Medien : Der Redakteur, der aus Moskau kam

Markus Wolf kehrte kurz nach Kriegsende aus dem Exil zurück und arbeitete für den Berliner Rundfunk. Der Ex-Spionagechef erinnert sich

Gunnar Decker

Den letzten „Panzerbär – Kampfblatt zur Verteidigung Groß-Berlins“ gibt’s am 29. April 1945. Dann 16 Tage lang nichts. Am 15. Mai signalisiert die sowjetamtliche „Tägliche Rundschau“ den Weltwechsel. Bereits zwei Tage zuvor nimmt der „Berliner Rundfunk“ im alten Gebäude des Reichsrundfunks in der Masurenallee seinen Betrieb auf. Feldkabel der Roten Armee ersetzen defekte Sendeleitungen.

Erster Intendant ist Hans Mahle. Der hatte als Emigrant zuvor beim Moskauer Rundfunk gearbeitet und dann das „Nationalkomitee Freies Deutschland“ mitgegründet, einen Bund von gefangenen Wehrmachtsoffizieren, die sich für Hitlers Sturz und ein schnelles Ende des Krieges erklärten. Dafür war er vom Reichskriegsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Anfang der 50er als Westspion verdächtigt, wird er als Verkäufer in einen Landkonsum nach Mecklenburg verbannt. Manch einen, der wegen demokratischer Gesinnung in der sowjetischen Besatzungszone in eine Schlüsselposition gekommen war, trifft es schlimmer. So wird der erste Außenminister der DDR, Georg Dertinger (CDU), 1954 wegen „Spionage“ zu 15 Jahren Haft verurteilt. Da spielt man längst ein anderes Spiel: Kalter Krieg.

Im Frühsommer 1945 also ist Berlin in alleiniger Hand der Sowjetarmee. Und bleibt es für drei Monate. Noch beraten die Siegermächte über die Aufteilung des Deutschen Reichs in Besatzungszonen und Berlins in Sektoren, da schafft die sowjetische Militäradministration bereits Fakten. Am 10. Juni werden wieder Parteien zugelassen. In höchstem Tempo erscheinen auch neu lizensierte Zeitungen unter sowjetischer Militärkontrolle.

Als die Westalliierten nach den Beschlüssen von Jalta ebenfalls in Berlin einmarschieren, meldet der amerikanische Oberkommandierende General Eisenhower frustriert nach Washington: „Alle Redaktionsräume und Druckereien sind im sowjetischen Sektor gelegen.“ Und selbst das Reichsrundfunkgebäude in der Masurenallee steht weiter unter sowjetischer Kontrolle, weil es zur Reichspost gehört und die ist wie die Reichsbahn Teil der sowjetisch besetzten Zone. Erst im Laufe des August 1945 erscheinen in Berlin die ersten der von den drei Westmächten lizensierten Zeitungen: ab 27. September 1945 auch der Tagesspiegel.

Bereits Mitte Mai war die Gruppe Ulbricht aus Moskau nach Berlin zurückgekehrt. Ihr Flugzeug musste noch östlich der Oder landen. Am 25. Mai landet dann das erste Flugzeug wieder in Tempelhof. In ihm sitzt auch ein leitender Journalist der Politikredaktion des „Berliner Rundfunks“. Noch weiß er das aber nicht, denn Ulbricht wird erst einige Tage später die Posten im Fünfminutentakt unter seinen Gefolgsleuten verteilen: Widerspruch ist nicht zugelassen. Michael Storm nennt sich der 22-Jährige. Bis 1949 wird er als Redakteur, Kommentator und Sprecher beim Berliner Rundfunk arbeiten. Mit echtem Namen heißt er Markus Wolf. Er sollte den Beruf wechseln.

Als Wolf aber Ende Mai ’45 das Sendegebäude in der Masurenallee betritt, läuft im Innern die Alltagsbürokratie des Goebbelsschen Reichsrundfunks unbeeindruckt weiter, als wäre nichts geschehen. Eine Hand voll Abgesandte des neuen sowjetischen Zeitalters dirigieren 700 Alt-Mitarbeiter. Der junge Mann, der sich soeben ein freies Zimmer in den Labyrinthen des Sendegebäudes gesucht hat, braucht nun auch Papier und Schreibzeug – und bekommt stattdessen ein Antragsformular für die Verwaltung. Der junge Mann hat bereits eine spezielle Radioerfahrung.

In Moskau war er für den Einsatz hinter der deutschen Front trainiert worden, aber da nie eine mit dem Fallschirm abgesprungene Gruppe durchgekommen war, arbeitet er seit 1943 beim „Deutschen Volkssender“. Die Redaktionskonferenzen finden im „Hotel Lux“ statt, Ulbricht und Pieck sind immer dabei: Journalismus als Parteiauftrag unter Kriegsbedingungen. Der „Deutsche Volkssender“ sendet von Moskau aus nach Deutschland, ist Teil der psychologischen Kriegsführung. Dass er aus Moskau kommt, sollen die Hörer darum auch nicht wissen, der Legende nach ist es ein Sender aus dem deutschen Untergrund. Wolf selbst spricht die Frontkommentare. Stolz ist er immer noch auf die subversiven „Geisterstimmen“, die sie auf gleicher Frequenz in Sendungen des Reichsrundfunks hineinstrahlten, bevorzugt in Goebbelsreden.

