Medien : „Der Mittwoch ist für uns der Tag der Wahrheit“

Nur ein Song, dessen Videoclip von den Musiksendern gezeigt wird, hat die Chance, in die Top 50 zu kommen. Eine Jury entscheidet, wer sie erhält

Alva Gehrmann

Täglich flimmern die bunten Videoclips von Jeanette, Shaggy, Sarah Connor, Scooter, Pink und Robbie Williams über die Bildschirme der Musiksender. Es scheint, als laufe jeder Song, der im Radio zu hören ist, auch bei MTV und Viva. Ganz so selbstverständlich ist das nicht. Jeden Mittwoch entscheiden bei den Musiksendern Gremien darüber, welche Clips in der kommenden Woche in die Rotation gehen, also mehrmals am Tag ausgestrahlt werden.

„Der Mittwoch ist für uns der ,Tag der Wahrheit’“, sagt Fabian Drebes, Video Promotion Manager von Warner Music. Er versorgt MTV, Viva und Onyx jede Woche mit den neuesten Clips von Stars wie Madonna, den Red Hot Chili Peppers aber auch von nationalen Künstlern wie Nena, Sasha und der Newcomer-Electropopband Palomino. „Gerade bei Newcomern ist es wichtig, in einer Präsentationsmappe gute Argumente vorzulegen, warum dieser Künstler es wert ist, gespielt zu werden“, sagt Drebes.

Diese Mappe liegt den Verantwortlichen der Musiksender schon vor, ehe sie in ihre wöchentliche Sitzung gehen. Im so genannten „Acquisition Meeting“ treffen sich bei MTV der Programmdirektor, der Musikchef und einige Redakteure. Zwischen 40 und 90 Videos sehen sie sich während einer Sitzung an. Davon schaffen es nur fünf ins „Powerplay“, in die begehrte Tagesrotation. Denn die Zielgruppe, die 14- bis 29-Jährigen, schaltet vor allem tagsüber die Musiksender ein.

Sexyness ist gefragt

Vergangenen Mittwoch wurden sogar nur drei Titel aufgenommen. Um noch ein bisschen Sommer-Atmosphäre dazuzumischen, wählte MTV leichte R’n’B- und Hip- Hop- Songs von Faboulos und Joe Budden aus, die alle eins zeigen: Knapp bekleidete Tänzerinnen. „Was immer funktioniert, ist sexyness – nicht zu verwechseln mit billiger Softporno- Effekthascherei“, sagt MTV-Programmchef Elmar Giglinger. Die Songs sind nicht nur fürs Ohr, sondern auch fürs Auge.

Das Video von Blu Cantrell ist seit dieser Woche auch bei Viva zu sehen, hier ist es jedoch in der zweitwichtigsten Rotation gelandet. Der Kölner Sender hat genau wie MTV verschiedene Rotationen. Wer in den Charts ist, wird bei Viva ohnehin ausgestrahlt, außerdem vergibt das Gremium jede Woche sechs Plätze für neue Songs. Wer einen der heiß begehrten „N1“-Plätze erhält, dessen Video wird mindestens drei Mal am Tag gespielt. Ein Platz wird meist an nationale Acts vergeben – in der vergangenen Sitzung war das die Newcomer-Band Palomino.

Viva gibt offiziell nicht bekannt, wer an den Sitzungen teilnimmt. Im Prinzip läuft aber alles genauso ab wie bei MTV, sagt Silke Super, die sowohl Musikchefin bei Viva und bei MTV war. „Viva will unter anderem die Namen der Meeting-Teilnehmer nicht nennen, weil bei ihnen ein erhöhter Druck herrscht. Schließlich sind die nationalen Künstler sehr auf Viva angewiesen. Sie hoffen, so eine Chance zu bekommen, in die Charts zu gelangen“, sagt Silke Super – ein Künstlername übrigens.

So geheim und spektakulär, wie manche in der Musikbranche sagen, sind die wöchentlichen Treffen nicht. Der Musikchef, sagt Silke Super, hat sich die Videos ohnehin schon alle vor dem Meeting angesehen. „Das Gerücht, was sich unter Videoregisseuren hält, dass sich die Jury nur die ersten 30 Sekunden ansieht, und man alles an Special-Effects in die ersten 30 Sekunden reinpacken muss, stimmt nicht.“

„Ein gutes Video sollte unterhalten, witzig sein, einen eye catcher haben“, sagt Viva-Programmdirektor Stefan Kauertz. „Es ist immer gut, wenn es einen Spannungsbogen hat, wenn man lachen kann.“ Der wichtigste Aspekt sei aber, welche Chance die Single hat, in die Charts zu steigen.

Viva gilt als der Sender, der mehr Mainstream und Chartmusik spielt und sich an die jüngeren Musikfans richtet. MTV zeigt mehr R’n’B- und Hip-Hop-Videos, gibt sich cooler. MTV definiere sich auch über das, was nicht gespielt werde, sagt Programmchef Giglinger. „Daniel Küblböck oder Alexander zum Beispiel, zeigen wir nicht – nur bei entsprechender Platzierung in der Chartshow.“ Zunächst brauche der Künstler eine gewisse Relevanz und Glaubwürdigkeit. „Offensichtliche One-Hit-Produkte spielen wir nicht.“ Davon abgesehen muss das Thema zur Zielgruppe und ins Musikraster passen.

