Medien : Der Neinsager

Einst galt Roger Köppel als Provokateur. Bei der „Welt“ hat es der Schweizer damit schwer

Ulrike Simon

Morgens, im Café Einstein, Unter den Linden. Roger Köppel, seit einem guten Jahr Chefredakteur der „Welt“ in Berlin, hatte vorgeschlagen, sich um sieben Uhr zu treffen. Wir einigten uns auf acht. Köppel kommt ein paar Minuten zu spät. Etwas verhetzt legt er seine beiden prall gefüllten Umhängetaschen und den Discman auf den Stuhl neben ihm. Zu Hause hat er schon die Zeitungen gelesen, danach war er im Fitness-Center, in der Bahn hörte er Jazz-Pop von George Benson. Normalerweise sitzt er morgens bei Starbucks in der Friedrichstraße, trinkt Tee und liest Zeitung. Hier im Einstein sitzen für seinen Geschmack zu viele Journalisten. Stimmt. In den nächsten drei Stunden wird eine ganze Reihe von Kollegen das Café bevölkern.

Köppel könnte bald Chefredakteur jener Zeitung sein, die große Nähe zu einer möglichen Kanzlerin Angela Merkel pflegt. Was ist von ihm zu erwarten?

Schon während des Studiums kam der Schweizer zum Journalismus. Zuletzt war er Chefredakteur der „Weltwoche“. Sein Markenzeichen: Er polarisiert. Ihm wurde großes Talent bescheinigt und der Wille, fest gefügte Meinungen zu erschüttern. Ihm wurde aber auch ein seelenloser Führungsstil vorgeworfen, frenetische Lust an der Provokation und eine zu große Nähe zu dem umstrittenen Rechtspopulisten Christoph Blocher. Als Köppel zur „Welt“ berufen wurde, befürchteten die Redakteure in der Berliner Kochstraße zweierlei: Entweder wird er das traditionell konservative Blatt, das sich zwischenzeitlich anderen politischen Ansichten geöffnet hatte, eindeutig auf den rechten Kurs bringen. Oder er schwächt die Glaubwürdigkeit mit Provokationen um der Provokation willen. Debatten entfachen, Aufmerksamkeit erregen, die „Welt“ ins Gespräch bringen – das erwartete der Verlag von Köppel.

Köppel strahlt nichts aus, wovor man sich fürchten würde. In seinem zu groß wirkenden Anzug traut man ihm nicht einmal die 40 Jahre zu, die er alt ist. Abgesehen von den markanten Kieferknochen wirkt an ihm alles bübisch: die schmalen Lippen, die Brille und vor allem diese kleinen Augen, die abgesehen von Büchern im Leben so wenig gesehen zu haben scheinen. Beim Reden kneift er sie oft zusammen. Vor allem, wenn er aus seinem Gedächtnisspeicher Autor, Titel und Inhalt eines Buches abruft, mit dem er seine Meinung untermauern will. Selbst beim Party-Smalltalk kommt es vor, dass er in zehn Minuten fünf Bücher mit Titel, Autor und Zusammenfassung der Grundthesen aus dem Gedächtnis hervorkramt. Das kann anstrengend sein.

„Thesenritter“ nennt ihn einer seiner Chefredakteurskollegen. Mit seinen zweifellos klugen Reden und seinem Geschick, Themen gegen den Strich zu bürsten, wird er Vorstandschef Mathias Döpfner beeindruckt haben. „Die Welt gehört denen, die neu denken“, lautet der Zeitungsslogan, seitdem Döpfner dort Chefredakteur war. Er konnte damals finanziell aus dem Vollen schöpfen, um das seit jeher defizitäre publizistische Flaggschiff des Verlags zu modernisieren und eine neue Redaktion aufzustellen, danach waren Stellenabbau und die Fusion mit der „Berliner Morgenpost“ angesagt. 40 Millionen Euro wurden dem Vernehmen nach allein in der Redaktion eingespart. Es wäre an der Zeit, wieder für publizistische Furore zu sorgen. In dieser Phase erschien Köppel als der Richtige.

Jetzt, nach Ablauf eines Jahres, kündigt Köppel den Ausbau der Wissenschaftsberichterstattung, ein paar dramaturgische Veränderungen im Politikteil und auf der Forumseite an. „Ich möchte das Blatt näher ans real existierende Tischgespräch der Leute heranführen“, sagt er.

