschen zu zeigen, wie schön unsere Heimat ist – es muss nicht immer der Strand von Mallorca sein.“

In „Stürmische Zeiten“ (Regie: Zoltan Spirandelli) spielt Wolfgang Stumph den Reetdachdecker-Meister Werner Stegemann. Anfang der siebziger Jahre verbrachte der sächsische Handwerker in der Nähe von Ahrenshoop seinen Urlaub, verliebte sich in die Englischlehrerin Marita und blieb. Eines Tages ließ sich Marita, den unabwendbaren Krebstod vor Augen, in einem kleinen Boot aufs Meer treiben. Da Stegemann kurz zuvor eine Affäre hatte, macht ihn sein Sohn Nils (Max von Thun) seitdem für den Freitod der Mutter verantwortlich. Die beiden Männer haben kaum mehr Kontakt zueinander. Der gutaussehende Nils fährt einen schwarzen Porsche und unterhält in Hamburg ein großzügiges Büro mit Wasserblick. Die Einladung zum sechzigsten Geburtstag seines Vaters, der sich wie jeden Tag mit seinen etwas einfältigen Gesellen auf dem Dach aufhält, ignoriert er. Nur die flehentlichen Bitten der resolut-mütterlichen Haushälterin „Schulzchen“ (Carmen-Maja Antoni) können ihn dazu bewegen, wenigstens in ihrem Ahrenshooper Haus Unterschlupf zu suchen. Widerstrebend und in aller Vorsicht nähert er sich dem Jubilar an.

Leutselig sächselnder Menschenfischer und smarter Großstadt-Single – unterschiedlicher könnten die Rollen nicht sein, die Wolfgang Stumph und Max von Thun verkörpern. Sie beide eint eine untergründige Melancholie, die im zweiten Teil des Films einen jähen Umschwung von Dur zu Moll bewirkt (Buch: Michael Illner und Alfred Roesler-Kleint). Das Meer und eine Frau – Marie Zielcke als alleinerziehende Hamburgerin – bringen die ratlosen Streithähne kurzfristig einander näher.

Was programmatisch heiter zu dröhnender Musik frei nach Grillparzer rund um „Des Meeres und der Liebe Wellen“ beginnt, setzt sich in Hamburg als Drama um Leben und Tod fort: Nils hat die Krankheit seiner Mutter geerbt. Wolfgang Stumph jedenfalls beweist erneut sein Faible für das Tragikomische: „Ich bin ja kein Schauspieler-Versteller“, erklärt er, „ich bin ein Menschen-Darsteller. Und wir Menschen können heute lachen und morgen weinen, und wir können uns ärgern und übermütig sein. Deshalb haben die Rezensenten mit meinen Filmen oft Probleme, was das Genre betrifft. Ein Film soll für mich so authentisch wie das Leben sein.“ Katrin Hillgruber

„Stürmische Zeiten“; ZDF, 20 Uhr 15

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