Medien : Der Neuro

Reinhard Siemes

"Im Wirtschaftsleben ist nichts ist erotischer als Geld", sagte der Verleger Hubert Burda vor drei Wochen anlässlich eines Verbandstreffen in Berlin. Gleichzeitig beklagte er die handgestrickte und emotionslose Art und Weise, mit der aus Brüssel den Bundesbürgern Lust auf den Euro gemacht werden soll. Wie wahr. Die Krux beginnt schon bei der so genannten Doppelstrategie. Seit Monaten laufen zwei Euro-Kampagnen beziehungslos aneinander vorbei. Die Europäische Zentralbank (EZB) wirbt zusammen mit der Deutschen Bundesbank unter dem Motto "der EURO. UNSER Geld" für die gesichtslosen Scheine und Münzen. Die Arbeitsgemeinschaft Euro (Bundesregierung, Europäische Kommission, Europäisches Parlament) macht Stimmung für die Währung als solche.

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Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Kosten für beide Kampagnen: Etwa 35 Millionen Mark. In beiden Fällen sehen die Anzeigen aus, als seien sie von einem Soziologen entworfen, der sich durch grafische Arbeiten ein Zubrot verdient. Die Arbeitsgemeinschaft Euro zeigt Promis wie Ulrich Wickert, Heike Drechlser oder Petra Gerster als "Münzomanen", die lächelnd auf das 1-Euro-Stück beißen. Dazu werden ihnen wechselnde Plattheiten in den Mund gelegt. Wickert: "Raus, weg, anders denken lernen: Internationaler Austausch ist wichtig und dank Euro noch leichter." Ein Slogan macht die Auftritte endgültig zum Schmierentheater: "Echte Werte setzen sich durch. Der Euro." Immerhin, die Anzeigen sind so schlecht gemacht, dass man sich über die vergeudeten Insertionskosten wunderbar aufregen kann. Dagegen erzeugen die Werke der EZB nicht einmal Unmut - so belanglos und lächerlich gehen sie mit dem Euro um: Pärchen auf Schlittschuhen übt vor einem Nobelhotel die Ballettnummer "Sterbende D-Mark." Beide lächeln. Besonders sie. Denn irgendwie ist ihr ein Zehn-Euro-Schein zwischen die Finger gerutscht.

Falls der Leser seine Verwirrung über die divergierenden Kampagnen vertiefen möchte, kann er zwischen drei Internet-Adressen wählen, die ihn zu höchst unterschiedlichen Websites führen: www.aktion-euro.de , www.euro.ecb.int , www.bundesbank.de/euro . Telefon geht auch und kostet alle 40 Sekunden zwölf Pfennig. Somit ist die werbliche Schizophrenie perfekt: Der Euro wird zum Neuro.

Die Fachzeitschriften "Horizont" und "werben & verkaufen" beklagen einmütig das Werbe-Chaos, die dummen Ideen und das rausgeschmissene Geld. Volker Nickel, Sprecher der deutschen Werbewirtschaft, nennt die Kampagnen ein Kommunikations-Desaster. Und Oliver Voss, Oberkreativer bei Jung von Matt in Hamburg (BMW Mini, Sixt, Apollo), sehnt sich angesichts der beiden Kampagnen zu den Schokoladen-Talern zurück.

Trotzdem, es gibt Hoffnung für den Euro. Die kommt ausgerechnet aus Bayern. Die HypoVereinsbank hat sich mit der Amsterdamer Werbeagentur Wieden, Kennedy und dem Berliner Werbefilmer Ralf Schmerberg eigene Gedanken über die Elfländerwährung gemacht. Die führen zunächst in die gute alte D-Mark-Zeit und zu den Träumen, die sich die Menschen mit den geliebten Münzen und Scheinen erfüllt haben.

Also nicht "Aus die Maus", sondern ein bewusstes Aufgreifen der Gefühle, die jeder hat, der mit der Mark aufgewachsen ist. Dann aber richtet sich der Werbefilm "Goodbye D-Mark" nach vorn - und fordert zu neuen Träumen auf, die mit dem Euro ähnlich schöne Realität werden können wie weiland mit der D-Mark. Für junge Leute ist der Spot vielleicht ein bisschen tränig. Aber er macht den Abschied von der alten D-Mark versöhnlich. Den Gedanken an die neue Wärung auch.

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