Der "Radio-Tatort" der ARD : Krimi im Kopf

Auch in der TV-Sommerpause: Jeden Monat gibt es einen neuen „Radio-Tatort“. Die neueste Folge stammt vom RBB und heißt "Unantastbar".

Gefrusteter Kommissar: Alexander Khuon, festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin, leiht seine Stimme regelmäßig dem „Radio-Tatort“ des RBB.
Gefrusteter Kommissar: Alexander Khuon, festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater Berlin, leiht seine Stimme regelmäßig dem...Foto: rbb/Gundula Krause

Schläge, Verwünschungen, jemand wird als „braune Litfaßsäule“ beschimpft, der Drangsalierte gerät langsam in Panik, dann fällt ein Schuss. Was genau passiert ist, lässt sich nur ahnen, zu sehen ist nichts, denn es handelt sich um die Einstiegsszene aus der neuen Folge des ARD-„Radio-Tatort“, der in diesem Monat vom Rundfunk Berlin-Brandenburg stammt. Die Folge trägt den Namen „Unantastbar“. Ein etwas irritierender Titel, denn das Opfer ist offenkundig alles andere als unantastbar. Im Polizei-Jargon bedeutet dies jedoch etwas ganz anderes. Da bezeichnet unantastbar Mörder, deren Schuld zwar augenfällig ist, die aber trotzdem nicht belangt werden können, weil ihnen die Tat nicht hieb- und stichfest nachgewiesen werden kann. So wie bei dem nun ermordeten Carsten Wienhold. Der Neonazi stand im Verdacht, eine Polizistin ermordet zu haben. Doch die Ermittlungen blieben erfolglos.

Bevor am kommenden Sonntag die Wiener Kommissare Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) mit „Virus“ in die neue „Tatort“-TV-Saison starten, werden an diesem Sonntag im „Radio-Tatort“ Oberkommissar Alexander Polanski und sein Kollege Lehmann zum Ort des Geschehens in die Hasenheide gerufen. Den „Radio-Tatort“ gibt es seit 2008, jeden Monat – auch im Sommer – kommt eine neue Folge der ARD-Regionalradios hinzu.

Autor der neuen Folge ist Wolfgang Zander, der die Geschichte an V-Mann-Einschleusungen bei der NPD und den NSU-Fällen angelehnt hat. Einen kleinen Seitenhieb gegen die Beschönigung von Kriminalstatistiken konnte er sich zudem nicht verkneifen: Die Hasenheide wurde aus der Liste der Orte mit besonders hoher Kriminalität gestrichen, mit der Folge, dass dort nun wesentlich weniger Polizei patrouilliert und zudem keine Videoüberwachung mehr stattfindet. Weil darum weniger Straftaten festgestellt werden, tritt auch der statistisch gewünschte Effekt ein. Dabei ist Kommissar Polanski – gesprochen von Alexander Khuon – ohnehin arg gefrustet. „Der Mensch ist böse, von Grund auf“, verrät er Lehmann beim Kneipenbesuch.

Eine Million Hörer hat der "Radio-Tatort" regelmäßig

Im direkten Verglichen mit dem TV-„Tatort“, den schon mal zehn oder mehr Millionen Zuschauer einschalten, nehmen sich die Hörerzahlen des „Radio-Tatort“ bescheiden aus. Auf allen Verbreitungswegen von der Direktausstrahlung über die verschiedenen ARD-Wellen bis zu den Online-Mediatheken erreichen die Radio-Krimis in der Spitze eine Million Hörer. Doch für die Hörspielfreunde im Publikum und vor allem für die Vertreter dieses Radio-Genres in den Rundfunkhäusern ist das Format dennoch ein Segen. Es zeigt, dass diese Ausdrucksform, bei der die Vorstellungskraft der Hörer eine bedeutendere Rolle als im Fernsehen spielt, auch heute noch ihre Berechtigung hat.

Hörspiele gehören für das RBB-Kulturradio neben der klassischen Musik und nicht-fiktionalen Wortbeiträgen zu den wichtigsten Säulen. Wegen des hohen Aufwandes sind Hörspiele allerdings auch besonders teuer, weiß Jens Jarisch, beim RBB für Features und Hörspiele verantwortlich. Die Zweiländeranstalt, innerhalb der ARD einer der kleineren Sender, schafft es dennoch, jeden Monat ein neues Hörspiel zu veröffentlichen. Zum Vergleich: Der WDR mit dem Sendegebiet des bevölkerungsreichsten Bundeslandes, kommt im Jahr auf 60 neue Produktionen. Von den „Radio-Tatorten“ profitieren aber sowohl große als auch kleine Sender. Durch dieses Format erhält das RBB-Kulturradio auch bei jenen Menschen eine größere Aufmerksamkeit, die sonst wegen der klassischen Musik eher nicht einschalten.

Der Erfolg des „Radio-Tatort“ befeuert zugleich immer wieder die Diskussion, ob man nicht auch sonst verstärkt auf populärere Produktionen setzen sollte. Mit der Neuinterpretation von Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ 2016 wird diesem Bestreben auch Rechnung getragen. Aber zum Programmauftrag gehören für Jarisch auch solche Preziosen wie „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun. Nach den derzeitigen Planungen wird das Hörspiel in zwei Teilen an den beiden Weihnachtsfeiertagen gesendet. Ein weiteres Highlight steht in Kürze an: Am 27. August steht „Kommt ein Pferd in die Bar“ von David Grossmann mit Ulrich Matthes als Hauptdarsteller auf dem Programm. Und natürlich an diesem Sonntag der „Radio-Tatort: Unantastbar“ um 14 Uhr 04 im RBB-Kulturradio.

Die ARD-Webseite zu den "Radio-Tatorten".

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