Es blieb nicht beim eleganten Tischgespräch, als die „Welt“ kürzlich auf Seite 1 das Foto einer unbekannten blonden Frau vor einem See unter blauem Himmel druckte. Alles auf dem Bild wirkte sommerlich, sonnig, positiv. Erst auf der unteren Hälfte der Seite war zu lesen: „Warum ich zur NPD ging.“ Die Bildunterschrift verwies auf die Magazinseite im Innenteil des Blattes. Dort ging die Redaktion der Frage nach, „was junge Deutsche in die rechte Protestpartei NPD“ treibt. Die Redakteure fühlten sich provoziert. Denn auf der Magazinseite war nachzulesen, wie es zu dem Foto gekommen war: „Am Ende des Gesprächs schlägt der Pressesprecher vor, sie (das NPD-Mitglied, d. Red.) auf einem Steg vor blauem Seepanorama zu fotografieren.“ Köppel versteht die Aufregung nicht. Für ihn war die redaktionelle Eigenleistung entscheidend dafür, das Thema „auf der Front“ anzukündigen. Die NPD würde zwar wichtiger genommen, als sie in Wirklichkeit sei, sagt er, aber es handle sich um „ein hoch emotionales Thema“, das „gerade in Deutschland“ auf Interesse stoße. Der Schweizer ist sich bewusst, dass er nicht hierher kommen und den Leuten erklären könne, wie ihr Land funktioniert. „Aber ich kann auf die Themen unbefangener zugehen.“ Einige Tage später wurde Köppel bei einem Sommerfest auf die Aufmachung mit dem blonden NPD-Mitglied angesprochen. Es kam zu Anfeindungen. Köppel passiert so etwas öfter.

Aus seinem ersten Jahr an der Spitze der „Welt“ ist vor allem der Abdruck von Auszügen der EU-Verfassung in Erinnerung geblieben. Das gesamte Blatt wurde im Juli 2004 dafür freigeräumt. Vehement argumentierte der Schweizer Importjournalist gegen die Verfassung und forderte einen Volksentscheid. Aber sonst?

Für Köppel mag es ungewohnt sein, aber die Öffentlichkeit schert sich nicht sonderlich um ihn. Deutschland ist anders als die Schweiz, in der alles auf engerem Raum stattfindet, wo einer wie Köppel herausragt und sich die Menschen offensichtlich schneller provozieren lassen. Es liegt wohl auch daran, dass die „Welt“ weit hinter „FAZ“ und „Süddeutsche“ rangiert. Die Auflage sinkt. Zwar meldet die „Welt“ Zuwächse. Sie rühren jedoch von „Welt Kompakt“, für die Köppel nicht verantwortlich ist und deren Auflage einfach zur „Welt“ dazu gerechnet wird. Zudem gibt es für Köppel keinen Grund, wie bei der „Weltwoche“ die Hälfte der Redakteure zu entlassen und ein eigenes Team aufzubauen. Das haben andere vor ihm erledigt. Hier muss er sich arrangieren – auch mit der „Bedeutung, die Kündigungsschutz, Gewerkschaften und Betriebsräte in Deutschland haben“, wie Köppel später noch sagen wird. Arrangieren muss er sich auch mit der Konstruktion, dass es über ihm mit Jan- Eric Peters einen gesamtverantwortlichen Chefredakteur und Herausgeber gibt.

In der Redaktion trifft Köppel nicht auf ungeteilte Zustimmung. Niemand ist bereit, sich mit Namen zitieren zu lassen. Es geht um den Arbeitsplatz. Einer sagt, Amtsmüdigkeit und Resignation hätten sich breit gemacht. Deshalb seien die Morgenkonferenzen schlecht besucht. Es würde sowieso kaum diskutiert. Köppel sagt: „Das ewige Gespräch ist nicht das Ziel.“

Köppel sei überschätzt, sagt ein „Welt“- Redakteur, sein Innenleben gleiche einer „Plattenbausiedlung“. Seine Weltordnung lässt sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Er befürwortet die freie Marktwirtschaft, glaubt an die Selbstregulierungskräfte der Gesellschaft, wertet das Individuum höher als den Staat, dem zu misstrauen ist, zumal das System der Demokratie auf Misstrauen fußt. Köppel sagt: „Ich sage oft nein aus Prinzip. Damit testen Sie die Qualität der Gegenargumente, weil sich der andere erst mal erklären muss.“

Nein sagte er auch zu der Art, wie die Medien in der Schweiz mit dem Rechtspopulisten Blocher und seiner Partei SVP umgegangen sind. Köppel habe seinen anfänglichen Erfolg bei der „Weltwoche“ nahezu zerstört, indem er das Blatt auf Blochers Kurs gedreht und die Leser des ehedem linksliberalen Blattes düpiert habe, heißt es in der Schweiz. Unsinn sei geschrieben, Reflexe bedient worden, sagt Köppel. „Da musste man aus intellektueller Redlichkeit dagegenhalten“, sagt er, kneift die Augen zusammen und erzählt von einer Journalistin, die ihn einmal gefragt habe, ob es stimme, dass er Blocher einmal einen Brief geschrieben habe. Und ob es stimme, dass er mit Blocher zu Abend gegessen habe. Dieser „inquisitorische Stil“ habe ihn an die 70er Jahre erinnert, „als das bürgerliche Lager Buch geführt hat, wenn jemand mal in einer marxistischen Buchhandlung war. Früher warst du linksextrem und von Moskau ferngesteuert, wenn du lange Haare hattest, und in den 90er Jahren war jeder ein Rechter, der etwas sagte, was dem Mainstream nicht gefiel.“ Blochers SVP sei zur stärksten bürgerlichen Partei der Schweiz geworden, obwohl 14 Jahre lang von allen Medien minutiös jede Schwachstelle beleuchtet worden sei.