Den Plattenfirmen ist es außerordentlich wichtig, ihre Künstler in den Musiksendern zu platzieren. Schließlich sind sie neben dem Radio die ideale Werbeplattform, zumal durch die Clips auch Image vermittelt werden kann. „Ein Video, das auf Viva gesendet wird, geht zu 95 Prozent auch in die Top 50“, sagt Viva-Mann Kauertz. „Schlimm ist es, wenn Videos so gedreht sind, wie die Plattenfirma glaubt, dass wir uns das wünschen."

Grundsätzlich müsse ein gutes Video etwas Neues bieten und die Emotionswelt des Songs spiegeln, sagt Regisseur Daniel Lwowski. Er hat schon Clips für Sarah Connor, Herbert Grönemeyer und die Guano Apes gedreht. Sein Grönemeyer-Video „Demo (Letzter Tag)“ ist dieses Jahr beim Comet, der während der morgen beginnenden „Popkomm“ verliehen wird, als bestes nationales Video nominiert. In dem langsam geschnittenen Beitrag spielt eine Balletttänzerin die Hauptrolle, Grönemeyer selbst ist nur kurz zu sehen. Das Budget lag bei 74 000 Euro. Früher war das eine übliche Summe, heute ist das die Ausnahme. „Die Budgets sind seit letztem Jahr stark runtergegangen“, sagt Lwowski. „Von durchschnittlich 62 000 Euro auf 41 000 Euro.“

Mit den Budgets der US-Produktionen sind die nationalen Videos ohnehin nicht zu vergleichen. Missy Elliott gibt für ein Clip locker mal 500 000 Euro aus. Sie kann es sich auch erlauben. „Wenn Missy Elliott ein teures Video dreht, kommt das Geld schon wieder rein, weil ihre Musik ja auch weltweit verkauft wird“, sagt Silke Super, die mittlerweile für die WEA und Polydor als freie Videoconsultant arbeitet. Sie ist für den kompletten Videodreh inklusive Budgets verantwortlich. „Bei nationalen Künstlern ist das natürlich schwieriger, schließlich spielen die das Geld meist nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz ein.“ Doch selbst internationale Stars sparen zunehmend bei den Musikvideos. „Eminems Video ,Business’ zum Beispiel ist nur ein billiger Zusammenschnitt von Konzerten. Aber, weil er ein Star ist und damit in die Charts geht, spielen wir das Video“, sagt Stefan Kauertz von Viva.

Letztlich sei es ohnehin die Idee, die zähle. Beide Programmdirektoren sind sich einig, dass die Videos der Punkpop-Band „Wir sind Helden“ etwas Besonderes sind. Als charmant bezeichnen beide die Idee, den Clip zum Song „Die Reklamation“ als eine Art „Bravo“-Foto-Lovestory zu inszenieren. Das Video soll gerade mal 5000 Euro gekostet haben. Das Palomino-Video wurde übrigens von denselben Videoregisseuren, Florian Giefer und Peter Göltenboth von der Firma Filmlounge gedreht.

Autarke Entscheidungen

Immer wieder wird vermutet, dass Plattenfirmen Einfluss auf die Entscheidungen des Viva-Gremiums haben. Zumal Viva mehrheitlich AOL Time Warner und Vivendi Universal gehört. Die ehemalige Musikchefin Silke Super kann diese Gerüchte nicht bestätigen. „In den Meetings werden autarke Entscheidungen getroffen, sonst würden sie keinen Sinn machen.“ Sie selbst habe als Musikchefin immer Listen geführt, welcher Song von welcher Plattenfirma in die Rotation gelangt. „Wenn am Ende des Jahres ein Label mehr Videos auf dem Sender hatte, dann hatte das auch immer einen Grund.“ Außerdem sei der Posten des Viva-Musikchefs transparent, das heißt: „Wenn er die falschen Entscheidungen trifft, also viele seiner Clips nicht in die Charts kommen, dann hat er seinen Job nicht gut gemacht.“

Jenseits der Charts und außerhalb der Rotation ist es zwar möglich, dass ein Video gespielt wird, etwa in Sendungen wie „Fast Forward“. Aber nur die Titel aus der Rotation garantieren den Plattenfirmen gute Verkaufszahlen. Deshalb überlegen sie sich immer öfter, ob sich ein Videodreh noch lohnt. „Früher wurde schon eher mal schnell ein Musikvideo produziert. Heute nur noch, wenn es wirklich Sinn macht“, sagt Drebes von Warner Music. Es kommt vor, dass die Plattenfirmen bei den Musiksendern vorfühlen, ob ihr Künstler überhaupt eine Chance auf Ausstrahlung hat. Die Chance verringert sich umso mehr, je weniger Musikclips gezeigt werden. Mittlerweile setzen MTV und Viva verstärkt auf TV-Formate wie „The Osbournes“ oder die „Ali G. Show“.

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