Medien : Der Omnipräsident

„Sarkozy-freier Tag“ in Frankreichs Medien gescheitert

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Es sollte mehr als ein Gag sein, die Idee eines „Sarkozy-freien Tages“ in den französischen Medien, zu dem die Initiative „Zusammenschluss für Demokratie im Fernsehen“ (RDT) zum 30.November aufgerufen hatte. Doch um die erhoffte Wirkung zu zeigen, hätten sich die Autoren der Initiative einen anderen Tag aussuchen müssen. Denn am gestrigen Freitag war Nicolas Sarkozy, der „Omnipräsident“, wie ihn die Satirezeitung „Le canard enchaîné“ wegen seiner ständigen öffentlichen Auftritte nennt, so präsent in den Medien wie schon lange nicht mehr.

Mit einem von den Fernsehsendern TF1 und France 2 am Vorabend direkt ausgestrahlten Interview, in dem er sich zu den neuen Krawallen in den Vorstädten, zu den Streiks gegen die Rentenreform und zur Frage der Verbesserung der Kaufkraft der Franzosen äußerte, hatte Sarkozy sozusagen die Agenda für den folgenden Tag bestimmt. Die Frühnachrichten von Fernsehen und Rundfunk machten mit Berichten über Darlegungen des Präsidenten auf. In den Morgenzeitungen war Sarkozy ebenfalls in Wort und Bild der Aufmacher. Viel Neues gesagt hatte der Präsident nicht, vor allem nicht zu der Frage, die den Franzosen derzeit am meisten auf den Nägeln brennt, nämlich wie er denn sein Wahlversprechen einzulösen gedenkt, die Kaufkraft zu stärken.

„An die Arbeit und keine Geschenke“, lautete die Schlagzeile, mit der das Linksblatt „Libération“ das Eingeständnis des Präsidenten überschrieb, dass die Kassen leer sind und es nichts zu verteilen gibt. Eine solche Nachricht kann natürlich keine Redaktion unter den Tisch fallen lassen. Am Zwang zu berichten musste daher, wie von manchen Medienexperten auch unabhängig von dem kurzfristig angesetzten TV-Auftritt des Präsidenten vorausgesagt, der „Sarkozy-freie Tag“ scheitern.

Der Soziologe Pierre Bitoun, der den des „Zusammenschluss für Demokratie im Fernsehen“ ins Leben rief, ist dennoch davon überzeugt, dass er mit seiner Initiative nicht völlig ins Leere stieß. Er habe sich keine Illusionen über die Erfolgsaussichten des „Sarkozy-freien Tages“ gemacht, sagte er in einem Interview. Doch er habe aus vielen Redaktionen Sympathiebekundungen erhalten von Leuten, die wie er „die Nase voll“ hätten von der „Allgegenwart dessen, den Sie kennen“. Es gehe um die Frage der Freiheit der Presse gegenüber einem „System der Beeinflussung der öffentlichen Meinung“ durch ständige Umfragen und TV-Auftritte. Was darüber etwa im Rundfunk gesendet wird, ist, wie ihm die Journalistengewerkschaft SNJ-CGT „entsetzt“ beipflichtet, oft nichts anderes als „Öffentlichkeitsarbeit“.

„Sarkozy legt jeden Tag das Menü fest und beherrscht mit seinen Auftritten die Bühne“, sagt Laurent Joffrin, der Chefredakteur von „Libération“. Diese These vertritt auch der Medienkritiker Christian Salmon. Der Staatschef befolge „auf den Buchstaben“ die Strategie von „spin doctors“, jener Kommunikationsberater von US-Präsidenten, die den Medien immer neue Storys servieren und damit die „Geister formatieren“. Politik werde damit zur 24-Stunden-Schau, in der Entscheidungen weniger zählen als die Inszenierung. Hans-Hagen Bremer, Paris

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