Viele fragen sich, welche Absicht Köppel mit Artikeln verfolgt, in denen die Pinochets und Berlusconis dieser Welt in positivem Licht erscheinen. Köppel sagt dazu: „Ich hatte immer die Devise: Wenn der Teufel existiert, müssen wir ihn interviewen und herausbekommen, wie er funktioniert.“ So interessierte ihn, welchen Anteil Pinochet an den Wirtschaftserfolgen Chiles hat. Ihn interessiert auch, „warum in Italien Berlusconi gewählt wurde, mehr als die moralischen Anprangerungen, die man zum Thema habe lesen können“. Köppel sagt: „Mich fasziniert die Ambivalenz der Realität. Man muss auch Dinge verstehen wollen, die einem unangenehm sind.“

Vor einiger Zeit soll Köppel in der Redaktion gesagt haben, er wolle Begriffe wie „Lohndumping“, „Neonazis“ oder „Diktatur“ nicht mehr im Blatt lesen. Dieser „taz- Slang“ passe nicht zur „Welt“. Köppel widerspricht. Das gelte nur für „Lohndumping“, einem „negativ aufgeladenen Kampfbegriff“, der Leute diskriminiere, die ihre Leistung billiger anbieten wollen als Wettbewerber. „Wir sind schließlich eine marktwirtschaftlich orientierte Zeitung.“

Parteipolitisch gibt es bei Köppel keine Vorgaben, bescheinigt ihm die Redaktion. Irgendwie interessieren ihn Parteien nicht, auch wenn er neuerdings Politiker wie Angela Merkel oder Franz Müntefering zu Gesprächen mit der Redaktion ein- lädt. Köppel bezeichnet sich als Macht- und Parteienskeptiker. Er kritisiert, zu oft werde zu vieles als gottgegeben hingenommen. Man müsse den Mut haben, „Dinge beim Namen zu nennen und alles, auch und gerade den Sozialstaat, diese heilige Kuh, in Frage zu stellen. Dazu braucht es geistige Lockerungsübungen.“ Derzeit erscheint täglich auf Seite 1 die Kolumne „das polemische Soziallexikon“.

Einer, der ihn aus der Schweiz kennt, sagt, Köppel sei ein hochbegabter Schreiber und Philosoph, fasziniert von Machtpersonen, aber ohne politisches Urteilsvermögen. Hinzu komme die Lust, wider den Mainstream zu argumentieren. Daher sei er gefährdet, sich in Ideen zu verrennen. Köppel tue sich bei der „Welt“ schwer, weil ihm die Journalisten dort intellektuell ebenbürtig sind, sie aber obendrein politische Urteilsfähigkeit besitzen. Konnte er in der Schweiz loyale Mitarbeiter um sich scharen, hat er als Chefredakteur der „Welt“ nicht einmal Personalhoheit.

Kürzlich hat Köppel Teile der Redaktion ins Kino eingeladen. Ridley Scotts Kreuzritter-Spektakel „Kingdom of Heaven“ haben sie sich angesehen. Er wolle solche gemeinsamen Unternehmungen künftig häufiger veranstalten, damit erst gar nicht eine „Unterhändler-Stimmung“ aufkomme und man auch mal die Gelegenheit habe, sich „informell zu begegnen“.

Köppel informell zu begegnen, ist schwer. Er ist wenig zugänglich, das Gegenteil von einem Kumpeltyp. Sicher, man kann sich mit ihm über vieles Interessante unterhalten und bekommt nebenbei Sachbuchtipps. Sobald es um den privaten Kö ppel geht, blockt er aber ab und übt sich im charmanten Grinsen. Nur so viel: Als er auf die Welt kam, war sein Vater Ende 40. Seine Mutter ist früh gestorben, er war der Jüngste, sein Bruder ist zehn Jahre älter. Und sonst? Nach seinen Hobbys gefragt antwortete er einmal: „Ich habe keine Hobbys“. Köppel grinst, piekst ein Stück Obst auf die Gabel und sagt: „Ich kann mit dem Begriff ,Hobby’ nix anfangen.“ Dem Männerblatt „GQ“ hat er verraten, Familie, Sport und Lesen gehörten für ihn zu einem perfekten freien Tag. Köppel lebt allein.

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