Medien : Der Prinz von Barmbek

Die andere Zeitgeschichte: „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ als ZDF-Zweiteiler

Kerstin Decker

Die Welt des kleinen Jungen könnte nicht schöner sein. Von allen wird er bewundert, er hat Kinder- und sonstige Dienstmädchen. Hans-Jürgen hat dagegen nichts einzuwenden und hegt den strengen, obgleich noch vagen Verdacht, dass diese Bevorzugung damit zu tun haben muss, dass er nicht so ungesund käsig aussieht wie die anderen. Nur sein Großvater, Konsul in Hamburg, hat ungefähr seine Farbe und ist zu allem Überfluss noch ein ehemaliger König der Vai. Natürlich wird sein Vater auch ein König, aber das weiß Hans-Jürgen nicht ganz genau, denn er hat seinen Vater noch nie gesehen. Aber Hans-Jürgen weiß noch vieles nicht, zum Beispiel, dass kleine schwarze Jungen im Deutschland der 30er-Jahre nur ganz selten Hans-Jürgen heißen oder eher gar nicht. Hans-Jürgen weiß auch nicht, dass nicht alle Menschen in Schlössern leben. Bis zu dem Tag, als sein Großvater zurückgeht nach Afrika, um dort Postminister zu werden. Und er und seine Mutter ziehen um. Und zwar nach Barmbek, Stückenstraße, unters Dach.

So fängt das an. Ein kleiner schwarzer Prinz aus einer Hamburger Villa zieht um in die Stückenstraße. Der Hamburger Hans-Jürgen Massaquoi, heute 80 Jahre alt und vor Jahrzehnten schon nach Amerika gegangen, hat seine Erlebnisse aufgeschrieben. Das Buch „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ wurde zum Bestseller. Natürlich waren die Filmrechte nicht ganz billig, natürlich war auch dieser Zweiteiler nicht ganz billig – und es geschieht trotzdem nicht selten, dass eine gewisse Opulenz und Breitwandigkeit die schönste Geschichte verdirbt. Aber hier, unter Jörg Grünlers Regie, passiert das nicht. Im Gegenteil, und obwohl Grünler durchaus einen Film für das größtmögliche Publikum gedreht hat. Es ist, als ob Hans-Jürgen Massaquois Lebensgeschichte nur auf ihre Verfilmung gewartet hätte – auf diese doppelte Sprache: die der Bilder und der Worte. Und beide sagen manchmal ganz dasselbe und doch Verschiedenes. Alles ist hier doppelt, erst recht der Boden. Und das vor allem, weil „Neger, Neger, Schornsteinfeger“ mit dem Blick des Kindes erzählt, einer Unschuld im Angesicht der Welt. Dieser Zweiteiler kann auf jeden belehrenden Gestus verzichten; er hat ihn nicht nötig. Und er kann Zeitgeschichte mindestens so gut erklären wie Guido Knopp: „1935. Alles schoss ins Kraut, Adolf Hitler, die Pflanzen meiner Mutter am Fenster und ich.“ „Ich“ – das sind, mit kluger Anmut gespielt: Luka Kumi (Hans-Jürgen mit fünf bis sechs Jahren), Steve-Marvin Dwumah (Hans-Jürgen mit zehn) und Thando Walbaum (Hans-Jürgen mit 14 bis 19 Jahren). „Meine Mutter“ aber ist Veronica Ferres, mit der Kraft und dem Mut, die einer Frau zuwachsen, die ihr Kind liebt. Alle vier sind die Idealbesetzungen ihrer Rollen, und für die übrigen – die Anwohner der Hamburger Stückenstraße – gilt dasselbe.

Es ist unmöglich, die Leute aus der Stückenstraße nicht zu mögen, und doch erschrickt man immer wieder vor ihnen. So wie Bertha, Hans-Jürgens Mutter, bei einem Zoobesuch vor dem Freigehege mit echtem „Negerdorf“ dahinter: dieselben Nachbarn, die Hans-Jürgen so mögen und ihn vor jedem Zugriff schützen würden, sehen die anderen „Neger“ da hinter Gittern und sprechen von ihnen wie von den Affen und Löwen in den Gehegen nebenan. Und Hans-Jürgens Freunde? Auch Fiete und Klaus rufen wie die anderen Kinder anfangs „Neger, Neger, Schornsteinfeger!“ und sind doch bald seine besten Freunde. Das ist die Unlogik und die Treue der Kinder. Nur zusammen wollen sie ins „Jungvolk“ eintreten, als Fiete Hans-Jürgen erschrocken ansieht: „Aber du kannst nicht ins Jungvolk!“ – Hans-Jürgen: „Warum nicht?“ – „Na, weil du noch nicht zehn bist!“ Gemeinsam entdecken sie eines Tages auf ihrem alten Spielplatz ein Schild, das Nicht-Ariern das Spielen auf ihrem Spielplatz untersagt. Die Kamera schaut von oben auf alle drei im Angesicht des Schildes. Fiete: „Also ich bin Arier!“, Klaus: „Ich auch!“ Da sie bei Hans-Jürgen auch nach längerer Beratung nicht ganz sicher sind, schrauben sie das Schild ab, schließlich ist das ihr Spielplatz. Jörg Grünlers Regie schlägt Funken aus Situationen wie diesen und es gibt viele davon.

Natürlich hat Hans-Jürgen nur einen Wunsch: ein guter nationalsozialistischer Junge zu werden und fürs Vaterland in den Krieg ziehen zu dürfen. Bis ganz zuletzt will er das. So tief ist der Wunsch nach Anerkennung wohl in uns verankert. Und nur momentweise reagiert Hans-Jürgen anders als die anderen. Wenn er lachend nach einem schweren Bombenangriff auf Hamburg die Menschen aus den Kellern kriechen sieht: „Die sehen jetzt genauso schwarz aus wie ich!“

„Neger, Neger, Schornsteinfeger“, ZDF, Sonntag und Montag, 20 Uhr 15

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