Medien : Der Quoten-Park

Professoren, Journalisten, Schönlinge, Jäger: „Die vergessene Welt“ ist ein angenehm altmodischer Dinosaurier-Film

Tilmann P. Gangloff

Mag ja sein, dass zunächst eine rein kommerzielle Erwägung den Ausschlag gegeben hat. Aber dann muss es sie irgendwann doch gepackt haben: die Lust aufs große Abenteuer. „Die vergessene Welt“, entstanden nach dem schon mehrfach adaptierten Roman von Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle, ist ein richtig schön altmodischer Abenteuerfilm. Produziert wurde er von Tim Haines. Das ist der Mann, der für die BBC die Dinos zum Leben erweckt hat („Dinosaurier - Im Reich der Giganten“, Pro Sieben). Die sensationellen Bilder, die positiven Kritiken, vor allem aber die ausgezeichneten Einschaltquoten: All das war viel zu verführerisch, um es nicht ein weiteres Mal in klingende Münze umzuwandeln.

Treuherzig erzählt Haines, es habe ihn frustriert, „dass bei ,Walking with Dinosaurs’ keine Menschen dabei waren. So ist es schwierig, einen Eindruck von der Größe dieser Tiere zu vermitteln.“ Kein Problem: Dann macht man eben einen Spielfilm draus. Schade nur, dass ein gewisser Steven Spielberg vor knapp zehn Jahren dieselbe Idee hatte („Jurassic Park“). In diesem Fall ist das allerdings egal, weil „Vergessene Welt“ (Regie: Stuart Orme) trotzdem funktioniert und RTL heute eine gute Quote gegen den ARD-„Tatort“ machen dürfte. Bleibt die Frage, ob Haines’ Dinos gut genug wären, um den Vergleich mit Hollywood zu bestehen. Auch das Problem war rasch gelöst, denn die Tiere stammen aus den Rechnern der britischen Firma Framestore. Die Londoner sorgten bereits dafür, dass Menschen und Saurier in „Dinotopia“ (RTL) in perfekter Harmonie miteinander lebten.

Die Stärke von „Vergessene Welt“ aber liegt darin, dass die Dinos bloß Mittel zum Zweck sind. Nicht sie stehen im Mittelpunkt der Geschichte (Drehbuch: Tony Mulholland, Adrian Hodges), sondern die Menschen. In Doyles 1912 erschienenem Roman machen sich zwei britische Wissenschaftler auf die beschwerliche Reise ins Amazonasgebiet. Dort, behauptet der unternehmungslustige Professor Challenger (Bob Hoskins), gebe es einen von der Außenwelt abgeschnittene Art Garten Eden, in dem noch Saurier existierten. Die Fachwelt reagiert mit Hohn und Spott. Dennoch gelingt es Challenger, eine Expedition zusammenzustellen.

Begleitet wird er von seinem größten Gegner (James Fox als herrlich blasierter Snob), einem Reporter (Matthew Rhys) und dem Schwerenöter Lord Roxton (Tom Ward). Es dauert zwar eine Stunde, bis der erste Saurier auftaucht, doch das macht gar nichts. Auch ohne Dinos erleben die Reisenden viele Abenteuer. Wie anspruchsvoll dieser von RTL koproduzierte Zweiteiler ist, zeigt die Tatsache, dass neben allen Spannungssteigerungen noch Zeit ist für einen Disput zwischen den Wissenschaftlern, die natürlich Darwins Evolutionstheorie vertreten, und einem etwas verbissen wirkenden Geistlichen (Peter Falk). Der Gottesmann entpuppt sich später als nicht besonders wählerisch in seinen Mitteln, wenn es gilt, die reine Lehre der Evangelien zu verteidigen.

Ohnehin imponiert der Film durch seine Mischung aus Abenteuerelementen und entspannenden Momenten. Für die sorgt vor allem der verweichlichte Reporter, auf den es alles, was im Urwald kreucht und fleucht, abgesehen zu haben scheint. Dafür darf er mit der Nichte des Geistlichen eine scheue Romanze erleben. Waghalsige Klettertouren über gähnende Abgründe und Affenmenschen, die sich als reichlich blutrünstig erweisen, Dinosaurier aller Art und ein klassischer „Cliffhanger“ zum Abschluss von Teil eins – „Vergessene Welt“ bietet richtig großes, packendes Fernsehen.

Vorsicht allerdings, wer glaubt, dies sei ein fröhliches Abenteuer für die ganze Familie. Teil zwei beginnt mit einem reichlich brutalen Ritual der Affenmenschen, das der Lord mit einem humorlosen Massaker beendet. Dafür ist der Schluss wieder ein großes Plädoyer für die Menschlichkeit.

„Die vergessene Welt: heute und am Dienstag um 20 Uhr 15, RTL.

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