Dann sind beim „Berliner Rundfunk“ vom einen zum anderen Tag fast alle Sprecher weg, unter Wehrwolfverdacht verhaftet, erinnert sich Storm. Er spricht nun also seine Sendungen selbst, eine Mischung von Agitation für die Sowjetunion und echtem Versuch, Lähmung und Apathie in der Bevölkerung zu überwinden. Einmal hat er auch Ulbricht in seiner Sendung und weil er dessen fistelndes Sächsisch nur schwer erträgt, schlägt er ihm vor, sich künftig von einem professionellen Sprecher vertreten zu lassen. Wolf ist Perfektionist. Ulbricht lehnt den Vorschlag allerdings brüsk ab.

Am Anfang bleiben fast alle Mitarbeiter des Goebbelschen Reichsrundfunks angestellt. Sie machen gemeinsam gutes Radio, findet Storm. Der erste Personalchef war Wehrmachtspfarrer gewesen und kam über das „Nationalkomitee freies Deutschland“ auf diesen Posten. Der schaute zuerst nach den Fähigkeiten der Einzelnen. Aber schon 1947 wird er durch einen SED-Beauftragten ersetzt, der sofort die besten Leute aus politischen Gründen entlässt, was Wolf fatal findet. Denn die gingen natürlich zum RIAS. Nur einmal in seiner Radiozeit arbeitet er unter seinem wirklichen Namen. Da ist er Korrespondent bei den Nürnberger Prozessen.

Sitzt man ihm im „Café Spreeblick“ nahe seiner Wohnung im Nikolaiviertel gegenüber, vergisst man fast, dass dies hier nicht nur ein Gespräch mit einem Nachkriegs-Radiopionier und Autor so amüsanter Bücher wie „Die Geheimnisse der russischen Küche“ ist. Wolf war mit dreißig Jahren schon General und brachte es bis zum stellvertretenden Minister für Staatssicherheit der DDR. Konspiration ist seine zweite Natur. Eines seiner Bücher, die er heute (natürlich erfolgreich) schreibt, nennt der Sohn des Schriftstellers Friedrich Wolf (16 Bände Werkausgabe!) „Die Kunst der Verstellung“. Man kann also nicht sagen, dass man nicht gewarnt worden sei.

Wolf wirkt eher wie ein erfolgreicher Diplomat im Ruhestand: mit Charme und wohltönender Stimme, reflektiert und im rechten Maß ironisch. So, als sei er es, der die Transparenz erfunden habe: die leibhaftige Antithese zu aller Geheimdiensttuerei. Allerdings, die Augen blitzen ungewöhnlich aufmerksam. Von der Verbitterung so vieler Ostler spürt man bei ihm nichts. Vielleicht liegt es daran, dass er seinen Vorruhestand schon 1987 selbst gewählt hat. Natürlich haben er und der brutale Mielke sich gehasst. Aber wie groß sind die Unterschiede in der Sache? Als Anfang ’89 sein halbherziges Perestroika- Buch „Die Troika“ erscheint, schreibt Margot Honecker dem „lieben Mischa“, schön, dass ein Kommuninist trotz allem „nie an seiner Partei zweifelt, dass er Kommunist bleibt“. Und fügt hinzu, wohl in einem Anflug von Irritation, „oder interpretiere ich etwas in die ,Troika’ hinein?“ Wolf: Meister im Säen solcher Irritationen. Der politische Auftrag ist in ihm jedoch immer stärker als alle innere Neigung geblieben. Aber wer gibt wem Aufträge? Heiner Müllers Revolutionsstück „Der Auftrag“ zeigt das Dilemma von solch einem blindlings befolgten Auftrag, der sich unweigerlich in Verrat verwandelt.

Beinahe wäre auch Markus Wolf zum Theater gekommen. Oder soll man sagen, zum Theater entkommen? Der erste Nachkriegsintendant des Deutschen Theaters, Gustav von Wangenheim (der schon nach einer Spielzeit wieder gehen musste), hatte Wolf im „Klub der deutschsprachigen Werktätigen“ in Moskau spielen sehen und wollte ihn nun an sein Theater holen. Eine Rolle gibt es auch schon für ihn, den jungen Tempelherrn in „Nathan der Weise“, mit dem das DT am 7. September 1945 wiedereröffnet wird. – Was willst du denn am Theater, hatte Ulbricht gesagt und abgewinkt. Und Wolf tat, was er immer tat: er gehorchte.

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