Medien : „Der nächste Populist kommt bestimmt“

Der Medienwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber fordert die Medien auf, ihren Umgang mit dem ehemaligen Hamburger Innensenator Ronald Barnabas Schill aufzuarbeiten

Günter Beling[Hamburg]

Der Hamburger Medienwissenschaftler Hans J. Kleinsteuber hat die Medien aufgefordert, ihr Versagen im Umgang mit dem Rechtspopulisten Ronald Schill aufzuarbeiten. „Der Begriff ,Richter Gnadenlos’ wurde von den Medien erfunden. Schill setzte den Slogan darauf zu seinen Gunsten im Wahlkampf ein. Schill ist ein Produkt der Medien wie kein anderer Politiker in Hamburg“, sagte Kleinsteuber dem Tagesspiegel. Die Medien hätten Schill zur Berühmtheit verholfen: „Im Wahlkampf haben sie ihn wegen seines unkonventionellen Auftretens immer umlagert. Journalisten haben sich freiwillig und unfreiwillig zu Transporteuren seiner Botschaft verwenden lassen. Ich hoffe, dass in den Redaktionen über diesen Vorgang noch länger nachgedacht und diskutiert wird. Denn der nächste Populist kommt bestimmt.“ Die vom Verlag Axel Springer dominierte „einseitige Medienlandschaft“ Hamburgs habe seinen Erfolg begünstigt, sagte der Politologe an der Universität Hamburg: „Er hat seine Karriere in enger Kooperation mit den Medien aufgebaut.“ Offensichtlich habe es in der Stadt für den Rechtspopulismus eine soziale Basis gegeben, die Schills Partei zu knapp 20 Prozent der Stimmen verhalf: „Fakt ist auch: Das in Hamburg vorherrschende Medienhaus wollte einen Wechsel in der Regierung, und das ist gelungen. Das konnte nur mit Hilfe Schills klappen.“

Vor allem die Boulevardblätter „Bild“ und die nicht zu Springer gehörende „Hamburger Morgenpost“ hatten früh drastische Urteile des Amtsrichters geschildert. Und Schill wies Journalisten schon mal gezielt auf interessante Prozesstage hin. Im Vorfeld der Bürgerschaftswahl 2001 berichteten die Springer- Blätter umfänglich über die Drogenszene, Vergewaltigungen, Crash-Kids, Abziehdelikte und Bettelei, über Querelen zwischen Polizei und SPD-Innensenator und untermauerten so Schills Vorwurf, Hamburg sei die „Hauptstadt des Verbrechens“. Über einen massiven Rückgang der Kriminalität etwa beim Straßenraub sei dagegen nur „klein und verschämt hinten im Lokalteil“ berichtet worden, rügte Jugendrichter Achim Katz. RTL Nord ließ Schill sogar zum Trommelschlag durchs Gericht laufen, bevor er dort als Reality-Richter regelmäßig virtuelle Urteile über Verfahren seiner Kollegen abgeben durfte.

Auf den Titelseiten des „Hamburger Abendblatts“ war Schill ein häufig gesehener Gast – nach seinem Wahlsieg „in Regierungslaune“ mit einem Glas Sekt; die Unterzeile zu einem Foto des Rechtspopulisten am Rednerpult der Bürgerschaft lautete „Zeitenwende“, die Koalition erhielt das Prädikat „Bürgerblock“.

Kritiker fanden sich dagegen oft nur in der Meldungsspalte wieder. Bischöfin Maria Jepsen und Gewerkschaftschef Erhard Pumm wurden im „Abendblatt“ gerügt, sie hätten mehr Verständnis für die Dealer als für deren Opfer, weil sie sich nach dem Tod eines Afrikaners gegen den Einsatz von Brechmitteln gegen Drogenhändler ausgesprochen hatten. Erst neuerdings erhalten kritische Berichte zur Regierungspolitik wieder mehr Raum.

Politisch sei Schill verbrannt, prognostiziert Kleinsteuber: „Es wird sich keiner an ihm mehr die Finger schmutzig machen. Aber Schills Entertainment-Qualitäten machen sich vielleicht noch andere zunutze. In einer selbstvergessenen Eventwelt haben solche Leute unter Umständen ihren Marktwert. Vielleicht wird er ja irgendwann so etwas wie eine Verona Feldbusch der Männerwelt.“

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